Cybercrime 2011 BKA legt Lagebericht zur Internetkriminalität vor

Weniger Fälle, höherer Schaden, gleichbleibende Gefährdung: So schätzt das Bundeskriminalamt die Lage der Online-Kriminalität im Jahr 2011 ein. Doch der Bericht zeigt vor allem, dass die Behörden Probleme haben, statistisch belastbare Zahlen zu liefern.

BKA-Bericht "Cybercrime 2011": Weniger Fälle, mehr Schaden
dapd

BKA-Bericht "Cybercrime 2011": Weniger Fälle, mehr Schaden


Es hat im Jahr 2011 etwas weniger Fälle von Internetkriminalität gegeben als im Jahr davor; dafür haben diese aber einen größeren Schaden verursacht. Dies geht hervor aus einem "Cybercrime"-Bericht des Bundeskriminalamts (BKA, PDF-Datei, 483 KB). Insgesamt sei die Anzahl der Fälle leicht rückläufig, von 59.839 auf 59.494, der angerichtete Schaden jedoch sei innerhalb eines Jahres angestiegen: von 61,5 Millionen auf 71,2 Millionen Euro.

Der Löwenanteil des bezifferten Schadens entfalle mit rund 50 Millionen Euro auf den Bereich Computerbetrug (26.723 Fälle). Dazu zählt das BKA beispielsweise Phishing-Mails und gestohlene Kreditkartendaten. Der Schaden durch den Betrug mit Zugangsdaten - zum Beispiel durch geklaute Passwörter oder das Umgehen von SIM-Locks - liege bei 21,2 Millionen Euro (4720 Fälle).

Diese Zahlen erlauben allerdings keine belastbaren Aussagen, da "zu lediglich zwei Deliktsbereichen eine statistische Schadenserfassung erfolgt", wie es in dem BKA-Bericht heißt. Sie reichten aber für eine Einschätzung der Entwicklungstendenzen. "Die wirklichen Schäden", sagte Jörg Ziercke, Präsident des BKA, gestern auf der Pressekonferenz zum Lagebericht in Berlin, "liegen weit über den erhobenen Zahlen."

Im Jahr 2011 seien den Polizeibehörden 15.726 Fälle von Ausspähen oder Abfangen von Daten (+3,5 Prozent), 7.671 Fälle von Fälschung beweiserheblicher Daten und Täuschungen im Rechtsverkehr bei der Datenverarbeitung (+12 Prozent) und 4.644 Fälle von Datenveränderungen und Computersabotage (+84 Prozent) bekannt geworden.

Zu Computerbetrug zählt das BKA Kontenplünderungen durch Phishing-Mails und gestohlene Kreditkartendaten; zum Betrug mit Zugangsdaten gehören geknackte SIM-Locks bei Mobiltelefonen ebenso wie gestohlene Zugangsdaten zu kostenpflichtigen Internetdiensten.

Grundlage des Lagebilds sind laut BKA die Daten aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), Erkenntnisse aus dem kriminalpolizeilichen Nachrichtenaustausch zu Sachverhalten der Kriminalität und externe Quellen.

Das ist nicht die einzige Relativierung der eigenen Zahlen: Der Lagebericht enthält gleich mehrere Formulierungen, in denen die Aussagekraft der Daten in Frage gestellt wird. Im Fall der Schadenshöhe ist die Sache klar: Die statistische Auswertung fällt den Polizisten schwer, weil einzelne Fälle von Internet-Kriminalität in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PSK) nicht unter "Cybercrime" zusammengefasst, sondern anderen Kategorien zugeschrieben werden. Dies führe dazu, dass "keine auf validen Daten basierenden Aussagen zum tatsächlichen Ausmaß in diesen von den Strafverfolgungsbehörden als relevant wahrgenommenen Segmenten des Bereichs Cybercrime möglich" seien, etwa gezielten Überlastungsangriffen (DDos), Phishing und virtueller Erpressung.

Ein weiteres Problem sei die Dunkelziffer, die laut Experten viel größer ist als in anderen Kriminalitätsfeldern und auch nur schwer einzuschätzen. Gerade in den Bereichen Computersabotage und Datenveränderung fehlen Daten: Opfer bemerken Angriffe nicht oder verschweigen sie aus Angst um ihren Ruf; viele Angriffe scheitern an Sicherungseinrichtungen und werden mangels finanzieller Schäden gar nicht erst angezeigt.

"Intensität der kriminellen Aktivitäten hat zugenommen"

Trotzdem ist sich das BKA sicher: "Unabhängig von der Entwicklung der reinen Fall- bzw. Schadenszahlen […] haben die Intensität der kriminellen Aktivitäten im Bereich Cybercrime und das für jeden Internetnutzer bestehende Gefährdungspotential weiter zugenommen."Laut einer Umfrage des Branchenverbandes BITKOM habe schon jeder zweite deutsche Surfer "persönliche Erfahrungen mit Internetkriminalität gemacht".

Das BKA vertraut "der Analyse von öffentlich zugänglichen Quellen" für eine statistisch nur wenig fundierte Einschätzung der Bedrohungslage. Das äußert sich auch in der unscharfen Prognose zukünftiger Gefahrenpotentiale: In Zukunft seien insbesondere Mobilgeräte wie Smartphones betroffen. Je mehr Leute sie besitzen, desto eher sei "mit einer Zunahme der Fallzahlen zu rechnen", heißt es in dem Bericht.

Trotz der relativierten Zahlen sehen die Berichtschreiber vom Bundeskriminalamt - wenig überraschend - Handlungsbedarf. Im lauwarmen Abschlusssatz heißt es: "Nach Einschätzung des BKA wird der Bereich Cybercrime auch in den kommenden Jahren ein weiter wachsendes Problem darstellen, welchem die Sicherheitsbehörden sowohl präventiv als auch repressiv weiterhin entschlossen entgegenwirken müssen."



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waldos 19.09.2012
1. Sind da die Anwälte schon mitgezählt
die da zu mindestens 99,99 % unberechtigte Abmahnungen mit teils gigantischen Bussgeldforderungen verschicken, oder sind das noch "normale Verbrecher"?
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