Datenschutz-Debakel: Facebook gibt Fehler bei Telefonbuch-Dienst zu

Von Konrad Lischka

Über Monate hat Facebook iPhone-Telefonbücher von Nutzern ausgelesen, die Betroffenen konnten die Daten nicht löschen. Nun entschuldigt sich das Unternehmen und verspricht eine Lösch-Option. Der Fall offenbart Facebooks riskante Logik: Funktionen erst live schalten - und dann reparieren.

Facebook: So saugt das Netzwerk Telefonbücher
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Offiziell äußert sich Facebook seit einer Woche nicht zu diesem Datenschutz-Debakel: Nutzer der iPhone-Anwendung des Netzwerks beklagten, dass das Programm Telefonnummern, Namen und E-Mail-Adressen aller Telefonbuchkontakte zu Facebook hochlädt, wo sich diese Informationen dann nicht löschen lassen. Informiert wurden die Anwender über diesen Kopier- und Speichervorgang nicht.

Nun gibt das Unternehmen einen Fehler zu. Leser, die Facebook schriftlich zur Löschung der Daten aufgefordert haben, erhielten nach wenigen Stunden ähnlich lautende Antwortschreiben vom Kundendienst: Das Problem sei "bekannt". Facebook entschuldigt sich für "etwaige Unannehmlichkeiten aufrichtig" und weist darauf hin, dass die Telefonnummern nur den Nutzern selbst angezeigt werden.

Ob diese Daten zur Analyse von Kontakt-Netzwerken genutzt werden, erklärt Facebook nicht. Das Unternehmen verspricht den Betroffenen, man arbeite derzeit daran, "eine Option zu deren Entfernung anzubieten". In anderen Antwortschreiben von Facebook heißt es, man werde in Kürze die Möglichkeit haben, die Kontakte wieder zu entfernen.

Diese Geschichte wirft kein gutes Licht auf die Abläufe bei Facebook: Im Januar wurde die Facebook-Anwendung für das iPhone um die euphemistisch als "Synchronisierung" bezeichnete Funktion zum Abgreifen der Telefonbuchdaten erweitert. Im Februar beschrieb der Schweizer Blogger Kurt von Moos das Datenschutzproblem. Eine entsprechende Anfrage zur Telefonbuch-Problematik stand seit März im Facebook-Hilfeforum. Die Mitglieder dort beteuern auch, entsprechende Anfragen an den Facebook-Kundendienst gesendet zu haben. Bislang ohne Antwort.

Kritik verschwindet im Facebook-Hilfeforum

In einem anderen Thread des offiziellen Facebook-Hilfeforums ("Wie lösche ich meine iPhone-Synchronisierungskontakte im FB-Telefonbuch?") diskutierten deutsche Nutzer seit April das Problem. Nachdem SPIEGEL ONLINE berichtete, verschwand dieser Teil des Facebook-Hilfeforums komplett inklusive der Beiträge aller Autoren. Auf Fragen von SPIEGEL ONLINE zu drei ungeklärten Problemen beim Telefonbuch-Transfer hat Facebook seit einer Woche nicht geantwortet. Es geht dabei um grundsätzliche Themen, die Facebook bislang ignoriert hat:

  • Rechte Dritter: Facebook lässt seine Nutzer personenbezogene Informationen über Dritte hochladen, ohne dass die Betroffenen widersprechen können. Wie Facebook die Daten unbeteiligter Dritter schützt, hat das Unternehmen bislang nicht beantwortet.
  • Nationales Datenschutzrecht: Dass unbeteiligte Dritte der Nutzung ihrer Kontaktinformationen durch Facebook nicht widersprechen können, verstößt nach Ansicht vieler Juristen gegen deutsches Recht. Wie Facebook die besonderen Anforderungen des deutschen Datenschutzrechts erfüllen will, sagt das Unternehmen nicht.
  • Transparenz: Wie nutzt Facebook die via iPhone-App aus Telefonbüchern hochgeladenen Daten? Werden diese auch zum Vorschlagen von Kontakten genutzt? Welche Datenquellen nutzt Facebook, um Bekanntheitsnetzwerke zu analysieren und Mitgliedern neue Freunde/Kontakte vorzuschlagen?
  • Ehrlichkeit: Warum informiert Facebook Nutzer nicht eindeutig, was mit den einmal hochgeladenen Daten passiert? Nutzer stimmen bei der Datenübertragung einem verschleiernden Text zu, der besagt, "alle Kontakte vom Handy (Name, E-Mail-Adresse, Telefonnummer)" würden "an Facebook gesendet" und dann "den Datenschutzrichtlinien von Facebook unterliegen". Es wird nicht gesagt, dass die Informationen dauerhaft gespeichert werden und dass der Nutzer sie nicht löschen kann.

In keinem dieser Punkte klärt Facebook Nutzer und Öffentlichkeit auf. Angesichts der populistischen Kampagnen, die Politiker wie die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner gegen das Unternehmen führen, ist diese Schweigsamkeit kaum nachzuvollziehen. Facebooks Geschäftsmodell beruht darauf, dass die Mitglieder der Firma persönliche Informationen anvertrauen. Vertrauen braucht Transparenz. Und daran fehlt es Facebook offensichtlich.

