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Datenschutz: Die positiven Aspekte der Pornografie

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Nach Meinung der US-Journalistin Annalee Newitz braucht die Menschheit Pornografie im Internet, weil diese zu mehr Freiheit führt. Datenschützer aus Deutschland finden die These keineswegs abwegig.

Posierende Porno-Darstellerin: Hilfreich für Freiheit und Menschenrechte?
REUTERS

Posierende Porno-Darstellerin: Hilfreich für Freiheit und Menschenrechte?

Seit Jahrzehnten kämpft die Frauenbewegung gegen Pornografie. 1987 initiierte Alice Schwarzer die PorNO-Kampagne, deren Ziel ein Verbot pornografischer Darstellungen war. "Pornografie schafft ein Frauenbild, das Frauen zu Menschen zweiter Klasse degradiert", hatte Schwarzer wiederholt erklärt. Pornografie bedrohe die elementaren Menschenrechte von Frauen: das Recht auf Würde oder Freiheit, auf körperliche Unversehrtheit oder Leben.

18 Jahre später vertritt die amerikanische Journalistin Annalee Newitz im Magazin "New Scientist" eine Meinung, über die Schwarzer sehr verwundert sein dürfte. "Warum jeder von uns Pornografie braucht", heißt es provokant in der Überschrift des Gastbeitrags.

Es geht der Pressechefin der Electronic Frontier Foundation jedoch keinesfalls um Provokation. Auf zwei Seiten erklärt sie, welchen Fortschritt die direkte Darstellung von Sex der Menschheit bereits gebracht hat: Die "Erwachsenenindustrie" habe den Durchbruch von Videokassetten und DVDs beschleunigt, gleiches gelte für das Internet.

Für Newitz sind die Gründe für die positiven Effekte von Pornografie klar: Die genannten Medien seien maßgeschneidert für den privaten Konsum. Die Leute würden sich lieber zu Hause Filme anschauen als in einem schäbigen Rotlicht-Etablissement. Pornografie habe die Nachfrage nach neuen Technologien erhöht.

Das ist nicht wirklich neu. Newitz geht aber noch einen Schritt weiter und schaut in die Zukunft. Pornokonsumenten würden sich in den kommenden Jahren mehr und mehr für anonymes Surfen im Web interessieren, prophezeit sie. Heute könne jeder Surfer über seine IP-Adresse verfolgt und identifiziert werden; Websitebetreiber könnten in Logs umfangreiche Daten über das Surfverhalten sammeln. Dank neu entwickelter Anonymisierungstools werde sich dies in Zukunft ändern, glaubt Newitz.

Als Beispiel nennt sie das Anonymisierungstool Tor, das nach ihren Angaben mit Geldern der US-Kriegsmarine und der Electronic Frontier Foundation (EFF) entwickelt wurde. Während es den Militärs vor allem darum geht, unerkannt im Web recherchieren zu können, kämpft die EFF für Bürgerrechte.

Anonymität im Netz kostet nichts

"Es werden Werkzeuge entstehen, die auch Freiheit und Gerechtigkeit dienen können", meint Newitz. Das sei eine gute Nachricht für alle politischen Dissidenten und Menschenrechtsaktivisten - wie auch für alle, die einfach nur unbeobachtet surfen wollten.

Der Dresdner Datenschutzexperte Andreas Pfitzmann widerspricht der provokanten These von der hilfreichen Pornografie nicht: "Ich würde nicht sagen, es ist unsinnig", sagte er SPIEGEL ONLINE. Wenn es eines Tages eine Nachfrage nach kommerziellen Anonymisier-Werkzeugen gebe, dann könne die Prognose durchaus stimmen.

Gegenwärtig gebe es jedoch keinen Markt, weil die Werkzeuge gratis verfügbar seien. Der Informatikprofessor Pfitzmann weiß, wovon er spricht: Die TU Dresden betreibt mit JAP selbst einen Dienst zum anonymen Surfen. Die Bereitschaft, dafür zu bezahlen, sei unter den Benutzern aber noch zu gering.

"Für uns ist es keine Motivation, Pornografie-Konsumenten zu helfen", betonte Pfitzmann. Es ginge bei dem Projekt vielmehr darum, den Datenschutz beim Surfen sicherzustellen, "etwa bei der Recherche über gewissen Krankheiten", der Arbeitgeber und Krankenkassen nichts anginge.

Den Dresdner Anonymisierdienst nutzen vor allem Surfer aus Deutschland, den USA und Iran. Ihre IP-Adressen werden beim Umweg über den JAP-Server durch andere ersetzt - eine Rückverfolgung soll nicht mehr möglich sein. Pfitzmann räumte ein, dass es durchaus Pornokonsumenten unter den JAP-Benutzern gibt. "Es ist aber nicht so, dass sich die Nutzung eindeutig auf Pornografie konzentriert."

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