Netzwerk-Studie: Was Facebook über Nicht-Mitglieder weiß

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Wer kennt wen? Wie viel kann Facebook über Menschen wissen, die gar nicht bei Facebook sind? Deutsche Forscher haben mit einer Simulation gezeigt: Mit den Daten des sozialen Netzwerks lässt sich vorhersagen, ob Menschen einander kennen, die dort gar kein Profil haben.

Facebook-Chef vor Netzwerk-Grafik: Mark Zuckerbergs Firma kennt auch Nicht-Mitglieder Zur Großansicht
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Facebook-Chef vor Netzwerk-Grafik: Mark Zuckerbergs Firma kennt auch Nicht-Mitglieder

Wenn bei einer Netzwerkplattform genügend Informationen vorliegen, kann der Betreiber Erkenntnisse über Nicht-Mitglieder errechnen, die ihm so niemand explizit mitgeteilt hat. Ein Beispiel: Paul kennt Peter, keiner von beiden ist Mitglied bei Facebook. Weil aber einige ihrer Freunde Mitglied sind, lässt sich vorhersagen, dass sie einander kennen.

Das ist das Ergebnis einer Studie, die ein Forscherteam am Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg mit Hilfe von Facebook-Daten durchgeführt hat. Die Informatiker konnten mit mehreren Tausend Datensätzen Beziehungen zwischen Nicht-Mitgliedern eines Netzwerks vorhersagen - basierend allein auf den von Mitgliedern eingestellten Kontaktdaten. Damit das Experiment gelingt, müssen Adressbücher in das Netzwerk hochgeladen werden. Wenn Facebook rein gar nichts über die Existenz eines Menschen weiß, erlauben seine Datenbanken natürlich auch keine Aussagen über die Beziehungen dieses Menschen. Mitglied sein muss der Betroffene bei Facebook aber nicht.

Die Forscher konnten 40 Prozent solcher Beziehungen unter Nicht-Mitgliedern korrekt vorhersagen, indem sie bekannte Algorithmen untersuchen ließen, wen die Mitglieder in ihren Kontakt-Netzwerken hatten.

Wer kennt wen?

40 Prozent korrekte Vorhersagen - das ist 20-mal besser als Raten. Denn würde man eine Münze werfen, um Beziehungen vorherzusagen, wären sehr viele Fehlalarme darunter. Von allen Vorhersagen wären zwei Prozent richtig (bei einer 50:50-Chance), nicht 40.

Daten über Nicht-Mitglieder fallen bei allen großen Web-Anbietern an. Facebook zum Beispiel drängt Nutzer dazu, Adressbücher von Telefonen und E-Mail-Konten hochzuladen, um mit dem sogenannten Freundefinder Bekannte bei Facebook zu entdecken. Standardmäßig speichert und nutzt Facebook diese Informationen dauerhaft, ohne über die Auswertung zu informieren - im März hat das Landgericht Berlin diese Praxis als rechtswidrig beurteilt, Facebook ging in Berufung.

Modell mit Facebook-Daten

Nur Facebook weiß, wie hoch der Anteil der Adressbuch-Hochlader ist. Die Heidelberger Forscher gingen bei ihrem Modell von 50 Prozent aus. Die Wissenschaftler haben keinen Zugriff auf einen Datenpool von Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern - sie haben ihn simuliert.

Ihr Vorgehen: Im Jahr 2005 hatten US-Forscher von Facebook für eine Untersuchung sämtliche Kontoinformationen aller an fünf US-Universitäten bei Facebook registrierten Studenten erhalten, mehrere tausend Datensätze je Universität. Diese Daten haben die Heidelberger Forscher in ihrem Modell verwendet. Sie haben die Datensätze nachträglich in Mitglieder und Nicht-Mitglieder unterteilt - sie taten also gewissermaßen so, als seien manche der Personen in ihrer Stichprobe Facebook noch gar nicht beigetreten. So konnten sie überprüfen, ob die Vorhersagen ihrer Algorithmen über die Beziehungen von Nicht-Mitgliedern stimmen. Die Verknüpfungen der simulierten Nicht-Mitglieder konnten dann mit denen der tatsächlichen Mitglieder abgeglichen werden.

