Das FBI gesteht Ja, wir arbeiten am Schnüffelsystem "Magic Lantern"

Selten hat es ein so schrilles Gegacker um ein (noch) ungelegtes Ei gegeben: Das Gerücht, das FBI wolle Trojaner-Viren als Schnüffelwerkzeug einsetzen, bringt die Bürgerrechtler auf die Barrikaden. Jetzt steht fest: Es ist kein Gerücht.


Knapp zwei Wochen ist es her, dass die brisante Information durchsickerte: Das FBI, hieß es zuerst bei "Wired", entwickelt einen Trojaner, um damit Verdächtige zu observieren. "Magic Lantern" sei der Codename des Projektes, das darauf ziele, eine Beobachtung von Verdächtigen auch dann zu ermöglichen, wenn diese ihre Internet-Kommunikation verschlüsselten.

Denn Magic Lantern soll auf den Rechnern der Oberservierten "hinterlegt" werden und dann im Bedarfsfall jeden Tastaturanschlag protokollieren. Greift man aber Informationen vor ihrer Verschlüsselung direkt am Eingabegerät ab, ist wirklich kein Schutz mehr möglich. Weltweit holten Datenschützer und Bürgerrechtler erst einmal sehr tief Luft, bevor sie zu einem sehr langen "Aber" ansetzten.

Denn für solche Praktiken gibt es derzeit in Amerika keine Rechtsgrundlage - und natürlich auch nicht hier zu Lande.

"Problematisch" ist dabei nicht der Akt der Observation: Die kann durch einen richterlichen Erlass sanktioniert werden. Problematisch ist vielmehr der Einsatz einer Technik, die durch bestehende Gesetze dem kriminellen Umfeld zugeordnet ist: Der Einsatz und die Verbreitung von Trojanern ist strafbar.

Der Plan des FBI wirft also eine ganze Reihe von Grundsatzfragen auf, die ausdiskutiert und gegebenenfalls in eine Veränderung der Rechtslage überführt werden müssten. Das politische Klima für solche Vorstöße ist in den USA (noch) günstig: Es gibt halt "Lecks", die treten genau dann auf, wenn man sie braucht.

Seit heute ist "Magic Lantern" über den Status eines Gerüchtes hinaus. "Wir arbeiten an so etwas", sagte FBI-Sprecher Paul Bresson der Presse in San Francisco. "Wir können nicht ins Detail gehen, weil sich das Projekt noch in der Entwicklung befindet".

Das ist auch nicht nötig, denn mögliche Details diskutieren seit zwei Wochen schon Unternehmen, die direkt von Magic Lantern betroffen wären: Es geht - natürlich - um die Entwickler von Virenschutz-Software.

Kundenproteste

Trend Micro war Anfang Dezember ins Gerede gekommen, sich in geheimen Sitzungen mit dem FBI bereit erklärt zu haben, die FBI-Trojaner künftig aus den Virenscans auszunehmen. Ein Sturm der Entrüstung brach los, der Trend Micro zu so eindeutigen und vehementen Dementis zwang, dass diese wohl kaum zurückgenommen werden können.

Diese Woche nun ließen Vertreter der führenden Unternehmen verlauten, dass es zu keiner freiwilligen Einverständniserklärung ihrerseits kommen würde. Virenschutz-Software sei dazu da, Trojaner zu finden und auszufiltern, nicht, sie zu ignorieren.

Das freut die Kunden, aber kaum das FBI: Die "Entwicklungsarbeit" an Magic Lantern dürfte sich in engen Grenzen halten. Technologien zur Aufzeichnung von Tastatureingaben gibt es erstens seit langem, und zweitens wie Sand am Meer. Was fehlt, ist die Rechtsgrundlage - und ein Verfahren, das Virenscanner "außer Gefecht setzt", so dass die Polizei-Trojaner nicht gefunden werden können.

Über den Rest der Technologie dürfte das FBI verfügen: Die amerikanische Bundespolizei gehörte weltweit zu den "early adopters" des so genannten "key loggins". Mit richterlichem Segen überwacht das FBI längst die Tastaturen von Verdächtigen - mit dort hinterlegten "Wanzen". Magic Lantern würde hier nicht mehr als eine "Arbeitserleichterung" bedeuten. Doch gerade das monieren Kritiker: Magic Lantern mache den Fahndern die Vollobservation zu einfach. Es drohe Missbrauch der Technik, wenn es nur noch einen Mausklick brauche, statt einer aufwendigen Observation.

Frank Patalong



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