Facebook-Credo: Früh veröffentlichen, dann nachbessern

Warum das so ist - darüber kann man nur spekulieren. Eine mögliche Erklärung findet sich in einer E-Mail, die Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Ende Mai an den Blogger Robert Scoble schrieb. Auf die umstrittenen, da zu komplizierten und laxen Datenschutz-Einstellungen angesprochen, erklärt Zuckerberg: "Wir haben das Feedback analysiert und versucht, die wesentlichen Punkte abzuleiten, die wir verbessern müssen. Ich würde lieber ein besseres Produkt zeigen, als darüber zu reden, was wir tun könnten."

Daraus kann man ein Grundprinzip ableiten, nach dem Facebook offenbar vorgeht: Getestet werden Schwachstellen im Einsatz, was zu tun ist, entscheidet Facebook allein, wie es ankommt, sieht man an den Reaktionen der Nutzer. Oder, wie Mark Zuckerberg es Ende Oktober 2009 ganz knapp formulierte: "Launch early and iterate", sinngemäß: "früh veröffentlichen, dann nachbessern."

Betrachtet man, wie Facebook das Telefonbuch-Debakel behandelt, gilt dieses Credo wohl immer noch in einigen Fällen. Mit vertraulichen Daten wie zum Beispiel den privaten Telefonbüchern von Menschen sollte man jedoch anders umgehen.

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insgesamt 260 Beiträge
Thomas Hutter 31.05.2010
Die Privatsphäre-Einstellungsmöglichkeiten bei Facebook sind gigantisch und bietet gute Schutzmöglichkeiten. Das Problem mit der Privatsphäre auf Facebook liegt darin, dass Facebook grundsätzlich zu offene [...]
Die Privatsphäre-Einstellungsmöglichkeiten bei Facebook sind gigantisch und bietet gute Schutzmöglichkeiten. Das Problem mit der Privatsphäre auf Facebook liegt darin, dass Facebook grundsätzlich zu offene Privatsphäre-Einstellungen vorschlägt. Auf Grund der sehr vielen Funktionen, welche Facebook seinen Benutzern bietet, kann die Tragweite von einem ungeübten oder weniger erfahrenen Benutzer nicht wirklich abgeschätzt werden. Aus diesem Grund habe ich einen sehr umfassenden Privatsphäre-Leitfaden erstellt: http://www.thomashutter.com/index.php/2010/05/facebook-der-ultimative-facebook-privatsphaere-leitfaden-30052010/
Jettenbacher 31.05.2010
Nein. Die Nutzer verletzen ihre Privatsphäre selbst.
Zitat von sysopOder verletzt das Netzwerk die Privatsphäre seiner Nutzer?
Nein. Die Nutzer verletzen ihre Privatsphäre selbst.
frigenium 31.05.2010
---Zitat--- "Je mehr Informationen Du teilst, desto *sozialer* ist das Nutzerelebnis" http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,bild-93050-697392,00.html ---Zitatende--- Jooooh - genau ! Alle sind gleich und die [...]
---Zitat--- "Je mehr Informationen Du teilst, desto *sozialer* ist das Nutzerelebnis" http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,bild-93050-697392,00.html ---Zitatende--- Jooooh - genau ! Alle sind gleich und die Partei weiss alles !
nrw_waehler2010 31.05.2010
Die Einstellungen bei Facebook sind spätestens jetzt genügen, um die Privatsphäre zu schützen. Das wohl größere Problem ist die Einstellung der User. Die Leute scheinen einfach nicht zu begreifen, dass alles, was einmal im [...]
Die Einstellungen bei Facebook sind spätestens jetzt genügen, um die Privatsphäre zu schützen. Das wohl größere Problem ist die Einstellung der User. Die Leute scheinen einfach nicht zu begreifen, dass alles, was einmal im Internet ist praktisch nie wieder zu entfernen ist. Doch immer mehr scheint das nicht zu interessieren. Also sind es nicht die Unternehmen oder die Politik, die unsere Privatsphäre "verkauft", sondern wir selbst. Wer sich bei Facebook anmeldet, bei Google oder Yahoo, oder irgendeinem anderen amerikanischen Unternehmen sollte sich immer bewusst sein, dass die US-Geheimdienste mitlesen. Doch den meisten scheint das wohl egal zu sein!
utuvien 31.05.2010
Ich verweigere mich solchen zur Selbstdarstellung verkommenen "Social Networks", denn mit sozial hat das Ganze wenig zu tun. Und wenn man dann noch den Fehler begeht, sich nackt bei 4chan zu präsentieren, wird man [...]
Ich verweigere mich solchen zur Selbstdarstellung verkommenen "Social Networks", denn mit sozial hat das Ganze wenig zu tun. Und wenn man dann noch den Fehler begeht, sich nackt bei 4chan zu präsentieren, wird man schnell zur nächsten allseits "beliebten" "Facebook Whore". Da kann Facebook nichts für, sie bieten lediglich die Plattform. Naja, wers braucht.
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  • Montag, 07.06.2010 – 17:51 Uhr
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Soziale Netzwerke
DPA
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.






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