Facebook hat Daten für bessere Vorhersagen

Können Plattformen wie Facebook Beziehungen zwischen Nicht-Mitgliedern ähnlich gut vorhersagen? Die Informatikerin Katharina Anna Zweig, Mitautorin der Studie, ist sich da recht sicher. Natürlich könne man nicht alle Ergebnisse der Simulation eins zu eins auf die Gesamtbevölkerung übertragen, sagt sie, schließlich handelt es sich um Studenten.

"Die grundlegende Erkenntnis ist schon, dass sich mit vergleichweise wenig Daten die Beziehungen zwischen Nicht-Mitgliedern eines Netzwerks vorhersagen lassen, wenn die Mitglieder beispielsweise Adressbücher hochladen." Denn, so Zweig, "in der Netzwerkanalyse ist es generell so, dass es bei solchen Vorhersagen keine großen Unterschiede zwischen verschiedenen Untergruppen gibt. Ich gehe davon aus, dass wir dieselben Ergebnisse auch mit einer Gruppe von Fußballfans, Schülern oder Angestellten erzielen würden."

Es spricht einiges dafür, dass mit Daten, wie sie heute Facebook und anderen Anbietern zur Verfügung stehen, zuverlässigere Vorhersagen über Nicht-Mitglieder möglich sind als in der Simulation der Forscher. Zweig: "Wir wissen nur, ob eine Person eine andere kennt, nicht mehr." Helfen könnten Details wie diese: Zu welchem Jahrgang an welcher Bildungsinstitution gehören die Personen, welche Interessen haben sie, welche Musik mögen sie, welche Produkte kaufen sie, wo wohnen sie?

Die Mehrheit der Facebook-Mitglieder gibt Facebook persönliche Informationen - der Sicherheitsdienstleister secure.me hat bei einer Untersuchung von 75.000 europäischen Facebook-Profilen ermittelt, dass 71 Prozent der Mitglieder persönliche Informationen wie Wohnort, Beziehungsstatus, Familienmitglieder oder politische Einstellung angeben.

Die Heidelberger Studie zeigt, dass sich aus Daten, die Dritte ohne Wissen der Nutzer Web-Diensten überlassen, statistisch neue Erkenntnisse über Personen gewinnen lassen. Bei der Heidelberger Studie ging es nur um die Frage, wer wen kennt - aber vielleicht lässt sich mit besseren Daten auch vorhersagen, wer homosexuell ist? Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben schon 2009 in einer Studie gezeigt, dass sich die sexuelle Orientierung innerhalb der Plattform auf Basis der Kontakte einer Person vorhersagen lässt. Spätestens, wenn das in einer Studie bei Nicht-Mitgliedern eines Netzwerks gelingt, muss man die Prämisse des Datenschutzes neu formulieren: Wie reguliert man mögliches, erschließbares Wissen?

