Medienkritik Das Smartphone ist an allem schuld, Ausrufezeichen!

Die deutsche Smartphone-Kritik ist vergiftet. "Was macht das mit unseren Kindern" kann nicht ernsthaft die Frage sein. Und "früher war alles besser" nicht die Antwort.

Jugendliche mit Smartphones (Symbolbild)
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Jugendliche mit Smartphones (Symbolbild)

Eine Kolumne von


Zum zehnten Geburtstag des Betriebssystems Android ist das Smartphone allgegenwärtig, aber auch: schlimm. Schlimm, schlimm, schlimm, wenn man der aktuellen Debatte folgt. Die Smartphone-Kritik in Deutschland hat ein Kunststück geschafft - sie ist noch stumpfer, fehlbesorgter und pathologisierender als die Internet-Kritik. Das Smartphone ist praktisch an allem schuld, in seiner geradezu toxischen Verbindung mit der Jugend, Ausrufezeichen! "Smartphone" dient dabei vor allem als Chiffre für Kritik an Lebenspraxis und Verhaltensweisen jüngerer Generationen.

Es ist so einfach, das Smartphone zu kritisieren. Geht immer. Dieses Muster folgt der deutschen Digitalkrankheit, nämlich der absurden Hardware-Fixierung im Ingenieursland Deutschland, der naiven Blindheit für die softwarebasierte Vielfalt von Vernetzung und Virtualität. Da ist das Gerät, das kann man sehen und anfassen, also muss man nicht weitersuchen.

Kinder werden als Opfer festgelegt

Smartphone-Kritik ist keinesfalls generell unklug oder sinnlos. Aber wenn man sie am Verhalten jüngerer Generationen festmacht, dann liegt bereits darin ein irreführender Fokus. "Aber was macht das mit unseren Kindern?" - das erzeugt als Fragestellung automatisch besorgnisfähige Ergebnisse. Die schlichte Gegenprobe: "Was macht der Tauchsport mit unseren Kindern?" - auch hier wird man kaum anders als mit negativen Szenarien antworten können. Denn durch die passivische Perspektive dieser Standardfrage der Kulturkritik legt man die Kinder als Opfer fest, denen etwas geschieht. Entweder gegen ihren Willen oder ohne ihr Wissen, also sind sie schwach oder doof oder beides. Aktive Perspektiven werden ausgeblendet oder höchstens anekdotisch eingestreut.

Wenn man sich mit einer solchen Fragestellung auf den Weg macht, kommen natürlich Sucht und psychische Probleme aller Art heraus, Depressionen, Suizidgedanken, Schlafmangel sowie Narzissmus. "Was macht das mit unseren Kindern" ist ein Framing, das nur ins Negative reicht.

Smartphone-Kritik muss Kapitalismus- und letztlich Gesellschaftskritik sein, alles andere ist Augenwischerei zulasten der digitalsüchtigen jungen Leute, die strukturell zu dämlich sind, um zu begreifen, was mit ihnen geschieht. An zwei aktuellen Stücken im SPIEGEL und im "Zeit Magazin" lässt sich meiner Ansicht nach erkennen, was in der deutschen Smartphone-Kritik schiefläuft. Der SPIEGEL schrieb kürzlich in einer Titelstory bereits in der Einleitung die obige Frage "Was macht das mit ihnen?", mit den Jugendlichen. Und das "Zeit Magazin" schließt seinen Artikel mit maximaler Generationen-Selbstgerechtigkeit, die jungen Leute würden vielleicht irgendwann zur Vernunft kommen und "mit einem Schmunzeln auf die Verirrungen ihrer Jugendzeit zurückblicken können". Leider jedoch nur "im besten Fall" - der große Rest bleibt doof, da hilft selbst der beste Weisemacher Alter nicht, haha.

