Das Web nach dem Anschlag: "Bombt sie in Grund und Boden!"

Es ist gespenstisch. New York, eine der "Most wired Cities" der Welt, ist verstummt. Die Webcams sind offline, die Chaträume leer. Selbst der Polizeifunk ist nicht mehr zu hören. Derweil tobt in den Newsrooms der Ruf nach Rache.

Der zweite Turm stürzt ein: Surfer überall in den USA beobachten die Fernsehbilder, die Racherufe werden lauter
REUTERS

Der zweite Turm stürzt ein: Surfer überall in den USA beobachten die Fernsehbilder, die Racherufe werden lauter

Im Instant-Messenger-Chatraum von AOL sucht AmyKathren nach New Yorkern. Normalerweise wimmelt es dort von Chattern, wie auch in den zahlreichen Web-basierten Chats aus dem Big Apple. Doch heute herrscht dort gähnende Leere.

Auch AmyKathren hat nur den Fernseher, das Radio. "Das Pentagon soll brennen", sagt sie. "Sie haben angefangen, Manhattan zu evakuieren." Panik herrscht in der Stadt, die durch einen beispiellosen Terrorakt auch aus dem Web gefegt scheint. Die "New York Times"? Fehlanzeige. Die zahlreichen Webcams? Entweder weit von der City entfernt - oder "Off Duty". Gespenstisch das Verzeichnis der zahlreichen Webcams auf dem World Trade Center, das mehr davon zu bieten hatte als jedes andere Gebäude in der Stadt: Die Links laufen ins Leere, der Bildschirm bleibt grau.

Doch in diesen Stunden versagen alle Kanäle der Kommunikation. Thaddeus sucht in den Newsgroups nach jemandem in New York: "Sind in New York auch die Telefone ausgefallen? Ich versuche ständig anzurufen, und alles, was ich bekomme, ist ein Besetztzeichen".

Nach knapp 30 Minuten bekommt er Antwort: Ja, die Telefonverbindungen sind zum Teil gestört. Die Telefonzellen funktionieren, die Privatanschlüsse nur noch zum Teil. Dabei komme es nicht darauf an, in welchem Teil der Stadt sich der Anschluss befinde: Vor wenigen Minuten noch habe er mit einer Frau gesprochen, die den Einschlag des zweiten Flugzeuges habe sehen können.

Jetzt kocht die Gerüchteküche über. Es hat eine Stunde gedauert, doch nun brodelt es in den Newsgroups. Die News-Brocken fliegen: Absturz bei Somerset, Pennsylvania. Angeblich schlägt ein Jet nahe Camp David ein. Das Kippen des zweiten, zuerst noch stehenden WTC-Turmes. Nachricht und Gerücht sind kaum mehr zu trennen. Bei Newspoll.net beginnt eine perverse Abstimmung: "Könnten die Attacken auf die USA zu einem Dritten Weltkrieg führen?"

Die Erschütterung weicht wütenderen Stimmen. Racherufe werden laut. "Welches Volk auch immer dafür verantwortlich ist", schreibt ein Diskutant, "sollte in Grund und Boden gebombt werden!"

Das Web spendet Beifall. "Es ist Zeit, die Palästinenser aus Jerusalem herauszuwerfen. Sofort." Schreibt einer - und fällt damit als moderate Stimme auf. Zahlreiche Diskutanten rufen nach Krieg. Viel bedrohlicher jedoch wirken die kurzen Botschaften, die derzeit in zahlreichen Newsgroups, die von Palästinensern und Arabern frequentiert werden, platziert werden: "Ihr glaubtet bisher, Ihr hättet ein Problem. Jetzt habt Ihr ein Problem".

Newsgroups mit aktuellen Diskussionen zum Thema:

alt.disasters.aviation
alt security.terrorism
soc.culture.palestine
soc.culture.arabic

Frank Patalong

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