Cyber-Krieg Virtuelle weiße Fahne

Nach Meinung amerikanischer Militärs sind Computernetzwerke das wichtigste Angriffsziel in künftigen Kriegen. Die Grünen im Bundestag fürchten ein digitales Wettrüsten. Sie fordern nun eine "Cyber-Friedenspolitik"

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Zumindest im Umgang mit der Welt der Computernetze besinnen sich die Grünen wieder auf ihre Wurzeln als Friedenspartei und hissen die virtuelle weiße Fahne: "Es besteht die Gefahr, dass ein neuer elektronischer Rüstungswettlauf entsteht. Noch kann er gebremst und vielleicht angehalten werden", sagt Grietje Bettin, medienpolitische Sprecherin der Partei. Und ihr Fraktionskollege Winfried Nachtwei, Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestages sekundiert, man erwarte "von der Bundesregierung, dass sie nicht mitmacht bei der Cyber-Rüstungsspirale."

Cyber-War: Krieger der Zukunft
[M] DPA

Cyber-War: Krieger der Zukunft

Die Dramatik ist gerechtfertigt. Mit der am Mittwoch in Berlin vorgestellten Initiative "Für eine friedliche Nutzung des Cyberspace" reagieren die Grünen vor allem auf Entwicklungen aus den USA. Dort wollen führende Militärs die Cyber-Kriegsführung (Information Warfare) nach längerer Vorbereitung unter der Regierung Bush als Waffe der Zukunft etablieren. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sieht informationsgestützte Militäroperationen als eine der wichtigsten nationalen Sicherheitsherausforderungen an. Und Präsident George W. Bush habe unlängst die Bedrohungen durch Attacken auf die Netze an zweiter Stelle gleich hinter den Angriffen mit biologischen Waffen genannt, sagt Parlamentarier Nachtwei.

Dass das nicht folgenlos bleibt, stellte nicht zuletzt der frühere Pentagon-Berater James Adams in einem Interview klar: "Die Bush-Administration wird in der informationsgestützten Kriegsführung stark aufrüsten." Diese Cyber-Aufrüstung wird nach Meinung der Grünen auch Auswirkungen auf andere Staaten haben. Grund genug, die Erklärung zur "Cyber-Friedenspolitik" für das Netz vorzulegen.

"No first use"

Kernpunkt ist der geforderte Verzicht auf den Ersteinsatz von Cyber-Waffen ("No first use"). Außerdem fordern die Grünen, dass zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser nicht Ziele in etwaigen Cyberkriegen werden dürfen. Für die Entwicklung von Cyber-Waffen wird ein Moratorium vorgeschlagen, das mittelfristig von einer internationalen Konvention zur friedlichen Nutzung des Cyberspace abgelöst werden soll.

Parallel zum Verbot der offensiven Nutzung setzen sich Bettin und Nachtwei für einen Ausbau der defensiven Möglichkeiten ein. So böten dezentrale Infrastruktursysteme einen besseren Schutz gegen Angriffe von außen. Außerdem plädieren die Grünen-Politiker für Open-Source-Software, welche die angriffsanfällige "Microsoft-Monokultur" ablösen sollten. Und nicht zuletzt sprechen sie sich gegen Abhörschnittstellen bei Computersystemen aus, schließlich könnten diese "Einfallstore für Cyberangriffe darstellen".

Wie realistisch ist der Cyber-Krieg?

Wie könnten solche Attacken aussehen? Neben physischen Angriffen, etwa mit Mikrowellen, die elektronische Geräte lahm legen, dürften vor allem Viren und andere Schadprogramme ein wichtige Rolle spielen. In den Computernetzwerken des Gegners könnten sie Daten löschen, Computer zum Abstürzen bringen oder die Rechner sinnlose oder gar falsche Aufgaben ausführen lassen. Dabei helfen könnten digitale Hintertürchen in der gegnerischen Software, die dort wohlweislich im Voraus platziert wurden.

Im Zeitalter der vernetzten Systeme wäre solch eine Art Angriff für eine Industrienation der Todesstoß. Nicht nur Kommunikationsnetze könnten zum Absturz gebracht werden, jegliche Infrastruktur, etwa Strom oder Wasserversorgung, würde bei diesen Attacken ihren Geist aufgeben.

Die US-Regierung ist entschlossen, rund 30 Milliarden Dollar in den Fidnet-Schutzschild zur landesweiten Abwehr solcher Hackerangriffe zu investieren. Da müssen auch Bedrohungsszenarien her: Chinesen, Iraker, Kubaner. Die Feinde von gestern sind die Feinde von morgen, ausgestattet mit mutmaßlichen Cyberkriegern. Wie gefährlich diese eines Tages tatsächlich sein werden, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Der vermeintliche amerikanisch-chinesische Hackerkrieg im Frühjahr nach dem Streit um das US-Spionageflugzeug erschien angesichts der für die Zukunft skizzierten Szenarien gerade mal wie ein laues Lüftchen.

Auch die Bundeswehr-Führung interessiert sich für den Computerkrieg. Allerdings will dort niemand vom "Cyberwar" sprechen, sondern von "Informationsoperationen." Der IT-Direktor der deutschen Truppen, Klaus Hahnenfeld formuliert es bürokratisch: "Wir analysieren mögliche Bedrohungspotenziale, entwickeln aber auch Fähigkeiten zum Schutz der Streitkräfte vor den spezifischen Gefährdungen bei der Nutzung modernen Informationstechnologie."

Die Begehrlichkeiten der Truppe sind also geweckt. Eine parlamentarische Diskussion darüber habe es bislang nur in Fachgremien, wie dem Unterausschuss für Abrüstung gegeben, sagt Nachtwei. Er skizziert dabei ein mögliches Problem der Zukunft. Zwar habe das Parlament über die Entsendung von Truppen zu befinden, doch was bedeute diese Formulierung überhaupt im Cyberkrieg? Antworten soll die Debatte bringen, die die Grünen mit ihrem vorgestellten Papier anstoßen wollen.

Am Rande der Veranstaltung war auch zu hören, warum die Bundeswehr derzeit kaum mit Angriffen feindlicher Hacker zu rechnen habe. In vielen Bereichen seien aus Geldmangel eigene, mit dem Rest der Welt inkompatible "Insellösungen" geschaffen worden, die Eindringlingen wenig Chancen ließen, war da zu hören. Neuerwerbungen böten diesen Vorteil wohl kaum.



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