Cyberkrieg: Angriff ist die schlechteste Verteidigung

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US-Militärs wollen dem Datendiebstahl nicht länger tatenlos zusehen - und offensiv gegen Hacker vorgehen. Noch werden sie von der Regierung von Cyber-Gegenangriffen abgehalten. Denn der Strategiewechsel würde große Gefahren bergen. Auf Mausklicks könnten Bomben und Raketen folgen.

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Corbis

Unterwegs im Netz: USA warnen Hacker

Hamburg - Wenn ihr uns hackt, sprengen wir euch in Stücke: Die USA haben dieses Jahr klar Position zum Umgang mit Angriffen aus dem Internet bezogen. Sollte ein Hackerangriff kritische Infrastrukturen treffen und Menschenleben gefährden, soll in letzter Konsequenz mit herkömmlichen Mitteln - also mit allem, was die Streitkräfte in Bewegung setzen können - zurückgeschlagen werden.

Gerichtet ist die Warnung an Staaten, die Hacker auf amerikanische Netzwerke ansetzen. Die große Sorge, spätestens seit einem Stromausfall im Jahr 2003, der angeblich von einem Computerwurm verursacht worden sein soll und 50 Millionen Menschen betraf: Angreifer haben längst Rechnernetze unterwandert und "logische Bomben" platziert, kleine Programme, die nur noch auf einen Befehl von außen warten, um einen Stromgenerator zu überlasten oder um einen Flughafen lahmzulegen - so weit das Horrorszenario.

Die markigen Worte sollen der Abschreckung dienen und einen Cyberkrieg verhindern, der das öffentliche Leben in den gegnerischen Staaten zum Stillstand bringen könnte. Die USA wähnen sich verwundbar wie kein anderes Land der Welt: Große Teile der Wirtschaft, wichtige Versorgungseinrichtungen, darunter das Stromnetz, und sogar das Militär hängen wesentlich vom Internet ab.

Keine Strategie für wirksame Hackerabschreckung

Ausgerechnet vom Internet, das ursprünglich als kleines Netzwerk von Forschern gestartet wurde, weitgehend ohne zentrale Kontrolle, dafür mit großer Fehlertoleranz und viel Vertrauen in die netten Kollegen. Seitdem hat sich an der Grundarchitektur nicht entscheidend viel geändert - Nutzerkreis und Einsatzfelder sind aber massiv angewachsen. Deswegen fehlen dem Internet aber Sicherheitsvorkehrungen, es existieren große Einfallstore für Manipulation und Missbrauch; einer davon ist das Adresssystem des Internets.

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Cyberwar: Vom Internet-Angriff zum bewaffneten Konflikt
So gibt es nach Angaben des Pentagon jeden Tag mehrere Millionen Versuche, in eines der rund 15.000 Netzwerke oder einen der rund sieben Millionen Rechner des US-Militärs einzudringen. Zum Teil erfolgreich, wie das Verteidigungsministerium am Donnerstag mitteilte. Über die Jahre sollen wichtige und geheime Daten von Militärs und Rüstungsunternehmen ausgespäht worden sein - 24.000 Pentagon-Dateien habe ein ausländischer Geheimdienst im März dieses Jahres kopieren können, Einfallstor sei das Netzwerk einer Rüstungsfirma gewesen.

Ebenfalls präsentiert wurde eine Strategie, wie man mit den zunehmenden Hackerangriffen und mit Spionage umgehen will: vor allem defensiv. Die Sicherheitsvorkehrungen sollen erhöht werden, man müsse besser aufpassen, sich gegenseitig warnen - vor allem Innenministerium, Finanzministerium und das Weiße Haus hätten ein aggressiveres Vorgehen gegen Eindringlinge aus dem Internet verhindert, berichtet ein Regierungsinsider dem US-Magazin "Wired".

Manche US-Militärs halten nichts von diesem Kuschelkurs: Die Armee soll in die Offensive gehen, nicht länger nur tatenlos zusehen, wenn Hacker angreifen, sondern über das Internet zurückschlagen: Cyber-Vergeltung gegen Cyber-Angriffe. "Wenn ein Angriff auf mich okay ist und ich nichts anderes mache, als jedes Mal meine Verteidigung zu verbessern, dann ist es sehr schwierig, sich eine Strategie zur Abschreckung zu überlegen", sagte General James E. Cartwright laut "New York Times". Militärs seien zu 90 Prozent damit beschäftigt, bessere Firewalls einzurichten. "Es gibt derzeit keine Bestrafung für einen Angriff."

