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Debatte: Heisere Stimmen aus der journalistischen Sahelzone

Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", fühlt sich missverstanden. In einer Rede am Wochenende habe er für die Koexistenz von Zeitung und Internet plädiert, bei SPIEGEL ONLINE sei daraus ein Frontalangriff aufs Netz gemacht worden. Eine Antwort auf die Replik.

Das nenne ich Eskalation: Aus einer Rede, die für die Koexistenz von Tageszeitung und Internet plädiert, macht der Internetredakteur kurzerhand eine Kriegserklärung. Nur indem er Formeln reaktionärer Kulturkritik bemüht, geht seine Rechnung auf: "Das Internet ist an allem schuld". Das ist eine Formel der Moral, es folgt eine der Zeit und des Ortes: "Nur Druckerpressen können das Abendland noch retten". Das sind zwei Überschriften, die nichts mit der Rede zu tun haben. Sie stammen aus dem Kopf des Internetredakteurs, nicht aus dem Mund des Redners.

Frank Schirrmacher, Mit-Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Die Rede ist nicht gegen das Internet"
MARCO-URBAN.DE

Frank Schirrmacher, Mit-Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Die Rede ist nicht gegen das Internet"

Aber sie reichen der Mehrheit der Leserkommentare, die nächste Eskalationsstufe zu zünden. Eine bemerkenswerte Zahl von Modernisierungsgewinnern. Sie bemitleiden, verhöhnen, bespötteln den Redner, ziehen weitreichende Folgerungen über seine Absichten, nennen ihn sogar Lügner, und wie dünne Stimmchen klingen in diesem Kampfgeschrei die Kommentare derjenigen, die darauf hinweisen, dass dies alles mit der Rede gar nichts zu tun hat. Wenn es stimmt, dass die Menschen durch das Internet beginnen, Quellen aufzusuchen, so stimmt es hier nicht. Noch nicht einmal der Link hat ausgereicht, dass die Rede vor der Kommentierung gelesen wurde.

Und nun zündet die nächste Eskalationsstufe, es tapert die Feuilletonpresseschau hinterher und spricht von "Schirrmachers Rede gegen das Internet". Es ist unheimlich: Die Thesen dieser Rede über das Internet werden durch seine Rezeption im Internet in einer selbst für mich überraschenden Weise bestätigt. Das Netz veröffentlicht Worte, die keiner, die oft nicht einmal der Autor selber gelesen hat, als er sie schrieb.

Zu den Tatsachen: Die Rede spricht nicht davon, dass das Internet abgeschafft werden soll. Sie spricht nur davon, dass gedruckte Zeitungen - und Magazine - weiterhin einen großen, vielleicht noch größeren gesellschaftlichen Sinn haben werden. Die Rede ist auch nicht gegen das Internet. Ich bin übrigens auch nicht gegen das Wetter als solches oder gegen den geografischen Umriss Nordamerikas. Nur indem ein hinkendes Bewusstein in die Rede hineingedeutet wurde, konnte der Redner von ferne schon wie der Teufel aussehen. In der Rede steht: "Es gibt keine schönere Herausforderung als diese: Nicht nur das Internet zu erobern, sondern auch gegenzuhalten und Optionen anzubieten". In der Rede steht nicht, wir müssten auf das Internet verzichten. Es steht vielmehr über die Zeitung: "Deshalb wird sie immer unverzichtbar sein". Es steht: "Es gibt nur eine logische Konsequenz: Zeitung und Internet sind konstitutiv für den, der ein aufgeklärtes Leben führen wird". Und – das heißt: und. "Zeitung und Internet" heißt nicht: "Zeitung, aber nicht Internet".

