Debatte: Das Internet ist an allem schuld

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Das Internet ist eine Gefahrenquelle und bedroht nicht nur die Seelen deutscher Kinder, sondern auch den Qualitätsjournalismus - behauptet "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. Eine Replik.

Das Internet ist an allem schuld. Zum Beispiel ist es ein "Medium, das in steigendem Maße Nicht- oder Fastnichtmehrlesen ermöglicht". Was dem Leser dieser Zeilen möglicherweise nicht auf den ersten Blick einleuchten mag, aber gemach.

Das Netz ist außerdem ein Werkzeug, mit dem Gewalt gegen Minderjährige ausgeübt wird: "Fest steht, dass der ikonografische Extremismus, dem die Jungen und Jüngsten im Internet ausgesetzt sind, wie eine Körperverletzung wirkt."

"FAZ"-Mitherausgeber Schirrmacher: "Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden"
DPA

"FAZ"-Mitherausgeber Schirrmacher: "Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden"

Frank Schirrmacher, Mit-Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", wurde am Samstag mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache 2007 ausgezeichnet. Seine Dankesrede, die heute in Auszügen auch in der "Süddeutschen Zeitung" abgedruckt wurde, nutzte Schirrmacher für eine Bestandsaufnahme: eine geschliffen formulierte Ermutigungsrede an die Freunde des gedruckten - nicht des geschriebenen! - Wortes. Und für all jene, die sich fürchten vor dem, was aus dem Netz über unsere Gesellschaft hereinbricht.

Weil das Netz erstens zu hektisch und zweitens voller Schmutz und Schrecken ist, möchte Schirrmacher das journalistische Primat des Papiers über die Bildschirme erhalten. Mit der Begründung, dass die Zeitung "das verzögernde Moment in der gesellschaftlichen Kommunikation" darstelle. Das mache sie "für immer unverzichtbar": "Die Zeitung liefert eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden." Sie müsse deshalb "gegenhalten".

Wie groß die Haltbarkeit gedruckter Nachrichten tatsächlich ist, hat sich in den vergangenen Wochen mehrfach deutlich gezeigt: etwa als deutsche Tageszeitungen ihre Leser morgens mit einer fröhlich winkenden Benazir Bhutto auf den Titelseiten begrüßten - während Online-Seiten schon seit Stunden detailliert über den grausamen Anschlag auf die Politikerin berichteten, der mehr als 120 Menschen das Leben kostete. Oder als deutsche Blätter den Lesern gewundene Schlagzeilen über einen vermutlich knappen Wahlausgang in Polen servieren mussten, während der strahlende Wahlsieger Donald Tusk in Warschau bereits ausgelassen feierte. Strukturell bedingtes Zu-spät-Kommen, so viel ist sicher, ist kein journalistischer Vorteil.

Das Netz ist Schirrmacher aber nicht nur zu schnell - es ist auch ein Ort der Dunkelheit und des gefährlichen Halbwissens. Es bestehe die Gefahr, dass Kinder "mit seelischem Extremismus programmiert" würden. Unbestritten ist: Man findet im Internet die schlimmsten Abgründe dessen, was Menschen einander antun. Es ist, auch für Kinder und Jugendliche, leichter als je zuvor, an abstoßendes, abstumpfendes, grauenerregendes Material zu kommen. Das ist besorgniserregend, und in der Tat muss die Gesellschaft nach Wegen suchen, sich der Flut von Entsetzlichkeiten entgegenzustellen. Ganz sicher jedoch wird dieses Ziel nicht erreicht, indem man den Boten, das Medium, zur Ursache erklärt.

Es wimmle im Internet, sagte Schirrmacher weiter, von "halbseidenen Nachrichten" neben den echten. Schlimmer noch: "Auf den ersten Blick kann man sie nicht voneinander unterscheiden, sie tauchen auf und sind wieder verschwunden."

Nur Druckerpressen können das Abendland noch retten

All das scheint ein Alleinstellungsmerkmal des neuen Mediums zu sein. Sogar die Tatsache, dass das Fernsehen seit einigen Jahren öfter echte Leichen zeigt, führt der Journalist auf eine "Infektionsausbreitung" aus den DSL-Leitungen zurück: Das Netz als Symptom und Ursache des gesellschaftlichen Verfalls. Das einzige Gegenmittel ist offenbar die Druckerpresse.