USA schwer verwundbar, Nordkorea im Vorteil

Das Problem: Wen angreifen, wenn unbekannte Hacker über einen Server in Russland amerikanische Netzwerke stören? Und womit? Wann wird aus Spionage, wie sie gang und gäbe ist, ein kriegerischer Akt? Wann handelt es sich schlicht um Kriminalität?

Die Lage ist höchst unübersichtlich. 20 bis 30 Staaten sollen Kapazitäten für einen Cyberkrieg aufgebaut haben, schreiben der ehemalige Terror-Berater der Regierung, Richard Clarke, und Robert Knake in ihrem alarmistischen Buch "World Wide War". Binnen Sekunden können Angriffe über das Internet ausgeführt werden, es braucht keine Satelliten oder Flugzeugträger. Selbst ein Land wie Nordkorea könnte, so schreiben die Autoren, den USA gefährlich werden: Würden Staatshacker Stromnetze lahmlegen, würde das auch Operationen der US-Armee beeinträchtigen.

Auf der anderen Seite sei ein Land wie Nordkorea für einen Cyberangriff der Amerikaner weniger verwundbar: Es gebe schlicht nicht genug wichtige Rechnernetze in dem Land. Noch ein anderes Land sehen die Autoren im Vorteil, sollte ein Cyberkrieg tatsächlich ausbrechen: China. Die dortigen Machthaber haben das Netz weitgehend unter Kontrolle, könnten den chinesischen Teil des Internets zügig vom Rest der Welt abtrennen.

Keine Offensive aus Rücksicht auf die eigenen Netze

Selbst wenn die USA "logische Bomben" in chinesischen Netzen platziert hätten, könne die Aktivierung mangels Netzzugang scheitern, warnen Clarke und Knake. In den USA hingegen gebe es bisher kaum Anstrengungen, das Internet insgesamt zu schützen - das Militär kümmert sich um seine Netzwerke, das Department of Homeland Security arbeitet mit der freien Wirtschaft zusammen. Doch sowohl die Bush- als auch die Obama-Regierung scheuten neue Gesetze zur bessern Netzsicherung.

Der Posten des Internetsicherheitsberaters des Präsidenten, genannt Cyber-Zar, ist denn auch mangels Einflussmöglichkeiten, der immensen Herausforderungen und unterschiedliche Interessen von Wirtschaft und Behörden wenig beliebt: Lange Zeit war die Stelle vakant, Dutzende Kandidaten sagten ab. Mittlerweile ist doch einer gefunden worden: Der ehemalige Ebay-Sicherheitsmanager Howard A. Schmidt hat den Job im Dezember 2009 angetreten.

"Es gibt keinen Cyberwar", hatte Schmidt im vergangenen Jahr dem US-Magazin "Wired" gesagt. "Ich halte das für eine schreckliche Metapher und einen furchtbaren Begriff. In dem Umfeld gibt es keine Gewinner." Auch das viel beschworene Szenario, die Sabotage des US-Stromnetzes, hält er für höchst unwahrscheinlich. Er habe noch nie gehört, dass das Stromnetz gehackt worden sei - höchstens Computer von Energiekonzernen, die mit der Steuerung der Infrastruktur aber nichts zu tun hätten.

Mehr Kontrolle oder Abkopplung wichtiger Infrastruktur

In "World Wide War" warnen die Autoren ihre Regierung hingegen vor einem Cyber-Angriff: Die Infrastruktur der USA sei viel zu verwundbar, um die Konsequenzen einer Eskalation im Cyberspace unbeschadet zu überstehen. Die Risiken seien schlicht zu groß, dass über das Internet angegriffene Staaten ihrerseits zum virtuellen Gegenschlag ausholen. Sollten die Folgen so verheerend sein, wie befürchtet - tagelange Stromausfälle, Zusammenbruch des Finanzsystems - bliebe den USA dann nur noch der Einsatz von Bomben und Raketen. Dass ein paar Mausklicks einen Krieg auslösen, gelte es unbedingt zu verhindern.

Also doch mehr in die Netzsicherheit investieren? Das Internet bombenfest machen? Mehr Kontrolle, Überwachung, Steuerung, so wie China es vormacht? Eigentlich notwendig, schreiben Clarke und Knake, aber alles andere als wahrscheinlich. Der Cyber-Zar ist zu schwach, die Interessen der Internetfirmen sind anders gelagert. Nachdem die Obama-Regierung angekündigt hatte, sich intensiv um das Thema Cybersicherheit zu kümmern, fand Schmidt beruhigende Worte: "Ich bin seit den Anfängen des Internets dabei. Wir wollen nicht, dass es sich dahingehend ändert, dass es nicht mehr verfügbar ist und wir nicht mehr Dinge anonym machen können."

