Datei-Zukunft Streit um die Revolution

Fast unbemerkt vollzieht sich derzeit eine kleine Revolution im Softwarebereich. Neue Dokumentenstandards sollen allen das Arbeiten erleichtern - aber es gibt Streit, vor allem zwischen Microsoft und mehreren Regierungen.


Die Arbeit mit elektronischen Dokumenten aller Art steht vor einem historischen Umbruch. Die Zeit der alten Microsoft-Formate wie doc (für Texte) oder xls (für Tabellen) läuft ab. Die Zukunft gehört dem XML-Standard, der zwei große Vorteile hat: Erstens wird dieser nicht von einer einzigen Firma kontrolliert und zweitens kann er im Unterschied zu den alten binären Formaten von allen gelesen werden, benötigt dafür also keine besondere Software.

Kommendes Betriebssystem Windows Vista: Milliarden von Dokumenten vor der Umstellung
AP

Kommendes Betriebssystem Windows Vista: Milliarden von Dokumenten vor der Umstellung

"Wir stehen vor der größten Migration der Geschichte von binären Dateiformaten zu XML-Daten", sagt der führende XML-Experte bei Microsoft, Jean Paoli, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP.

"Milliarden von Dokumenten stehen vor der Umstellung auf XML." Damit seien die Erwartungen aus der Anfangszeit der "Extensible Markup Language" mehr als erfüllt worden, sagt Paoli, der 1998 an der Standardisierung von XML beteiligt war. "Wir sind sehr glücklich, dass XML nun allgemeine Anerkennung findet." Wie so oft in der Computerwelt streiten aber auch hier wieder zwei Lager um den richtigen Weg. Auf der einen Seite steht Microsoft mit seinem Büroanwendungspaket Office, auf der anderen Seite ein Bündnis von Sun, IBM, Google und anderen Firmen sowie dem Open-Source-Projekt OpenOffice, das sich als freie Alternative zu dem teuren Word und Co versteht.

Wenn Anfang 2007 die neue Version von Microsoft Office eingeführt wird, speichern alle Anwendungen dieses Paketes ihre Dokumente in dem Format Open XML: Texte erhalten dann die Dateiendung docx, Tabellen werden als xlsx abgespeichert. Bis Anfang nächsten Jahres soll Open XML als internationaler offener Standard anerkannt sein, was das vom Open-Office-Lager entwickelte Open Document Format (ODF) jetzt schon ist.

Weil sich mehrere Regierungen für ODF ausgesprochen haben, allen voran der belgische Ministerrat mit einem Beschluss vom 23. Juni, sah sich Microsoft veranlasst, seinem neuen Office 2007 einen "Translator" zur Seite zu stellen. Dieser ermöglicht auf Wunsch das Abspeichern im ODF-Format. Standard soll bei Microsoft aber Open XML bleiben, das nach Angaben Paolis alle Informationen enthält, die bisher in doc oder xls gespeichert wurden.

"In Word gibt es mehr als 200 Rahmenarten, die alle im Open-XML-Format dargestellt werden können", sagt der Senior Director für die XML-Architektur bei Microsoft. "Im ISO standardisierten ODF gibt es nur drei oder vier verschiedene Rahmen." Vor allem aber sei das ISO standardisierte ODF bisher nicht in der Lage, die Vielfalt von Formeln abzubilden, die bei technischen oder finanziellen Tabellenkalkulationen benötigt würden. "Wir sind wirklich überzeugt, dass Open XML das überlegene Format ist", sagt Paoli.

Die höhere Informationsdichte bedeute nicht einen größeren Dateiumfang, erklärt Paoli. In dieser Hinsicht seien beide Formate etwa gleich. Gegenüber dem alten Word-Format seien die XML-Dateien aber teilweise nur halb so groß. Bei dem jetzt neu entwickelten XML-Format für Powerpoint beträgt die Ersparnis nach Angaben Paolis bis zu 75 Prozent. Die XML-Dokumente - sowohl bei Open XML als auch bei ODF - stellen technisch gesehen ein Zip-Archiv von mehreren XML-Dateien dar, zu dem auch eingebundene Grafiken oder Sound-Dateien gehören können.

Im Streit zwischen Open XML und ODF spielen sicherlich auch Wettbewerbsgründe eine Rolle. Da beide Formate aber weiter entwickelt werden, ergibt sich vielleicht doch irgendwann die Chance für einen einheitlichen Dokumentenstandard. Ein Ansatzpunkt dafür könnte die "Translator"-Software sein, die als Open-Source-Projekt entwickelt wird. "Dadurch wird die größtmögliche Transparenz gewährleistet", sagt Paoli und fügt hinzu: "Wir hoffen, dass sich auch die ODF-Community an diesem Projekt beteiligt."

Von Peter Zschunke, AP



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