Das Netz in fünf Jahren: Wie Online-Konzerne uns das Leben abnehmen

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Wenn Firmen sich um alle Belange des Lebens kümmern: In fünf Jahren flüchten die Internet-Nutzer freiwillig in Gated Communities, die sich dann schon lange nicht mehr nur auf das Internet beschränken. Eine Geschichte aus der Zukunft des Internets.

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Online-Profile: 2016 bestimmen Netzwerke Arbeitsplatz, Partnerschaft, Freizeit

Niemand weiß, was in fünf Jahren noch alles passiert, wie das World Wide Web dann aussehen wird, welche Techniken unseren Alltag bestimmen. Klar ist nur: Das Netz wird sich verändern. Das folgende Szenario ist ein Gedankenexperiment: Was passiert, wenn die großen Internet-Konzerne noch mächtiger werden und ihnen niemand Einhalt gebietet?

Das World Wide Web wächst und wächst - und wird immer mehr zum Abbild der realen Welt. Das bedeutet auch, dass Trickbetrüger, radikales Gedankengut und halbseidene Angebote oft nur einen Klick entfernt sind - einmal falsch abgebogen, schon ist man in einer düsteren Ecke gelandet und läuft Gefahr, sich einen Trojaner einzufangen oder sonstwie abgezockt zu werden.

Deswegen vertrauen Nutzer 2016 einem der großen Anbieter, die unter ihrem Dach geschützt alles anbieten, was man im Internet eben anstellen möchte. Und noch mehr: Die Anbieter von sozialem Netzwerk, Online-Einkaufsplattform und jeder denkbaren Form von (kostenpflichtiger) Unterhaltung kümmern sich noch um weitere Aspekte des modernen Digitalbürgers. Natürlich alles geprüft und abgeklopft auf die grundvernünftigen, nur nicht immer ganz transparent dargestellten Werte und Ziele des Konzerns.

So wird dem Mitglied, nach Abschluss eines Nutzungsvertrags, ein aktuelles Smartphone eines Kooperationspartners bereitgestellt, das im Netz des Konzerns funkt und Gespräche, Bilder und Bewegungsdaten automatisch mit dem eigenen Profil verknüpft. Außerdem gibt es Zugang zu exklusiven Angeboten wie einer Jobbörse, in der streng geprüfte Anbieter passgenaue Verdienstmöglichkeiten anbieten, oder zu den Ferienresorts des Konzerns.

Die großen Anbieter der geschützten Konsum- und Aufenthaltsräume bieten ihren Mitgliedern noch mehr - mit sicheren Einkaufs- und Chat-Welten allein lassen sich schließlich keine Marktanteile mehr verteidigen. Zusatzleistungen umfassen deshalb Bildungskurse für den Nachwuchs, eine Rundum-Betreuung durch persönliche Trainer, Mentoren und Anwälte, ein großes Angebot an Dienstleistungen. Ein umfassendes Lebensmanagement ("Wall Street Journal") aus einer Hand - oder zumindest über exklusiv angebundene Sub-Unternehmen.

Provider für Internet - und alle anderen Bedürfnisse

Einige Netz-Konzerne setzen auf eigene Wohnanlagen, manche bieten Zugang zu Transportdiensten und praktisch alle bieten günstige Kranken- und sonstige Versicherungsleistungen an. Schließlich ist der auf der Online-Insel gefangene Kunde kein großes Risiko mehr: Den Großteil seiner wachen Zeit verbringt er mit und auf Angeboten des Unternehmens, die Spielräume für risikolastiges Verhalten sind minimiert. Notfalls greift ein Versicherungsagent ein und erinnert an die allgemeinen Geschäftsbedingungen ("South Park").

Selbstredend können die Konzerne mit den gut durchleuchteten Kunden zusätzlich Werbegeld einnehmen. Durch geschickte Auswahl von Online-Nachrichten und Rabattangeboten können praktisch alle Arten von Konsumgütern abgesetzt werden. Eine neue Kleiderlinie oder ein Überkontingent an Milchprodukten vor dem Verfallsdatum lässt sich binnen Stunden absetzen - dem Targeting sei Dank.

Wer allerdings gegen die Hausregeln verstößt und in seiner virtuellen Community aneckt, riskiert den Rauswurf. Dafür kann es schon ausreichen, für eine bestimmte Partei Werbung zu machen oder das Produkt eines Partnerunternehmens offen zu kritisieren. Das bedeutet nicht nur den Neustart bei einem der konkurrierenden Netze, sondern auch den Verlust der alten Freunde: Der Aufwand, bei mehr als einem der Konzerne unter Vertrag zu stehen, ist schlicht zu hoch.