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1. Warum
felisconcolor 10.05.2012
---Zitat--- Bei der Heidelberger Studie ging es nur um die Frage, wer wen kennt - aber vielleicht lässt sich mit besseren Daten auch vorhersagen, wer homosexuell ist? ---Zitatende--- muss eigentlich immer die Homosexualität bei solchen Dingen herhalten. Kann es sein das gewisse Menschen eine unbändige Angst davor haben? Falls es sich noch nicht herum gesprochen hat, Homosexualität ist NICHT ansteckend. Vielleicht liesse sich mit solchen Vorhersagen auch herausfinden wer an der Schweinegrippe leidet. Oder wer Jude Christ Moslem Hindu Buddist etc ist oder wer morgens seine Corn Flakes mit Milch isst oder doch lieber solo. Und was noch viel wichtiger wäre vielleicht liesse sich damit auch endlich voraussagen wen dieser ganze Blödsinn überhaupt interessiert den man da voraussagen kann. Vielleicht kann ich solche Leute dann besser aus meinem Profil raushalten. Wobei es ja wohl mittlerweile irrelevant ist ob man ein Profil hat oder nicht. Ich habe keines. Oute mich hiermit schon mal vorsorglich. Kann als Datenbasis für künftige Studien als relevant vermerkt werden.
2. Facebook ist geeignet eine Demokratie abzuschaffen
Demokrator2007 10.05.2012
So kurz und knapp muß man das sagen. Schon zu Zeiten des Newsgroups-Booms war es möglich Bewegungsprofile der Nutzer zu erstellen, was Crawler wohl auch heute noch machen.Gerade durch die "dämliche Netiquette" konnte man sich bei stärkerer Nutzung des Usenets damit in "Teufels Küche" bringen. Aber wie hält man diesen (Überwachungs) "Fortschritt" auf?
3.
franko_potente 10.05.2012
Zitat von felisconcolormuss eigentlich immer die Homosexualität bei solchen Dingen herhalten. Kann es sein das gewisse Menschen eine unbändige Angst davor haben? Falls es sich noch nicht herum gesprochen hat, Homosexualität ist NICHT ansteckend. Vielleicht liesse sich mit solchen Vorhersagen auch herausfinden wer an der Schweinegrippe leidet. Oder wer Jude Christ Moslem Hindu Buddist etc ist oder wer morgens seine Corn Flakes mit Milch isst oder doch lieber solo. Und was noch viel wichtiger wäre vielleicht liesse sich damit auch endlich voraussagen wen dieser ganze Blödsinn überhaupt interessiert den man da voraussagen kann. Vielleicht kann ich solche Leute dann besser aus meinem Profil raushalten. Wobei es ja wohl mittlerweile irrelevant ist ob man ein Profil hat oder nicht. Ich habe keines. Oute mich hiermit schon mal vorsorglich. Kann als Datenbasis für künftige Studien als relevant vermerkt werden.
Also wenn Ihnen das nicht klar ist, sollten Sie Internetverbot bekommen. Nat. nur zu Ihrem Schutz. Wie naiv kann man denn bitte sein?
4. .
static_noise 10.05.2012
---Zitat von sysop--- 40 Prozent korrekte Vorhersagen - das ist zwanzig mal besser als Raten. Denn würde man eine Münze werfen, um Beziehungen vorherzusagen, wären sehr viele Fehlalarme darunter. Von allen Vorhersagen wären zwei Prozent richtig (bei einer 50/50-Chance), nicht 40. ---Zitatende--- Komisch, ich hab in der Schule gelernt, dass 50:50 eben genau das bedeutet: 50 Prozent Chance... Können wir uns hier nochmal über die Kenntnisse des Autors über Wahrscheinlichkeit unterhalten? Zumindest das hier Geschriebene ist doch komplettes Geschwurbel. Mit 40% Treffen liegt die Vorhersage UNTER dem Vorgang des Raten wenn es nur ein gleichverteiltes 'richtig' oder 'falsch' gibt.
5. ahja?
snickerman 10.05.2012
Zitat von static_noiseKomisch, ich hab in der Schule gelernt, dass 50:50 eben genau das bedeutet: 50 Prozent Chance... Können wir uns hier nochmal über die Kenntnisse des Autors über Wahrscheinlichkeit unterhalten? Zumindest das hier Geschriebene ist doch komplettes Geschwurbel. Mit 40% Treffen liegt die Vorhersage UNTER dem Vorgang des Raten wenn es nur ein gleichverteiltes 'richtig' oder 'falsch' gibt.
Lesen hat bei Ihnen in der Schule aber gefehlt? Dann hätten Sie Sich diesen komplett sinnfreien Beitrag schenken können und Sich nicht so kolossal blamiert. Mir ist das bei Facebook jedenfalls auch aufgefallen, eine Bekannte eines Freundes wurde mir auf einmal als Freund vorgeschlagen, einen Tag, nachdem die beiden bei mir zu Besuch waren. Mein Freund hat gar kein Facebook, seine Bekannte zwar schon, aber wir haben keine gemeinsame Freunde dort... auch keine gemeinsamen Interessen... Gruselig!
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Soziale Netzwerke
Facebook
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Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
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Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...


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