Die Tatsache, dass jemand einen Text schreibt, der über Nacht auf Papier gedruckt und am nächsten Morgen zum Leser nach Hause gefahren wird, steigert dieser Argumentation zufolge die journalistischen Vorzüge des Geschriebenen. Das Transportmedium gerät zum Qualitätsmerkmal. Vielleicht deshalb, weil die Zeitung morgens nüchtern, grau und einsam auf der Türschwelle oder im Briefkasten liegt, während Nachrichten, Analysen und Kommentare im Internet ständig umgeben sind von dem immer mitzudenkenden Moloch, der um sie herum lauert. Von den körperverletzenden Bildern, dem "pornografischen und gewalttätigen Extremismus" und all den halbseidenen Nachrichten.

"Gesichter des Todes" gab es schon in den Achtzigern

Mit gleichem Recht könnte man behaupten, die Qualität der "Tagesschau" werde davon beeinflusst, dass auf anderen Kanälen nachts Sexfilme laufen. Oder die Qualität der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" davon, dass ein Kioskbesitzer daneben auch noch "Bild" und Erotikheftchen im Angebot hat.

Schirrmacher beschwor in seiner Rede ein "Jahrzehnt des Qualitätsjournalismus". Aber warum kann der nur auf Papier stattfinden? Tatsächlich ist es in einer Zeit des wachsenden Informations- und Unterhaltungsangebots wichtiger denn je, dass besonnene Menschen Nachrichten sortieren, auswählen, Entwicklungen mit Bedacht analysieren und kommentieren. Dass Verlage Geld in Redaktionen stecken, dass die Quote - früher sagte man: Auflage - nicht über die journalistische Auswahl regiert. Ob online oder gedruckt: Eine starke Medienmarke kann auf Dauer eben nur bestehen, wenn sie Qualitätsstandards setzt und hält. Die Vorstellung, dass Online-Journalisten zwangsläufig schlechter arbeiten, nur weil sie sehen können, was den Leser interessiert und was weniger, ist absurd. Was nicht heißt, dass sie nicht gelegentlich schneller schreiben, als der Sache gut tut.

Die Jungen schreiben mehr als die Generation vor ihnen

Selbstverständlich ist es wichtig, zumindest den Versuch zu unternehmen, Kinder und Jugendliche vor Gewalt und Pornografie zu schützen - genauso wie schon in den Achtzigern, als auf den Schulhöfen die Snuff-Compilation "Gesichter des Todes" weitergereicht wurde und Jungs am Wochenende heimlich Papas Pornos in den Videorekorder schoben. Das Internet hat zweifellos zu einer quantitativen, wenn auch nicht zu einer fundamentalen Verschlimmerung geführt. Dass aber eine Generation verdummt, die Texte am Bildschirm statt auf Papier liest, dass Informationsvielfalt die Menschen abstumpft, dass die überwiegend schriftliche Netz-Kommunikation der Jungen, ob in Internet-Communities, über Instant Messenger oder E-Mail zu sprachlicher Verrohung führt, ist eine unbegründete Angst.

Die erste Generation, die mit dem Netz aufgewachsen ist, schreibt, wenn überhaupt, mehr als die vorangegangene. Sprachlosigkeit jedenfalls droht nicht. Journalisten können sich freuen auf eine Generation von Lesern, die schon im Teenageralter daran gewöhnt ist, sich mit Texten aktiv auseinanderzusetzen - wenn die auch auf Bildschirmen stehen. Eine Generation, deren begeisterte Beteiligung im Netz guten Journalismus bereichern kann, anstatt ihn zu gefährden: Jeder Journalist tut gut daran, sich mit dem auseinanderzusetzen, worüber die neue Öffentlichkeit da draußen so redet. Sich zum Beispiel für die wachsende Menge von Experten-Blogs zu interessieren, geschrieben von Menschen, die über ihr Thema viel besser Bescheid wissen, als es die meisten Journalisten jemals werden.