Eine Erfahrung, die auch junge Paare machen, die sich nicht über eine der Kontaktbörsen der großen Netz-Moloche kennengelernt haben, nicht in einem der firmeneigenen Cafés oder Shopping-Center - sondern außerhalb der Web-Inseln. Einer von beiden wird das Netzwerk wechseln müssen - für gemischt-konzernige Paare gibt es kaum Wohnungen in einer der Gated Communities. Verwaltungsakte werden ungeheuer kompliziert, weil die Unternehmen zwar im Auftrag des Staates das amtliche Leben ihrer Kunden verwalten, aber kein Datenformat für den reibungslosen Austausch über Netzwerk-Grenzen hinaus existiert.

Wer bei einem der Online-Giganten rausgeflogen ist, hat es schwer: Ohne überprüftes Mitgliedskonto gibt es kaum einen Arbeitsplatz, geschweige denn einen Mietvertrag. Ebenfalls fällt der Zugang zu Krankenhäusern, Schulen und Geschäften des Konzerns flach. Die Aussätzigen sind angewiesen auf die wenigen unabhängigen Anbieter - die für qualitativ schlechtere Produkte und Leistungen deutlich höhere Preise verlangen müssen, weil sie gegen die schiere Größe der Web-Konzerne nicht ankommen.

Die schöne neue Welt ist braven Kunden vorbehalten. Die können in einer Stadt wenige Meter voneinander entfernt wohnen, sich aber niemals im Leben treffen - weil sie Mitglied verschiedener Netzwerke sind.

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1. Was ist denn daran neu?
chocochip 31.07.2011
Zitat von sysopWenn Firmen sich um alle Belange des Lebens kümmern: In fünf Jahren flüchten die Internet-Nutzer freiwillig in Gated Communities, die sich dann schon lange nicht mehr nur auf das Internet beschränken. Eine Geschichte aus der Zukunft des Internets. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,777105,00.html
"Die können in einer Stadt wenige Meter voneinander entfernt wohnen, sich aber niemals im Leben treffen - weil sie Mitglied verschiedener Netzwerke sind." Was ist denn daran neu?
2. wunderbar
Hythlodeus 31.07.2011
diese Zukunftsaussicht basiert doch auf der wunderbaren wissenschaftlich feststehenden Aussage: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, dass sich selber abschaffen kann. Die äußerlichen Kennzeichen sind schon sichtbar, iPad, männlicher Nahkampf-Haaschnitt, an dm man erkennen kann ob es eine Saugklocke oder eine Zangengeburt war. Bei den Damen ist die Beckenverkleinerung durch praeferierte Sitzhaltung nebst Binde, die zur Alltäglichkeit geworden ist, ein untrügliches Zeichen. Warum sollte die Zeichenaus der zeichenwelt das ganze nicht beschleunigen. Ist begrüßenswert, eh wieder nur die Schweine das Sagen haben.
3. schwafel
roflem 31.07.2011
SPON als Wetterfrosch mit der Glaskugel in die Zukunft blickend? Knopp lässt grüssen...
4. Waaaahhrg
kuchenjohnny 31.07.2011
Ich habe nackte Angst vor den Veränderungen des Internet. Ein falscher Klick - und schon ist das Anlagevermögen weg, Haus und Hof verpfändet, alle inneren Organe an die Rumänenmafia verhökert - oder man hat sich flugs ins Al-Quaida-Terrorcamp eingeschrieben. Bittebitte bloß alles zensieren und reglementieren, damit ich wieder selig am Pimmel knüppern kann.
5. ich halte den ganzen artikel für...
515277 31.07.2011
... mehr als fragwürdig. sicherlich, es ist eine vision aber ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen, dass ein großteil der nutzer sich so einengen lassen wird. sollten große internetkonzerne ihre macht wirklich so ausspielen, werden unabhängige kleine wie pilze aus dem boden sprießen und den großen marktanteile klauen. allerdings sehe ich sehr wohl einen gewissen trend, der in richtung des beschriebenen szenarios geht. beispiel: apple verbietet pornografische apps und internetseiten. wir sollten den artikel eher als eine warnung verstehen, dass wir uns niemals dorthintreiben lassen sollten. gott sei dank sitzen immer noch wir, die verbraucher, am längeren hebel. lasst uns also darauf achten, dass dieser hebel nicht mit der zeit kürzer wird...
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