Damals hatten wir noch unsere Traditionstelefonnummern

Allerdings ist das ein passendes Ende für einen ohnehin verstörenden Anwurf. Denn das "Zeit Magazin" strickt der Jugend ernsthaft einen Vorwurf daraus, dass sie nicht so heftig aufbegehren würde wie die offenbar famos aufsässigen Generationen zuvor: "Früher rüttelten Teenager an den Nerven ihrer Eltern und den Grundfesten der Gesellschaft. Heute dringt statt Punkrock nur noch digitales Flackern aus den Kinderzimmern." Und: "Statt wütendem Türenknallen und ohrenbetäubendem Lärm dringt aus den Kinderzimmern nur gespenstische Stille." Die zwingende Quintessenz: Die heutigen jungen Leute können nichts richtig machen, nicht einmal anständig nerven. Was für eine kohorteneitle, generationengestrige Ichichich-Perspektive.

Im SPIEGEL-Artikel wird gleich zu Beginn eine technologische Fehlperspektive deutlich, als es um eine junge Frau geht, die ihre Freundinnen erreichen möchte: "Deren Nummern hat sie nicht im Kopf, warum auch? Sie sind ja in ihrem Smartphone gespeichert." Die unterschwellige Skepsis in diesem Satz offenbart, wie vergiftet die Smartphone-Kritik durch völlig veraltete Technologiebilder in den Köpfen der Nicht-mehr-ganz-so-Jungen ist.

Telefonnummern auswendig zu kennen, war keine Leistung, sondern eine notwendige Krücke für eine lächerlich unflexible Technologie namens Telefon. Wenn man im 20. Jahrhundert mit einer Person sprechen wollte, musste man eine Wohnung anrufen, ja wirklich. Und leider hatte man nur die Möglichkeit, dafür einen willkürlich festgelegten erratischen, zu sonst nichts taugenden Code in eine weitgehend unprogrammierbare Maschine einzugeben. Damals hatten wir noch unsere Traditionstelefonnummern, das waren Zeiten!

Wenn man der Jugend vorwirft, sich nicht länger dieser altertümlichen Technik zu unterwerfen, wirft man ihr eigentlich vor, nicht zu sein wie man selbst. Insbesondere dort, wo es veralteten, heute irrelevanten Gewohnheiten entspricht. Ja, Urgroßvater kannte noch die Zügelsignale, mit denen man Pferde lenkte, warum wendest du sie nicht in Deinem Elektroautomobil an, Marie?

Auf das, was kommt, sind die Jungen besser vorbereitet

Auch die Klage, die jungen Leute würden heute nichts mehr unmittelbar erleben, sondern immer nur fotografierend mit ihren Smartphones, gehört zu den fahlsten Klagen der Gegenwart. Zum Ersten wird so noch der letzte eigene Erlebnisschrott zum epochalen Seinsmerkmal hochgejazzt, weißt Du noch Margot, als ich damals nach der zweiten Piña Colada in der Dominikanischen Republik den Tisch umgeworfen habe, ich war schon ein echter Kerl, nicht wahr. Zum Zweiten wirft man der Jugend Inszenierung vor in einer Welt, die seit Jahrzehnten marktkonform durchinszeniert ist bis ins verdammte Detail, weil sie schon immer Inszenierung belohnt. Zum Dritten liegt im Teilen von Erfahrungen, Aktionen, Gedanken, Gefühlen, Selbstbeschreibungen - in der zwischenmenschlichen Kommunikation - ein Wert an sich, auch wenn sie unbeteiligten Betrachtern merkwürdig erscheint.

Wenn überhaupt eine Personengruppe die vielfältigen Komplexitäten und Zumutungen der heutigen Welt bewältigen können wird - dann doch diejenigen, die mit dem ständigen Rückkanal aufgewachsen sind. Die in ihrem netzgestählten Handeln zu jedem Zeitpunkt ein Publikum und dessen Reaktionen mitdenken. Die genau aus diesem Grund intellektuell für die kommenden Schwierigkeiten besser gewappnet sein werden als die Älteren.

