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Datenschutz 2.0: Privatsphäre ist einfach Mega-out

Von Helmut Merschmann

Die Menschen entblößen sich online in einer Weise, wie es noch vor kurzem kaum denkbar gewesen wäre. Zugleich sagen Datenschützer, dass die die Sensibilität der Bürger im Umgang mit Daten gewachsen ist - sie könnten sich täuschen.

Wenn heute Nachmittag in Bielefeld die Big-Brother-Awards verliehen werden, können sich Datenschützer wie jedes Jahr gegenseitig auf die Schultern klopfen. Die "Negativpreise, die die öffentliche Diskussion um Privatsphäre, Datenschutz und Überwachung fördern sollen" und die größten Datenschweine des Jahres durchs Mediendorf treiben, sind eine honorige Angelegenheit. Otto Schily hat im vergangenen Jahr einen für sein Lebenswerk erhalten. Im Jahr zuvor wurde Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt gedacht, und 2003 löste der Future-Store der Metro AG mit seinen RFID-Etiketten großes Aufsehen aus.

Lonelygirl15: Selbstvermarktungsparodie auf YouTube

Lonelygirl15: Selbstvermarktungsparodie auf YouTube

Viele größere Unternehmen, Universitäten und Ministerien wurden schon mit dem nun zum siebten Mal verliehenen Preis bedacht. Jegliche Fahrlässigkeit in Sachen Datenschutz lohnt sich nicht, sollte man meinen, denn: Big-Brother-Awards are watching you!

Für Verbraucher- und Datenschützer ist deshalb klar, dass sich das allgemeine Bewusstsein für Privatsphäre und Datenschutz erfreulicherweise erhöht hat. "Die Sensibilität der Bürgerinnen und Bürger", glaubt der schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert, "hat nicht nachgelassen, sondern zugenommen."

Schön, wenn es so wäre. Zwar ist jedes Mal das Geschrei groß, wenn ein krasser Verstoß gegen geltende Datenschutzgesetze passiert. Und tatsächlich wissen viele Bescheid über die Möglichkeiten von Data Mining, Scoring und Profiling, über Videoüberwachung, Lokalisierung und Rasterfahndung. Doch in gleichem Maße, wie die Einsicht in die technologischen Möglichkeiten gewachsen ist, hat sich eine vollkommene Unbekümmertheit im Umgang mit der eigenen Privatsphäre breit gemacht. Eine individuelle Kapitulation vor dem Recht auf Privatheit. Schlimmer noch: eine trendige Datenfreigebigkeit, die von der Netz-Community auch konsequent ausgenutzt wird.

Klick mich, mach mich zu Deinem Freund!

Niemand mehr will bloß privat sein und eine Schattenexistenz in der Realität führen. Vielmehr wird in Zeiten von Nachmittags-Talkshows und Dauerpräsenz im Web 2.0 der Mensch erst dann zum Subjekt, wenn ein wenig elektronisches Licht auf seine Existenz fällt. Seit das Privatfernsehen Überwachung in Exhibitionismus umgemünzt hat und aus "Big Brother" eine große mediale Nabelschau geworden ist, bei der sich alle freiwillig entblößen, sind jegliche Hemmschwellen und Schamgrenzen gefallen. Vor einem Millionenpublikum aus dem Nähkästchen zu plaudern, ist zu einer alltäglichen Erfahrung geworden, der große Bruder zum vertrauten Freund. Folglich gehört noch der letzte gehegte Gedanke bei MySpace oder im eigenen Blog verlautbart und die peinlichste fotografische und filmische Selbstaufnahme auf Flickr und YouTube hinterlegt. Die allgegenwärtige Selbstvermarktung wird mittlerweile sogar parodiert - siehe lonelygirl15.

Für Datenschützer Weichert ist das Web 2.0 ein "gutes Beispiel dafür, dass die Leute sich der Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst sind". Im Internet bleiben Informationen weder geheim, noch geraten sie in Vergessenheit. Vollkommen naiv wäre zu glauben, dass nur Freunde und Wohlgesinnte auf die albernen Selbstdarstellungen und meinungsfreudigen Wichtigtuereien stoßen. Längst sollen Personalchefs und Arbeitgeber im Netz ihre Runden drehen, auf der Suche nach persönlichen Informationen über Bewerber, deren nur unvollständige Akten vor ihnen auf dem Schreibtisch liegen.

Für Versicherungen wäre es ein Leichtes, sich in Gesundheitsforen herumzutreiben, um in Erfahrung zu bringen, ob ihnen Antragsteller vielleicht doch nicht die ganze Wahrheit über den Gesundheitszustand gebeichtet haben. Marken- und Urheberrechtsanwälte sind auf der Jagd nach geschütztem Material und bringen Papierberge mit Abmahnungen und Unterlassungsklagen in Umlauf. Im Internet bleibt nichts und niemand lange verborgen. Selbst der eigene Standort kann über www.Plazes.com, ein deutsches Start-Up im Web 2.0, schnell lokalisiert werden.

Privatrecherche in Privatprofilen

Ein besonders spektakulärer Fall von Datenmissbrauch passierte Anfang dieser Woche. Mit einem simplen Perl-Skript hatte der "Wired"-Autor und frühere Hacker Kevin Poulsen ungefähr ein Drittel der Profile von MySpace-Usern gescannt und mit einer in den USA öffentlich zugänglichen Datenbank für Sexualstraftäter abgeglichen. 744 Namen von Personen aus dieser Datenbank tauchten bei MySpace auf, darunter 497 Menschen, die als pädophil aufgefallen waren oder wegen Kindesmissbrauchs geführt werden.

Es gelang sogar, einen schon mehrfach Verurteilten festzunehmen, der unter seinem wirklichen Namen auf MySpace nach Kontakten zu Minderjährigen suchte. Detailliert konnte Poulsen aufzeigen, mit wem der 39-Jährige Kontakt angebahnt hatte, obwohl gerichtliche Auflagen ihm dies strengstens untersagten.

Informationelle Selbstbestimmung: Ich oute mich

Abgesehen von solchen kriminellen Fällen und auch davon, wie wünschenswert und zulässig diese Art privater Rasterfahndung ist, braucht es wenig Fantasie, um sich auszumalen, dass jene, die etwas zu verbergen haben, künftig auf ihre richtigen Namen wohl verzichten. Alle anderen haben ein Gottvertrauen in die eigene Namenlosigkeit und setzen darauf, im Meer der Privatprofile unterzugehen. Oder umgekehrt: Mit ihrem Privatprofil auf MySpace oder dem Geschäftsprofil beim Business-Netzwerk OpenBC wollen sie Aufmerksamkeit wecken und Selbstvermarktung betreiben.

Längst ist die Privatsphäre kein Gegensatz mehr zur Öffentlichkeit. Vielmehr drückt Privatheit den selbstbestimmten Umgang mit persönlichen Informationen aus. Was Andere über einen erfahren sollen, das kann der mündige Mensch - im Guten wie im Schlechten - selbst entscheiden. Zur informationellen Selbstbestimmung gehört auch die freie Entscheidung, seine Privatsphäre an Warenhäuser oder Mobilfunkunternehmen zu verscherbeln, die für geringe Preisnachlässe eifrig Konsumgewohnheiten ausspähen, um die Verbraucher dann mit personenbezogener Werbung zu überhäufen. Dafür freilich blüht ihnen demnächst ein Big-Brother-Award.

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