Das Netz in fünf Jahren Wie Militärs das Internet aufteilen

Wenn Sicherheit vorgeht: In fünf Jahren gibt es zum Schutz der Nutzer vor Hackern und Betrügern kein Internet mehr, sondern nur noch staatlich kontrollierte Länder-Netzwerke mit strengen Grenzkontrollen. Eine Geschichte aus der Zukunft.

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Internet-Surfer: Wo war noch gleich die Abzweigung in das verstaatlichte Frankreich-Netz?
Corbis

Internet-Surfer: Wo war noch gleich die Abzweigung in das verstaatlichte Frankreich-Netz?


Niemand weiß, was in fünf Jahren noch alles passiert, wie das World Wide Web dann aussehen wird, welche Techniken unseren Alltag bestimmen. Klar ist nur: Das Netz wird sich verändern. Weil aus dem Zusammenschluss einiger Universitäten eine Weltmaschine geworden ist, die von Millionen genutzt wird und die Milliarden bewegt, die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aufrüttelt.

Korrupte Politiker werden zu Fall gebracht, der Einzelhandel spürt die Macht der Online-Händler und Preisvergleicher, die Musikindustrie verabschiedet sich allmählich von der CD - nur einige wenige Beispiele. Und alle wollen bestimmen, wie das Internet sich weiterentwickelt: Unternehmen, Verbände, Politiker, Netzaktivisten, Techniker. Sie werkeln an der Online-Architektur, einige wollen nur den Dachboden ausbauen, andere aber auch gleich das Fundament neu gießen.

Das folgende Szenario - erster Teil einer kurzen Serie - basiert nicht auf nackten Zahlen und Berechnungen. Es ist ein Gedankenexperiment: Was passiert, wenn die Cyber-Angst überhand nimmt und die Militärs zuschlagen?


Die Hacker-Angriffe, seit 2011 verstärkt im Fokus der Öffentlichkeit, nehmen weiter zu - und es sind nicht nur Aktivisten mit politischem Hintergrund oder Spaß am Gerät, sondern viel mehr noch kriminelle Banden, Spione und Programmierer in Uniform mit Zerstörungsauftrag. Hilfesuchend wenden sich Unternehmen und Regierungen an Spezialisten und rüsten ihrerseits auf.

Zusätzlich angefeuert wird die Nachfrage nach Hacker-Kits und Angriffsviren von den Herstellern selbst, dem Cyber-industriellen Komplex. In den vergangenen Jahren ist die geheime Waffenindustrie ("Businessweek") weiter gewachsen, aufgebaut mit Risikokapital und reichlich Staatsaufträgen. Sie hat mit wahnwitzigen Horrorszenarien - Ausfall der Stromversorgung! Manipulation des Flugabwehrradars! Zusammenbruch des Datenverkehrs! - für ein Klima allumfassender Cyber-Angst gesorgt.

Schließlich sieht sich die Politik zum Handeln gezwungen: Mehr Sicherheit muss her, für das Netz, für die großen Internetfirmen und die heimische Wirtschaft, für den internationalen Zahlungsverkehr. Als großes Vorbild dient den Militärs China. Dort haben die Sicherheitsfirmen und Netzwerkausrüster dieser Welt bereits vor Jahren Technik installiert, mit der sich das Netz und seine Nutzer überwachen lassen. Viel besser noch: Mit ein paar Steuerbefehlen kann der chinesische Teil des Internets vom Rest der Welt abgekoppelt werden. Hacker aus dem Ausland haben dann keine Chance mehr, von außen chinesische Netzwerke anzugreifen.

Die Errichtung nationaler Netzwerke und Daten-Grenzkontrollen ist 2016 beschlossene Sache. Das Internet wird aufgeteilt, zuständig für die Netzstandards und die Adressvergabe sind nicht mehr internationale Organisationen und Expertengruppen, sondern jede Regierung für sich. Jeder Staat muss sicherstellen, das aus seinem Teil des Netzes keine bösartigen Angriffe in anderen Ländern ausgeführt werden. Ansonsten folgt die internationale Ächtung - und der Ausschluss vom grenzüberschreitenden Datenverkehr.

Zurück zur alten Ordnung

Die wenigen Länder, die eine anonyme Nutzung von Internet-Anschlüssen überhaupt noch zulassen, stehen unter verschärfter Beobachtung. Netzwerkpakete, die internationale Netzgrenzen queren, werden besonders sorgfältig analysiert. Die meisten Staaten richten Internetbehörden ein, darunter auch Deutschland: Endlich wird das nationale Internet ordentlich verwaltet. Einen Zugang zum Bundesnetz gibt es nur mit dem Online-Führerschein, der mit Erreichen des 14. Lebensjahrs und nach einer erfolgreich absolvierten Prüfung ausgestellt wird.

Läuft doch mal etwas aus dem Ruder, wird das betroffene Land umgehend abgeklemmt - bis die Sicherheitsbehörden den nationalen Netzfrieden wieder hergestellt haben. Dank Vorratsdatenspeicherung meistens kein großes Problem, die Raster-Fahndung schlägt immer häufiger schon Alarm, bevor ein Hacker überhaupt zugeschlagen hat: Eine Software errechnet anhand all der personenbezogenen Datenspuren, die im Internet hinerlassen werden, ob jemand sich künftig als Netzaktivist hervortun könnte.

Der Netzeingriff hat weitgehende Folgen: Alte Ordnungen werden erfolgreich wieder hergestellt, die kurzzeitig aufgebrochenen Machtstrukturen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verfestigen sich wieder. Das Schreckgespenst Internet, diese anarchistisch anmutende Hippie-Idee mit seinem subversiven Potential, wird erfolgreich exorziert.



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Seite 1
cardiac 29.07.2011
1. Ähhh
Da ist dem Autor wohl seine Fantasie durchgegangen... Ein noch unealistischeres Szenario kann man wohl kaum entwickeln.
Meckermann 29.07.2011
2. nicht unrealistisch
Ja, so könnte es wirklich kommen. Demokratie und Menschenrechte sind sowieso auf dem absteigenden Ast.
Arotto 29.07.2011
3. Ähm, und weiter?
Klingt ja fast so, also ob die Hälfte des Artikels fehlt ... nämlich die Hälfte, in der die schlechten Seiten aufgeführt werden. Will der geschätzte Autor vielleicht auch noch einen Polizei-/Überwachungsstaat einführen? Elektronische Vollüberwachung und Gedankenverbrechen ahnden? Gehört der Spiegel eigentlich zum Murdoch-Imperium oder ist es verboten, das zu erfragen (und später: zu ergoogeln)?
what's in a name?, 29.07.2011
4. wieso?
WIESO?!?! Wieso habe ich schon wieder einen Artikel über dieses "Internet" gelesen in dem ein studierter Politikwissenschaftler seinen Senf zu etwas gibt, was er eh nicht versteht... WIESO? Und downvoten kann man hier auch nichts...
Tastenhengst, 29.07.2011
5. Der private Sektor schützt uns.
Sowas ist schlecht fürs Geschäft privater Unternehmer, die über das Weltnetz Geschäftskontakte pflegen, also auch schlecht für die Steuereinnahmen. Sonst gibt es keine Hindernisse für so ein Vorhaben. Es würde zwar teuer, aber man kann ja die Bürger über Steuererhebung zwingen, ihren Knebel selbst zu bezahlen.
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