Es ist auch nicht die Rede von den vielen Toten "im Fernsehen", wie SPIEGEL ONLINE ein Argument opahaft karikiert, sondern von den vielen echten Toten, die neuerdings kenntlich in Magazinen und Nachrichtensendungen gezeigt werden. An keiner Stelle, um nur dies noch zu sagen, spricht die Rede davon, dass das Internet den Qualitätsjournalismus bedroht. Die Bedrohung unseres Journalismus - und dazu zählen auch jene Qualitätsseiten im Internet, die sich nicht massiv boulevardisieren müssen - liegt bekanntlich nicht im Journalismus selbst, sondern in den Veränderungen von Anzeigenmärkten. Sehr präzise nenne ich deshalb als Bedrohung ausschließlich den öffentlichen rechtlichen Rundfunk, der, da gebührenfinanziert, die Marktverhältnisse verschiebt – ein Befund, der auch SPIEGEL ONLINE nicht unbekannt sein sollte.

Dass aus alldem von SPIEGEL ONLINE reaktionäres Bewusstein konstruiert wird, ist letztlich egal. Dass nur die "Druckerpressen das Abendland retten" können oder das "Internet an allem schuld sei", steht nicht nur nicht in meiner Rede - ich wüsste keinen Menschen auf der Welt, der diesen Quatsch glauben sollte. Das ist Polemik, aber besonders gut finde ich sie nicht. Das ist ein Kampf gegen Vogelscheuchen, der Leserkommentare erzeugt, aber nichts mehr mit den Tatsachen zu tun hat.

Was also wurde in der Rede kritisiert? Die pornografischen und kriminellen Bild- und Filminhalte, die Nachrichtenenten, die Boulevardisierung der "News" und deren prägende Wirkung auf Kinder und Jugendliche. Außerdem: der Aufkauf von Zeitungen nach den Maßgaben der Rendite. Starke Qualitätszeitungen sind ein Gegenmittel gegen die absolute Welt des Internet.

Und eine konstitutive Ergänzung. Das hat auch die SPIEGEL-Gruppe begriffen, die vor einigen Monaten erwog, eine Tageszeitung zu kaufen. Interessant ist aber, dass dieser Internetjournalismus, der seine Angebote kostenlos liefert, offenbar nicht einmal mehr fähig ist, die Koexistenz mit den kostenpflichtigen Printmedien auch nur zu denken. Er hat sein eigenes Plebiszit der Verbraucher. Er ist jedenfalls nicht bereit, die Koexistenz zu akzeptieren. Das autoritäre Potential, mit dem er den Gedanken daran abfertigt, ist beträchtlich. Es herrscht nicht Reflexion, es herrscht der Reflex. Wer so denkt, liest Zeitungen als Sondersphären des Geistes, die sich in der Vorzeit abkapseln.

