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31. Oktober 2007, 16:04 Uhr

Debatte

Heisere Stimmen aus der journalistischen Sahelzone

Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", fühlt sich missverstanden. In einer Rede am Wochenende habe er für die Koexistenz von Zeitung und Internet plädiert, bei SPIEGEL ONLINE sei daraus ein Frontalangriff aufs Netz gemacht worden. Eine Antwort auf die Replik.

Das nenne ich Eskalation: Aus einer Rede, die für die Koexistenz von Tageszeitung und Internet plädiert, macht der Internetredakteur kurzerhand eine Kriegserklärung. Nur indem er Formeln reaktionärer Kulturkritik bemüht, geht seine Rechnung auf: "Das Internet ist an allem schuld". Das ist eine Formel der Moral, es folgt eine der Zeit und des Ortes: "Nur Druckerpressen können das Abendland noch retten". Das sind zwei Überschriften, die nichts mit der Rede zu tun haben. Sie stammen aus dem Kopf des Internetredakteurs, nicht aus dem Mund des Redners.

Frank Schirrmacher, Mit-Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Die Rede ist nicht gegen das Internet"
MARCO-URBAN.DE

Frank Schirrmacher, Mit-Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Die Rede ist nicht gegen das Internet"

Aber sie reichen der Mehrheit der Leserkommentare, die nächste Eskalationsstufe zu zünden. Eine bemerkenswerte Zahl von Modernisierungsgewinnern. Sie bemitleiden, verhöhnen, bespötteln den Redner, ziehen weitreichende Folgerungen über seine Absichten, nennen ihn sogar Lügner, und wie dünne Stimmchen klingen in diesem Kampfgeschrei die Kommentare derjenigen, die darauf hinweisen, dass dies alles mit der Rede gar nichts zu tun hat. Wenn es stimmt, dass die Menschen durch das Internet beginnen, Quellen aufzusuchen, so stimmt es hier nicht. Noch nicht einmal der Link hat ausgereicht, dass die Rede vor der Kommentierung gelesen wurde.

Und nun zündet die nächste Eskalationsstufe, es tapert die Feuilletonpresseschau hinterher und spricht von "Schirrmachers Rede gegen das Internet". Es ist unheimlich: Die Thesen dieser Rede über das Internet werden durch seine Rezeption im Internet in einer selbst für mich überraschenden Weise bestätigt. Das Netz veröffentlicht Worte, die keiner, die oft nicht einmal der Autor selber gelesen hat, als er sie schrieb.

Zu den Tatsachen: Die Rede spricht nicht davon, dass das Internet abgeschafft werden soll. Sie spricht nur davon, dass gedruckte Zeitungen - und Magazine - weiterhin einen großen, vielleicht noch größeren gesellschaftlichen Sinn haben werden. Die Rede ist auch nicht gegen das Internet. Ich bin übrigens auch nicht gegen das Wetter als solches oder gegen den geografischen Umriss Nordamerikas. Nur indem ein hinkendes Bewusstein in die Rede hineingedeutet wurde, konnte der Redner von ferne schon wie der Teufel aussehen. In der Rede steht: "Es gibt keine schönere Herausforderung als diese: Nicht nur das Internet zu erobern, sondern auch gegenzuhalten und Optionen anzubieten". In der Rede steht nicht, wir müssten auf das Internet verzichten. Es steht vielmehr über die Zeitung: "Deshalb wird sie immer unverzichtbar sein". Es steht: "Es gibt nur eine logische Konsequenz: Zeitung und Internet sind konstitutiv für den, der ein aufgeklärtes Leben führen wird". Und – das heißt: und. "Zeitung und Internet" heißt nicht: "Zeitung, aber nicht Internet".

Es ist auch nicht die Rede von den vielen Toten "im Fernsehen", wie SPIEGEL ONLINE ein Argument opahaft karikiert, sondern von den vielen echten Toten, die neuerdings kenntlich in Magazinen und Nachrichtensendungen gezeigt werden. An keiner Stelle, um nur dies noch zu sagen, spricht die Rede davon, dass das Internet den Qualitätsjournalismus bedroht. Die Bedrohung unseres Journalismus - und dazu zählen auch jene Qualitätsseiten im Internet, die sich nicht massiv boulevardisieren müssen - liegt bekanntlich nicht im Journalismus selbst, sondern in den Veränderungen von Anzeigenmärkten. Sehr präzise nenne ich deshalb als Bedrohung ausschließlich den öffentlichen rechtlichen Rundfunk, der, da gebührenfinanziert, die Marktverhältnisse verschiebt – ein Befund, der auch SPIEGEL ONLINE nicht unbekannt sein sollte.

Dass aus alldem von SPIEGEL ONLINE reaktionäres Bewusstein konstruiert wird, ist letztlich egal. Dass nur die "Druckerpressen das Abendland retten" können oder das "Internet an allem schuld sei", steht nicht nur nicht in meiner Rede - ich wüsste keinen Menschen auf der Welt, der diesen Quatsch glauben sollte. Das ist Polemik, aber besonders gut finde ich sie nicht. Das ist ein Kampf gegen Vogelscheuchen, der Leserkommentare erzeugt, aber nichts mehr mit den Tatsachen zu tun hat.

Was also wurde in der Rede kritisiert? Die pornografischen und kriminellen Bild- und Filminhalte, die Nachrichtenenten, die Boulevardisierung der "News" und deren prägende Wirkung auf Kinder und Jugendliche. Außerdem: der Aufkauf von Zeitungen nach den Maßgaben der Rendite. Starke Qualitätszeitungen sind ein Gegenmittel gegen die absolute Welt des Internet.

Und eine konstitutive Ergänzung. Das hat auch die SPIEGEL-Gruppe begriffen, die vor einigen Monaten erwog, eine Tageszeitung zu kaufen. Interessant ist aber, dass dieser Internetjournalismus, der seine Angebote kostenlos liefert, offenbar nicht einmal mehr fähig ist, die Koexistenz mit den kostenpflichtigen Printmedien auch nur zu denken. Er hat sein eigenes Plebiszit der Verbraucher. Er ist jedenfalls nicht bereit, die Koexistenz zu akzeptieren. Das autoritäre Potential, mit dem er den Gedanken daran abfertigt, ist beträchtlich. Es herrscht nicht Reflexion, es herrscht der Reflex. Wer so denkt, liest Zeitungen als Sondersphären des Geistes, die sich in der Vorzeit abkapseln.

Nachdenklichkeit, wie sich auch an diesem Fall zeigt, braucht Zeit. Es gibt großartige Beispiele für die Wirkung von Blogs, Nachrichtenseiten, Internet-Erzählungen und Filmen, von großem revolutionären Elan in einer geistig fruchtbaren Welt. Die heiseren Stimmen aber, die sich hier melden, klingen eher nach journalistischer Sahelzone.

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