Cyberwar Der Krieg aus dem Netz

Der Krieg im Cyberspace ist längst keine Hollywood-Vision mehr: Mittlerweile spielen sich immer mehr Bürgerkriege und internationale Krisen auch im Internet ab.

Von Martin Paetsch


Die thailändische Zeitung "The Nation" hatte am Mittwoch vorletzter Woche einen prominenten Gastautor: José Ramos-Horta, 49, Friedensnobelpreisträger und Vorkämpfer für die Unabhängigkeit der indonesischen Provinz Osttimor, warnte in einem Artikel die indonesische Regierung vor einer Fortführung ihrer Terroraktionen. Wenn der Inselstaat das am Montag stattfindende Referendum in der ehemaligen portugiesischen Kolonie behindere, drohe dem Land nicht nur der heftige Widerstand der Bevölkerung Osttimors, sondern auch ein massiver Angriff aus dem Cyberspace.

Krieg aus dem Computer: Der Cyberwar ist längst Realität
AP / DPA [M]

Krieg aus dem Computer: Der Cyberwar ist längst Realität

Mehr als hundert Hacker, zum größten Teil Teenager aus Portugal, Spanien, Irland, Belgien, Brasilien, den USA und Kanada hätten einen eigenen Kampfplan vorbereitet, warnte Ramos-Horta: "Sie zielen auf das gesamte Computernetzwerk der indonesischen Regierung, der Armee, der Banken und Finanzinstitutionen, um Chaos zu erzeugen." Außerdem würden spezielle Computerviren entwickelt, um die indonesischen Telekommunikationssysteme zu infizieren, darunter auch die Kommunikation des Luftverkehrs.

Auch wenn normalerweise gut informierte Quellen wie das "Hacker News Network" (HNN) in der Szene bislang noch keine diesbezüglichen Aktivitäten feststellen konnten, wäre es doch nicht das erste Mal, dass der Konflikt um Osttimor auch aufs Internet übergreift. Bereits 1997 hatten portugiesische Internet-Aktivisten eine Webseite der indonesischen Regierung gekapert und sie mit Protestbotschaften versehen. Anfang dieses Jahres schlug eine Gruppe pro-indonesischer Hacker zurück: Sie legten für 24 Stunden einen irischen Server lahm, der die virtuelle Top-Level-Domain Osttimors (.tp) beherbergte.

Der Cyberkrieg um Osttimor ist kein Einzelfall. Ob im Kosovo-Krieg, der Kaschmir-Krise oder der Fehde zwischen China und Taiwan, bei nahezu jedem internationalen Konflikt bekämpfen sich die gegnerischen Parteien mittlerweile auch über das globale Datennetz. Im Kosovo-Krieg etwa griffen serbische Hacker verschiedene Webserver in Nato-Ländern an und verschickten E-Mails, die Computerviren in die Rechner schleusten. Auch die USA blieben nicht untätig: Das Magazin "Newsweek" berichtete Ende Mai, die Regierung habe die CIA beauftragt, sich in die Rechner ausländischer Banken einzuhacken, um die Bankkonten Milosevics zu manipulieren.

In der Krise zwischen Taiwan und China kam es ebenfalls zu zahlreichen Angriffen übers Internet. Anfang des Monats lieferten sich Hacker beider Seiten einen regelrechten Wettstreit im Verunstalten von Webseiten. Den Festlandchinesen gelang es dabei immerhin, auf der Homepage des taiwanesischen Geheimdienstes die Fahne der Volksrepublik zu hissen. Auch die Gegenpartei konnte Erfolge vermelden: Zeitweise bekamen Surfer auf der Internetseite der chinesischen Regierung die Nationalhymne Taiwans zu hören, die ein Hacker dort installiert hatte.

Solche "Website Defacements" dienen zwar zumeist nur der Propaganda. Mit der zunehmenden Vernetzung des Finanzsystems, der Telekommunikation und der Energieversorgung wächst aber die Gefahr, dass bei einem Cyberkrieg auch die Infrastruktur eines Staates empfindlich geschädigt wird. Gerade in den hochtechnisierten USA geht seit einiger Zeit die Angst vor einem "digitalen Pearl Harbor" um. In einer Rede vor einem Senatskomitee warnte der damalige CIA-Chef John Deutch schon 1996 vor den möglichen Auswirkungen eines Cyberkrieges: "Attacken auf das Informationssystem, in welcher Form auch immer, könnten nicht nur unseren Alltag stören, sie gefährden auch die nationale und wirtschaftliche Sicherheit."

Dass derartige Befürchtungen nicht ganz unbegründet sind, zeigte ein Test, den das US-Verteidigungsministerium 1997 initiierte. Für die Operation "Eligible Receiver" beauftragte es 35 Computerspezialisten der National Security Agency (NSA), in simulierten Attacken die Computernetze der Regierung anzugreifen. Innerhalb von zwei Wochen gelang es den NSA-Hackern, in verschiedene sensible Regierungsnetze einzubrechen. Wären die Angriffe echt gewesen, hätten die Eindringlinge damit in Teilen des Landes die Stromversorgung und die Notrufnummer außer Kraft setzen können.

Auch andere Regierungen haben mittlerweile erkannt, welche Möglichkeiten das Datennetz für die Kriegsführung bietet. Nach Informationen der CIA arbeiten bereits mehrere Länder am Aufbau eigener Cyberwar-Programme, Gerüchten zufolge sollen darunter Israel, Frankreich, Nordkorea und China sein.

Gerade China scheint sich besonders für den Cyberkrieg zu interessieren: Die Volksrepublik sieht die Informationstechnologie als eine Chance, um im Krisenfall ein Ungleichgewicht in der konventionellen Bewaffnung auszugleichen. Einem Pentagon-Bericht vom Februar dieses Jahres zufolge arbeitet Peking an Methoden, um mit Computerviren gegen ausländische Netzwerke vorzugehen. Die Zeitung "Befreiungsarmee", das Organ der chinesischen Streitkräfte, forderte vor kurzem sogar ein Trainingsprogramm, um China auf einen Internet-Krieg vorzubereiten. Dazu sollen zivile Hacker angeworben und "Cyber-Krieger" an den Armeeschulen ausgebildet werden.

Auch die amerikanischen Geheimdienstler sind offensichtlich schon auf die Idee gekommen, jugendliche Computertalente zur Landesverteidigung zu rekrutieren. Auf ihrer Webseite wirbt die National Security Agency derzeit mit verschiedenen Ausbildungsmöglichkeiten, darunter auch ein spezielles Programm, das sich an Studenten im Grundstudium richtet. Als Zugangsvoraussetzung werden nicht nur besondere Talente in den Bereichen Mathematik und Computerwissenschaften gefordert, sondern auch Kenntnisse in mittelasiatischen, ostasiatischen oder slawischen Sprachen.



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