Nachdenklichkeit, wie sich auch an diesem Fall zeigt, braucht Zeit. Es gibt großartige Beispiele für die Wirkung von Blogs, Nachrichtenseiten, Internet-Erzählungen und Filmen, von großem revolutionären Elan in einer geistig fruchtbaren Welt. Die heiseren Stimmen aber, die sich hier melden, klingen eher nach journalistischer Sahelzone.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
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1. SPON vs Spiegel Print
Gast100100, 31.10.2007
Schirrmacher hat nicht ganz unrecht. Man kann das veränderte Medienverhalten am Beispiel Spiegel-Online versus Spiegel Print sehr gut beobachten. Beim Thema Klimawandel kann es der Online-Redaktion nicht schnell genug gehen, irgendeine pseudowissenschaftliche Meldung dramatisch in Szene zu setzen, anstatt sich mit Thema nachhaltig zu befassen.
2. Mir doch egal, aus welchem Schlauch ich trinke.
joerg109, 31.10.2007
Immer wieder die Diskussion darum, aus welchem Feuerwehrschlauch man seinen Flüssigkeitsbedarf besser stillen könne. Angezettelt von Leuten mit hoher Kompetenz für einen ganz bestimmten Schlauch und einem dadurch verstellten Blick fürs Ganze. Ich lese Zeitung, weil ich noch kein Endgerät gefunden habe, das ich gerne am Frühstückstisch verwenden würde. Wenns so eines dann mal gibt, rühre ich fürs Zeitung lesen ganz sicher kein Papier mehr an. Egal ob Herr Schirrmacher im Internet publiziert oder nicht.
3. Das Internet ist an allem schuld
excalibur, 31.10.2007
"... ikonografische Extremismus, dem die Jungen und Jüngsten im Internet ausgesetzt sind, wie eine Körperverletzung wirkt" - Da kann ich nur sagen: In der Tat, die Szenerie um Journalismus hat sich in erheblicher Weise geändert, seit dem das Internet so fest in die gesellschaftlichen Bereiche integriert ist. Ohne online zu sein, geht quasi nirgendwo irgendwas. Dennoch sollte man darin nur die völlig selbstverständliche und logische Konsequenz der Entwicklung unseres modernen Lebens sehen. Was jedwede Zensur o.ä. bewirkt, ist in einigen Ländern bestens ersichtlich. Für die Journalisten gilt daher: Schneller, aktueller, besser (vielleicht nicht so genau, denn das wäre unmöglich). Und da sind wir auch am Kern der Sache: Es leidet die Qualität und Exaktheit der Berichterstattung. Möglicherweise wird das aber durch die Fülle der "Pole" wieder ausgeglichen und im Endeffekt hat jeder den Vorteil, schneller informiert zu sein, oder? mfg excal.
4. komisches Weltbild
reformfan 31.10.2007
Meinen Vorgänger kann ich nur sagen, gnade uns Gott, wenn sich Ihr Verständnis von freier Kommunikation wieder durchsetzt. Offensichtlich gelingt es Ihnen, wie Herrn Schirrmacher, Information und Kommunikation im web nicht hinreichend zu filtern und zu verarbeiten. Das war natuerlich früher einfacher. Da gab es die Guten wie den Spiegel, Faz, SZ usw und die Bösen wie Bild, die es zu ignorieren galt. Ich schlage vor, Sie lesen wieder das Neue Deutschland, das schon zu DDR Zeiten die einzige Informationsquelle war. Da konnten und können Sie dann sicher nachts gut schlafen, da Ihnen keiner was von den Toten in Pakistan erzählt, was Sie ja so zu erregen scheint.
5. Wettbewerb und Angriff
Eiermann 31.10.2007
Wenn sich Herr Schirrmacher mißverstanden fühlt, könnte das daran liegen, dass er sich mißverständlich ausgedrückt hat bzw. es tendenziell auch tatsächlich so gemeint hat, wie er verstanden wurde. Wer wie Herr Schirrmacher die gedruckte Tageszeitung gegen das Internet und dessen Gefahren, und damit das eine Medium gegen das andere in Stellung bringt, greift es selbstverständlich auch an. Nicht in dessen Existenz (soviel Vermessenheit gegenüber dem Internet hat ihm m.W. niemand unterstellt), aber in seiner Bedeutung. Medienwettbewerb hat wie sämtlicher Wettbewerb - das sollte gerade ein Priester des Marktes wie die FAZ wissen - immer auch Momente des Angriffs, nicht unbedingt nur auf die Existenz einzelner Wettbewerber, sondern auch auf deren Bedeutung und Marktanteil. Insbesondere bringt Herr Schirrmacher die Tageszeitung in Sachen Qualitätsjournalismus mit handfesten Begründungsversuchen wie Lesekompetenz und Entschleunigung gegen vermeintliche diesbezügliche Defizite des Internets in Stellung. Insofern kann ich im Kommentar von Spiegel Online keinerlei Verzerrung, sondern nur folgerichtige Interpretationen der Positionen Schirrmachers erkennen. Wer wie Herr Schirrmacher die Tageszeitungen gegen einen Riesenmaschine wie das Internet in Stellung bringen will, muß mit Gegenreaktionen, natürlich auch mit Spott rechnen und leben. So ist das mit dem Wettbewerb, um so mehr im Wettbewerb der Positionen und Meinungen und der Medien, die sie verbreiten.
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