Die Wahrheit ist: Das Internet ist als Überbringer von Nachrichten und Analysen wie geschaffen. Es ist das aufregendste journalistische Medium, das uns derzeit zur Verfügung steht. Weil es schnell sein kann, aber nicht muss. Weil es Querverweise und Verknüpfungen zu Originalquellen ermöglicht. Weil es Lesern einen schnellen Rückkanal bietet, über den sie Meinung äußern, auf Fehler hinweisen oder Fachwissen teilen können. Und weil es Texte eben länger am Leben hält als 24 Stunden. Keine Zeitung kann ihren Lesern gleichzeitig das eigene Archiv mitliefern, eine Internetpublikation schon. Redaktionen, die das nicht verstehen wollen, sind in der Tat bedroht durch das Netz. Alle anderen brauchen sich keine Sorgen zu machen.

Papier wird das Abendland nicht retten. Es ist exakt so geduldig wie Pixel - landet aber schneller auf dem Müll.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 156 Beiträge
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1. Chancen begreifen!
Colorful 29.10.2007
... und deshalb müssen wir das Internet ganz schnell abschaffen und die bösen Komputer am besten gleich mit. Papier und Bleistift können vom Tisch abstürzen, ich heb sie auf und nichts ist weg, ich kann weiter schreiben. Das ist alles viel viel besser als diese dummen elektronischen Kisten in denen alles viel zu schnell geht. Das gleiche Gejammere hab ich schon von den Druckern in den 90ern gehört. Es trennt sich halt die Spreu vom Weizen. Neues ist als Chance zu begreifen. Wer es nicht tut, fällt zurück. Da nutzt auch alles Schönreden nichts. Aber wir müssen selbstverständlich auch Wachsam sein, die Gefahren des Neuen erkennen und handeln. Das geht aber eben nur, wenn wir uns mit dem Neuen beschäftigen und es nicht erst einmal ablehen...
2. Hallo, Printmedien, aufwachen das Web ist da
Kampfbuckler 29.10.2007
Für die Redakteure ,die das immer noch nicht kapiert haben ,schon mal nen schönen Gruß vom Onkel Hartz. Besonders schlimm wird’s für die nach Verlegerwillkür zensierten Blätter. Die alten Traditionsabonnenten sterben weg und so gestrickt kann doch kein Junger , mit ständigem Zugang zu den unendlichen Weiten und Tiefen des Webs, sein, dass er Geld ausgibt für das Abo einer Zeitung, die ihn als politisch unreif einstuft, und ihm nur correcte Informationen vergönnt. Übrigens, im Gegensatz zu Herrn Schirrmacher hat die FAZ-online den Zug der Zeit erkannt, wie eine Schlagzeile zeigt: "Rumäniens Blogger Die Digitalguerrilla entmachtet die „alten“ Medien" Bitte Rumänien durch Deutschland ersetzen, passt scho!
3.
gutmensch666 29.10.2007
Zitat von sysopDas Internet ist eine Gefahrenquelle und bedroht nicht nur die Seelen deutscher Kinder, sondern auch den Qualitätsjournalismus - behauptet "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. Eine Replik. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,514107,00.html
wären die Mainstreammedien nicht so gleichgeschaltet, bräuchte man das Internet nicht. So dient es der Aufdeckung von Medienlügen.
4.
Jimbobsen 29.10.2007
Das haben Sie schön gesagt. Aber der journalistische Content im Internet ist vor allem auch eins: messbar. Das hat gravierende Auswirkungen auf den "Qualitätsjournalismus". SPON ist hier ein gutes Beispiel: Ein wahrer Quiz-Regen prasselt seit kurzem auf den Leser hernieder. Warum? Page Impressions = Kohle. Wo bleibt der Qualitätsjournalismus? Solange diese Gleichung gilt, leider auf der Strecke.
5.
Osis 29.10.2007
Vielleicht sollte der Mann einfach mal selber online gehen. Okay, Sprachverrohung ist mittlerweile überall, aber das liegt auch vor allem an der Werbung... Ansonsten gilt einfach: "Sprache ist freeware (jeder darf sie nutzen) aber nicht Open Source (frei verändern ist nicht drin...) Ich lese trotzdem gerne Morgens Zeitung beim Frühstück. Auch wenn sonst das Internet mein Medium ist. Aber mal wieder typisch deutscher Manager: Über Veränderungen wird sich beschwert, es wird blockiert und gemault. Bloß nicht reagiern und anpassen. Egal wohin man schaut, überall das gleiche dumme Reaktionsschema. Am Markt setzt sich durch was besser oder praktischer ist. So einfach ist das Meistens, aber auch nicht immer...
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