CYBERKUNST Wo es kein "da" gibt

Netzkünstler thematisieren die Spannung zwischen physischer und virtueller Realität.


Wo befindet man sich, wenn man "im Netz" ist? "There is no 'there' there", hat der amerikanische Netz-Guru John Perry Barlow über den "Cyberspace" geschrieben. Wo es kein "da" gibt, haben Künstler eine Reihe von Projekten realisiert, mit dem Ziel, die nicht-materielle Welt des Internet mit der materiellen Welt des "RL" (Real Life) zu verbinden. Dazu gehört zum Beispiel Richard Kriesches "Telematic Sculpture 4": Für die Venedig-Biennale 1995 hatte der Österreicher eine Arbeit realisiert, die sehr real und sehr brutal den physischen mit dem virtuellen Raum verband: Im österreichischen Pavillon stand auf Eisenbahnschienen eine Art Rammbock, der sich langsam auf eine Wand des denkmalgeschützten Gebäudes zubewegte. Die Fahrt, die im Laufe der Ausstellung unweigerlich zu einer Kollision zwischen Rammbock und Wand führen mußte, konnte nur durch eins aufgehalten werden: das Internet und seine Nutzer. Jedesmal, wenn sich jemand in einen mit der Skulptur verbundenen Server einloggte, wurde die Fahrt kurz unterbrochen.

Auch der Telegarden des amerikanischen Künstlers Ken Goldberg ist ein Interface zwischen dem "raumlosen Raum" des Internet und der "wirklichen Welt": Per Internet können Besucher aus der ganzen Welt in einem kleinen, kreisrunden Beet Blumen pflanzen und online hochpäppeln.

Immer wieder gibt es in der Netzkunst Arbeiten, die man als "virtuelle Reisetagebücher" bezeichnen könnte. Dazu gehört zum Beispiel "Exodus" von Michael Bielicky, der 1995 während der Ars Electronica auf der Route, die Moses auf der Flucht aus Ägypten benutzte, durch Israel reiste und diese Tour als eine Art weltweite Performance online dokumentierte; oder eine Reihe von Projekten, die eine Gruppe von Künstlern um Philip Pocock und Felix Huber durchführten: "Artic Circle" protokollierte eine Reise durch den Norden Kanadas, "Tropic of cancer" eine Reise durch Mexiko.

Auch der "Siberian Deal" von der Österreicherin Eva Wohlgemuth und der Amerikanerin Kathy Rae Huffman gehört zum Genre der Internet-Reisetagebücher. Die beiden Künstlerinnen flogen im September 1995 nach Rußland; während ihrer Reise veröffentlichten sie online einen multimedialen Reisebericht, dessen Entstehen Internet-User in der ganzen Welt "in Echtzeit" mitverfolgen konnten.

Sie hatten Sibirien als Reiseziel ausgewählt, weil das englische Wort "Siberia" eine phonetische Nähe zu dem Internet-Modewort "Cyber" aufwies. Gleichzeitig stellten sich Huffman und Wohlgemuth Sibirien als eine unwirtliche, unzivilisierte Gegend vor - und somit als territoriales Gegenstück zum "Nicht-Ort" Internet. Wohlgemuth: "Der reale, physische Ort Sibirien wird als Metapher für etwas anderes benutzt." Die Reise konfrontierte die beiden Künstlerinnen mit harschen materiellen Realitäten statt mit "virtual reality": Die Telefonleitungen waren schlecht und so überlastet, daß die beiden oft erst morgens um vier eine Verbindung bekamen, um ihre Daten nach Österreich zu senden.

Auch der Engländer Heath Bunting arbeitet an der Verbindung zwischen dem "virtuellen Raum" des Internet und dem wirklichen, physischen Raum, durch den er ununterbrochen reist. Der Brite, der angeblich seit September 1996 keine eigene Wohnung mehr hat, sondern permanent unterwegs ist, arbeitet bereits seit Anfang der neunziger Jahre mit Computernetzwerken.

1994 veröffentlichte er in der Mailbox "Cybercafe" die Nummern aller Telefonzellen am Londoner "Kings Cross", und bat die anderen User, diese an einem Sommernachmittag im August anzurufen. Gegen sechs Uhr hatte sich laut Bunting der ganze Platz mit einer "riesigen Techno-Crowd gefüllt, die zu dem Sound von klingelnden Telefonen tanzte".

Auch spätere Projekte verbanden den physischen mit dem virtuellen Raum: "Visitor's Guide to London" ist eine Reise durch unspektakuläre Winkel der britischen Hauptstadt, in die ein Tourist nie kommen würde. Als Graffiti-Künstler hat Bunting in London mit Kreide Häuserwände bemalt, und er hinterläßt noch heute gerne die folgende Internet-Adresse als Graffiti an Orten, die er besucht hat: http://www.irational.org/x. Wer diese URL in seinen Browser eingibt, gelangt zu einem Formular, in das er eintragen soll, wo er dieses Graffiti gesehen hat. Die Antworten geben ein beeindruckendes Abbild von der Reisetätigkeit Buntings: Das Graffiti ist nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland, den Niederlanden, Ungarn, Slowenien, in Hawaii und Australien sowie auf einer Fähre nach Helsinki gesichtet worden.

Auch die Antworten auf die Fragen "Wer hat das Deiner Ansicht nach gemalt? Und warum?" sind bemerkenswert: Ein Augenzeuge vermutet, daß das Graffiti gemalt wurde, um auf die Obdachlosen-Zeitung "Big Issue" hinzuweisen, ein anderer tippt auf einen "Psychopathen, der andere vor etwas warnen will"; wieder ein anderer hielt es für Werbung für eine Porno-Site.

Vielleicht der amüsanteste Beitrag zum unsicheren, undefinierten "Territorium" des Internet ist eine Arbeit des Studentenduos Candela2 von der Gesamthochschule Kassel. Sie haben ihre Homepage zum "offiziellen Zentrum des Internet" erklärt

Das "Zentrum des Internet" ist ein sehr dezidierter Hinweis auf eine Eigenschaft des Internet, die Parlamenten und anderen Regulatoren in den vergangenen Jahren viel Kopfzerbrechen bereitet hat: Das Internet ist ein "distribuiertes" Computernetzwerk, und hat darum kein Zentrum, bei dem zum Beispiel gesetzliche Regulierungen ansetzen könnten. Wenn es kein Zentrum des Internet gibt, kann jeder seine Homepage, seinen Computer oder seinen Serverrechner dazu erklären - als künstlerische Setzung: Gibt mir einen festen Punkt im Online-Universum, und ich hebe das ganze Internet aus den Angeln...

SPIEGEL ONLINE 13/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags



© SPIEGEL ONLINE 1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.