Wir überlassen den jüngeren Generationen eine Welt, randvoll mit Nationalisten und Nazis, Populisten und islamistischen Terroristen, vom Klimawandel und Umweltschäden nicht zu reden - aber das Smartphone ist schuld an den zunehmenden Depressionen der Jugend. Die heute Älteren haben in den 1980ern ein komplettes Jahrzehnt dem Tanz ums Goldene Ich gewidmet, aber die jungen Leute sind Narzissten, weil sie mit dem Teufelsgerät Selfies verschicken. Rechtschreibung beherrschen sie nicht mehr, weil ihnen WhatsApp wichtiger ist als der Duden.

Smartphones als Kristallisationspunkt des Kapitalismus

Ach was, Rechtschreibung, die Jugend kann nicht mal mehr richtig dreinschauen! Dieser Vorwurf scheint überzogen? Nein, die Smartphone-Kritik schafft auch das. Im SPIEGEL wird eine Psychologieprofessorin wohlwollend zitiert: "In der kommenden Dekade werden wir mehr junge Menschen erleben, die wohl das richtige Emoji für eine Situation kennen - nicht aber den richtigen Gesichtsausdruck". Ein grotesker und herabwürdigender Satz.

Ich möchte eine Perspektive vorschlagen, die mir viel näher am tatsächlichen Geschehen erscheint: Das Smartphone ist der Kristallisationspunkt des heutigen Kapitalismus und damit der heutigen Gesellschaft. In den meisten Fällen ist das Verhalten jüngerer Generationen schlicht eine Reaktion auf die Welt, die wir ihnen vorgesetzt haben. Und meistens sogar eine clevere.

Alles, was wir im Smartphone zu sehen glauben, ist in Wahrheit das Produkt unseres eigenen jahrzehntelangen Schaffens. Im Guten wie im Schlechten. Was das Smartphone wirklich zum vielkritisierten Objekt macht, kann man natürlich im Smartphone selbst erkennen. Man muss es bloß ausschalten und ganz genau in die schwarze spiegelnde Fläche hineinschauen.

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insgesamt 184 Beiträge
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Seite 1
DerAndereZauberer 24.10.2018
1.
Wie meistens gut, diesmal auch kurz und auf den Punkt. Zustimmung. Deutschland ist das Land von #Neuland, "Killerspielen", bösen Smartphones. Parallel in der Spiegel-Artikellandschaft: gleich zwei Artikel zum bösen Cannabis und irgendwelche "Experten", die von den Gefahren berichten. Liberalisierung geht gar nicht, sollen die Leute doch lieber wie bisher Schnaps trinken.
georg69 24.10.2018
2. Der letzte Absatz
bringt es auf den Punkt. Das Smartphone als Pool von Möglichkeiten ist ziemlich genial. Leider nutzen die meisten Menschen diese Möglichkeiten nicht oder kaum aus. Somit verkommt das Potenzial dieser Geräteklasse weitgehend. Das liegt leider am Versagen der Erwachsenengenerationen, die nicht in der Lage sind, dem Nachwuchs diese Möglichkeiten aufzuzeigen, sondern sich vielmehr im Dickicht der Trivialitäten verlieren.
arettke 24.10.2018
3. Wunderbar Ausrufezeichen
Vielen Dank Herr Lobo, perfekt in Worte verpackt, was mir die ganze Zeit schon zu diesem Thema abstrakt im Kopf herumschwirrte. Habe den Beitrag schon über mein Smartphone geteilt...
lt.ripley 24.10.2018
4. Unvollständige Perspektive
Aus einer kulturwissenschaftlich-soziologisch-medientheoretischen Perspektive ist das ja ganz nettes Geplauder, Sascha. Was völlig fehlt ist ein Blick auf Erkenntnisse der Neurologie, was die permanente elektronische Begleitung mit unser allen Hirnen (nicht nur denen unserer Kinder) macht. Da hätte ich von Dir ein differenzierteres Bild erwartet.
chrissie 24.10.2018
5. Endlich mal ein leidenschaftlicher
Gegenakzent zu den ganzen ständigen Bedenkenträgern, danke!
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