Cybermüll Ist das Internet krank?

Ist es wirklich schon so weit, dass die virtuelle Welt im eigenen Abfall erstickt? Bedarf es eines neuen, eines "digitalen" Umweltbewusstseins? Nach Auffassung der "Umweltorganisation" BIOS ist es dafür allerhöchste Zeit.

Von Niels Gründel


Genau wie in den Anfangsjahren von Greenpeace begrüßen auch die Enthusiasten von BIOS die Besucher mit einem weisen Apachen-Spruch aus der Ära vor Hard- und Software: "Wenn der weiße Mann die Natur zerstört hat, wird er sich einen Lebensraum schaffen, der keinen Ort hat, um seine Fehler zu wiederholen". Doch diesmal scheint die Rettung so einfach, sie soll schon einen Klick weiter liegen! Ganz so einfach ist es natürlich nicht, aber BIOS versteht sich als erste Organisation, die für den Schutz des Internets als menschlichen Lebensraum kämpft. Klar, dass da erst einmal ein digitales Umweltbewusstsein geschaffen werden muss!

Denn das Internet ist krank. Kränker geht es kaum noch. Es wird an allen möglichen Ecken verschmutzt und zugemüllt: mit schlechten, veralteten Webseiten, Junkmails und mausetoten Links. Suchmaschinen stehen nach Auffassung der Retter im Pakt mit den digitalen Umweltverschmutzern und lassen den Suchenden in der virtuellen Welt umherirren. Millionen von fortschrittlichen, intelligenten Menschen verheddern sich so in ergebnislosen und zeitraubenden Recherchen.

Suchmaschinen geben zwar vor, ein Mittel gegen das Chaos zu sein, doch es gibt auch eine andere Logik: Je mehr orientierungslose User, desto mehr Traffic beschert dies den Suchmaschinen. Und je mehr gescheiterte Suchanfragen, desto länger die Verweilzeiten, und das bedeutet nicht nur mehr Mausklickerei, sondern für die Betreiber vor allem mehr Einnahmen für die Werbebanner.

Zugegeben, bei manchen Suchmaschinen liegt dieser Eindruck nahe, vor allem wenn auf eine Anfrage unzählige Male nur dieselbe Webadresse ausgespuckt wird.

Aller Anfang ist schnell

Die Schaffung eines Umweltbewusstseins gelang Organisationen wie Greenpeace in der realen Welt erst nach Jahren. In der virtuellen, schnelllebigen Welt soll es aber im Handumdrehen gehen. Gerade Anfang Mai wurde von (echten) Menschen aus der Berliner "Start-up- und Multimedia-Szene" BIOS gegründet. BIOS steht für "Better Internet Orientation Squad For Digital Environment", also für eine Truppe, die sich eine bessere Ausrichtung des digitalen Lebensraums Internet zum Ziel gesetzt hat.

Natürlich waren sich die Gründer darüber im Klaren, dass sich die reale von der virtuellen Umwelt unterscheidet. Niemand braucht gute Websites zum Atmen. Aber zur gezielten, befriedigenden Information oder zum problemlosen Buchen, Einkaufen und Kommunizieren ohne Verlust von Zeit, Geld und Nerven ist ein "sauberes" Internet-Milieu die Voraussetzung. Das notwendige Bewusstsein dafür zu schärfen und zu entwickeln ist das Ziel von BIOS.

Internet World in Berlin: BIOS "sprengte" die Eröffnungsveranstaltung
BIOS

Internet World in Berlin: BIOS "sprengte" die Eröffnungsveranstaltung

Richtig in Aktion setzte sich BIOS bei der Internet World in Berlin. Nach eigenen Angaben "sprengte" die Schar der digitalen Umweltschützer die offizielle Eröffnungsveranstaltung. Ganz so radikal war es dann nicht. Nicht nur die Messe war überschaubar, auch die Störaktion. Anfangs reagierte der Eröffnungsredner aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, der Parlamentarische Staatssekretär Siegmar Mosdorf, auf die Plakataktion mit Unverständnis. Nach einem kurzen Gespräch lud er die Aktionisten dann zu einem Gespräch ins Ministerium. Ähnlich interessiert soll sich Florian Langenscheidt vom Vorstand der Brockhaus AG gezeigt haben.

Nach der Plakataktion wurden die Besucher direkt vor den Toren der Messehallen an einem Aktionsstand begrüßt und von den "Umwelt-Polizisten" aufgeklärt. Trotz allem begeistert der missionarische Eifer von BIOS nicht alle Netzmenschen. Im Messageboard der Netz-Ökologen prophezeit "Eddy" ihnen schon den baldigen Untergang, denn "die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche ... Und so wird diese sinnlose Site verschwinden, wie sie auftauchte, aus dem Müll".

Eine Menge BIOS im Müll...

Das Gründertrio Knipping, Bartel, Schönpflug - leicht anonymisiert: Beliebt macht man sich mit solchen Aktionen nicht unbedingt
BIOS

Das Gründertrio Knipping, Bartel, Schönpflug - leicht anonymisiert: Beliebt macht man sich mit solchen Aktionen nicht unbedingt

Vielleicht liegt er gar nicht so weit daneben, denn die meistgehasste Seite des Webs in der "digitalen Trashcan", einer Einrichtung zur Entsorgung der miesesten Webseiten durch jedermann, ist die BIOS-Seite selbst. Chris Knipping, einer der Mitbegründer von BIOS, gibt sich aber optimistisch, denn "das Thema digitaler Umweltschutz ist auf dem Tisch." Zensur ist seine Sache nicht, der bessere digitale Lebensraum soll durch "eine Art freiwilliger Selbstkontrolle" verwirklicht werden, aus "Rücksichtnahme auf die Ressourcen Zeit und Aufmerksamkeit aller anderen User".

Wer keine große Lust auf einen digitalen "Kampf" hat, der kann sich auf der altbewährten "Müllseite" des Webs amüsieren. Die endgültige Müllseite ehrt besonders missratene Seiten des Webs durch eine Erwähnung in den regelmäßig erscheinenden Newslettern schon seit 1997. Die höchste Auszeichnung erringt, wer den nur einmal jährlich erhältlichen "Ultimate Trash Site Award" bekommt.

Dieser "besteht aus einer massiven Pixel-Masse und ist 18 Kilobyte schwer". Im neuesten Newsletter kann die E-Commerce-Ruine der Firma Osan viel Anerkennung verbuchen, doch das Gästebuch der Müllseite strotzt vor Neidern, die sich alle um den seltenen und heiß begehrten Award bewerben.

Die Konkurrenz im Netz der Netze ist eben hart. Selbst um die schlechtesten Seiten herrscht schon der allgegenwärtige Verdrängungswettbewerb.



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