Es hilft also nur, weiter Firewalls aufzurüsten und wichtige Netzwerke gänzlich vom Internet abzukoppeln - wie es vielfach bereits gehandhabt wird.

Einige Leute im Pentagon sehen das allerdings anders.

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insgesamt 73 Beiträge
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1. Bin Laden ist tot...
whocaresbutyou 15.07.2011
... USA sucht neue Bedrohung Ok, niemand käme auf die Idee den Datendiebstahl einiger ausklinkter, "anonymer" Möchtegernfreiheitskämpfer als gerechtfertigt oder gar positiv zu bezeichnen... Aber aus der Sommerlochmeldung über amerikanische Cyber-Hirngespinste zu folgern, dass bald auf den vermutlichen Standort einer IP-Adressen Raketen regnen, ist doch wohl eher nicht ernst zu nehmen. Bevor ich losziehe und jemanden erschieße, der in meiner Küche den Kühlschrank plündert, schließe ich doch lieber mal meine Haustür ab. Und wer im Glashaus sitzt, sollte nicht nach anderer Leute Kühlschrank schielen, sonst landet die erste Rakete womöglich irgendwann im Weißen Haus... Grüße an die CIA ;)
2. Ach ja,
Viminal 15.07.2011
China das große Vorbild in Sachen Internetsicherheit. Nur dumm dass China das Internet nicht aus Angst vor dem bösen Ausländer so "abgesichert" hat, sondern aus Angst vorm eigenen Volk. Warum wollen nun ausgerechnet US-Amerikaner dem nacheifern?
3. Titel nerven
hubert heiser 15.07.2011
Zitat von whocaresbutyou... USA sucht neue Bedrohung Ok, niemand käme auf die Idee den Datendiebstahl einiger ausklinkter, "anonymer" Möchtegernfreiheitskämpfer als gerechtfertigt oder gar positiv zu bezeichnen... Aber aus der Sommerlochmeldung über amerikanische Cyber-Hirngespinste zu folgern, dass bald auf den vermutlichen Standort einer IP-Adressen Raketen regnen, ist doch wohl eher nicht ernst zu nehmen. Bevor ich losziehe und jemanden erschieße, der in meiner Küche den Kühlschrank plündert, schließe ich doch lieber mal meine Haustür ab. Und wer im Glashaus sitzt, sollte nicht nach anderer Leute Kühlschrank schielen, sonst landet die erste Rakete womöglich irgendwann im Weißen Haus... Grüße an die CIA ;)
Woran merkt man, dass es den USA schlecht geht? Sie zetteln eine Auseinadersetzung, vorzugsweise militärischer Natur an. Sie sollten nicht von sich auf andere schließen, schon gar nicht auf Amis ;-) ... sollte im Keller scheißen.
4. Stromausfälle?
yarx 15.07.2011
Wie bescheuert muß man denn sein, wenn man hochsensible Infrastruktur via Internet vernetzt? Ja, Kleinanlagen und unkritische Dinge wie Heizungen und Klimaanlagen vielleicht. Aber Kraftwerke? Wozu? Die haben auch ohne Internet prima funktioniert. Ampelanlagen in Städten, was sollen die im allgemeinen Netz? Ist ja ganz nett, wenn man als Service-Techniker nicht mehr vor Ort muß, aber das geht auch über abgeschottete Netze. Sicher ist das teurer. Und genau das ist der Knackpunkt. Es wird am falschen Ende gespart. Wer aber aus Kostengründen bei lebenswichtigen Anlagen auf absolute Sicherheit verzichtet, der ist nur zu bemitleiden.
5. Danke für den Lacher
Gani, 15.07.2011
"Noch ein anderes Land sehen die Autoren im Vorteil, sollte ein Cyberkrieg tatsächlich ausbrechen: China. Die dortigen Machthaber haben das Netz weitgehend unter Kontrolle, könnten den chinesischen Teil des Internets zügig vom Rest der Welt abtrennen." Und die USA (und auch Europa) können genau so schnell dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Wo hier also ein Vorteil für China sein soll, erschliesst sich auch nur ganz wenigen...
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