Datenschutzbericht Web-Cam-Spannerei darf nicht straffrei bleiben

In seinem Bericht fordert der oberste Datenschützer das Verbot von heimlichen Bildaufnahmen und ihrer Verbreitung im Internet. Museen wie Spanner verletzten zunehmend die Privatsphäre der Bürger.

Von Steven Geyer


Duschte wissentlich öffentlich: Jona bei "Big Brother"

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Eine weiße Wand im grellen Neonlicht. Daneben ein Vorhang, der flott aufgezogen wird. Eine junge Frau tritt ein und zieht die Bluse aus. Wir blicken in eine Umkleidekabine, angeblich irgendwo in Deutschland, angeblich gefilmt ohne das Wissen der jungen Frau. Zu finden sind solche Ruckelvideos gegen Entgeld im Internet, hinter verlinkten Texten wie "Du hast doch bestimmt auch schon mal daran gedacht, eine fremde Frau heimlich zu beobachten, oder?"

Es geht aber auch subtiler: Ein langer Flur, eine Kunstausstellung. Ein Pärchen läuft langsam durch unser Bild. Sieht sich die Ausstellung an. Und wir sehen sie im Internet. Kein Problem - es sei denn, das Pärchen will gar nicht gemeinsam gesehen werden.

Auf solche Phänomene blickt der Bundesbeauftragte für Datenschutz, Joachim Jacob, mit Sorge. Denn bisher ist es nicht strafbar, Bilder ohne das Wissen der Gezeigten aufzunehmen und online zu verbreiten. "Einen Tonmitschnitt an einer Bushaltestelle zu machen, ist verboten", erklärt Werner Schmidt, Sprecher des Datenschutzbeauftragten, "aber wenn eine Webcam Bilder ohne Ton von einer zärtlichen Begrüßung an derselben Haltestelle macht, ist es erlaubt." Lediglich die Gefilmten könnten klagen, weil ihr Recht am eigenen Bild verletzt wurde.

Spanner in Wohnungen, Umkleidekabinen und Geschäften

Datenschutzbeauftragter Jacob übergibt seinen Bericht Bundestagspräsident Thierse: "Wir sehen Handlungsbedarf"
DPA

Datenschutzbeauftragter Jacob übergibt seinen Bericht Bundestagspräsident Thierse: "Wir sehen Handlungsbedarf"

Hier sehen die Datenschützer Handlungsbedarf: Im Internet tauchten immer mehr Fotos von Personen auf, die von den Aufnahme und Veröffentlichungen nichts wüssten. Sie würden sich oft sogar, so der Bericht, "in Bereichen bewegen, in denen sie sich bewusst der Öffentlichkeit entziehen wollen". Genannt werden "eine Privatwohnung, Umkleidekabinen in Schwimmbädern oder Geschäften". "Es kann nicht angehen", empört sich der oberste Datenschützer der Republik, "dass so etwas weiterhin straffrei ist."

In einigen Fällen ergriff die Behörde auch schon die Initiative. Die Bundeskunsthalle in Bonn weist seit einer Visite der Datenschützer einsichtig darauf hin, dass ihre Besucher per Webcam weltweit zu sehen sind. "Wenn jemand Bilder vom Alexanderplatz ins Netz überträgt - geschenkt", sagt Werner Schmidt. "Aber Personen, die in ein bestimmtes Hotel gehen, sollten nicht ohne ihr Wissen zu sehen sein."

Mini-Kameras für einige hundert Mark

Technisch ist das Spannen per Kamera heute kein Problem mehr. "Die Linsen unserer Geräte haben heute einen Durchmesser von einem Millimeter", sagt Michael Radtke, Geschäftsführer der Firma alarm.de Radtke in Löhne, die solche Technik schon für einige hundert Mark auch online verkauft. Hauptsächlich an Firmen zur Videoüberwachung, aber eben auch an Privatkunden. "Wenn wir erkennen, das ist ein Spanner oder ein Spinner, dann kriegt er nichts", behauptet Radtke. "Aber das sieht man ja nicht jedem an."

Ebenso wenig sieht man den vermeintlichen Opfern an, ob sie wirklich ausspioniert werden oder ob die angebliche Schwimmhallen-Duschkabine als Kulisse bei einem Profi-Filmemacher im Studio steht. Deswegen ist auch Jürgen Stoltenow vom Bundeskriminalamt skeptisch, was eine Strafverfolgung angeht. "Woher weiß der Fahnder, was wirklich heimlich aufgenommen und was gestellt ist?", meint er. "Man müsste letztlich immer den Abgebildeten ausfindig machen, um zu erfahren, ob er zugestimmt hat oder nicht."

Die Sauna im Keller amerikanischer Pornostudios

Das wird schwer möglich sein. Eine Surftour durch einschlägige Seiten zeigt eine wahre Flut an angeblichen "Hidden Cams" und Spanner-Kameras. "In unserer riesigen Auswahl an versteckten Kameras ist für Dein Verlangen garantiert das Richtige dabei...Toilette, Dusche, Umkleide, Schlafzimmer und viele Räume mehr", wirbt zum Beispiel eine Seite, die in der Sex-Suchmaschine "Amateurfinder.de" verlinkt ist.

Deren Betreiber, Jörg Schumann aus Bramsche, winkt ab: "Das ist doch alles Fake", sagt er. "Hinter den meisten von solchen Seiten stecken immer wieder dieselben professionellen Anbieter. Die kaufen das Bildmaterial irgendwoher ein." Im Zweifel seien die vorgeblich ausspionierten Saunen im Keller amerikanischer Pornostudios zu finden. "Zwischen den Bildern wird man kaum einen Unterschied sehen."



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