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Debatte um Festival-Fotos: Die Generation Gesichtserkennung outet sich selbst

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Ein Festival in England, eins in der Bonner Rheinaue: Von beiden Großevents gibt es Fotos, auf denen viele Tausend Besucher zu erkennen sind - über eine Facebook-Funktion lassen sich den Gesichtern Namen zuordnen. Solche Daten nutzt auch die Polizei.

Riesenfoto: 25.000 Menschen mit Namen Fotos

Hamburg - Rund 25.000 Menschen sind auf einem riesigen, aus vielen Einzelfotos zusammengesetzten Bild zu sehen - und mit ein paar Klicks können sich die Abgebildeten, ein Facebook-Konto vorausgesetzt, zu erkennen geben. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hat das Panoramafoto ins Internet gestellt, aufgenommen wurde es beim Musikfestival Rheinkultur Anfang Juli.

Bis jetzt haben mehr als 1200 Facebook-Nutzer eine kleine Stecknadel auf ihr Gesicht gesetzt und teilen der Welt mit, dass sie dabei waren - und gehen nicht mehr in der Masse unter. Bei Walter, der Kinderbuchfigur im weiß-rot gestreiften Pullover, war es noch genau andersherum: In diversen Bildbänden wurden die Leser auf detaillierten Bildern mit vielen, vielen Menschen auf die Suche nach der Hauptfigur geschickt.

Diese Sisyphusarbeit übernehmen Hunderte Rheinkultur-Besucher jetzt selbst. Auch ihre virtuellen Freunde können sie in dem Foto verorten - direkt sichtbar wird die Markierung aber nicht. Die Ausgewählten bekommen eine Nachricht über Facebook zugestellt und werden aufgefordert, sich doch selbst zu markieren. So wird sichergestellt, dass niemand markiert wird, der es nicht möchte.

Ganz ähnlich funktioniert eine Werbeaktion des Telefonanbieters Orange in Großbritannien: Ein großes Panoramafoto des Publikums auf dem Glastonbury-Festivals, aufgenommen im vergangenen Jahr, lässt sich hier mit sogenannten Tags versehen. Hier kann man sich schon zu mehr als 9500 Personen die - angeblichen - Namen anzeigen lassen.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" rief daraufhin am Mittwoch die "Generation Gesichtserkennung" aus - auch wenn die beiden Projekte mit der automatischer Erkennung von Gesichtern nichts zu tun haben. Hier scannt kein Computer die Fotos nach biometrischen Merkmalen, sondern die Nutzer selbst geben ihr Gesicht zu erkennen.

Ermittler nutzen das Internet

Auch das kann problematisch sein. Weiter schreibt die Zeitung etwas von Rasterfahndern, die an solchen Datensammlungen Gefallen finden könnten. Das wiederum stimmt: Längst nutzen Ermittler das Internet und selbstverständlich auch soziale Netzwerke für ihre Arbeit.

  • In Hamburg und Nordrhein-Westfalen haben Polizisten, so berichtet es Heise, soziale Netzwerke zur Identifizierung von Verkehrssündern genutzt. Blitzer-Fotos würden immer häufiger mit persönlichen Profilen im Internet abgeglichen, heißt es dort. Bevor es wegen Geschwindigkeitsübertretung ein Bußgeld gibt, muss geklärt sein, wer das Fahrzeug zum fraglichen Zeitpunkt gesteuert hat. Der so beliebte Einspruch gegen staatliche Maßregelungen, man habe sein Fahrzeug gar nicht selber gesteuert, läuft ins Leere, wenn die Ordnungshüter beim Fotoabgleich auf eine Übereinstimmung treffen. Das widerspricht nicht einmal dem Datenschutz, wenn die Profilbilder - wie bei Facebook standardmäßig - öffentlich zugänglich sind.
  • Nach den Krawallen in Vancouver - Hockeyfans hatten nach dem Finale im Juni die Innenstadt verwüstet - nutzten selbsternannte Sheriffs soziale Netzwerke zur Identifizierung von Tätern. Auf Facebook und in Blogs veröffentlichten sie Fotos von Autos anzündenden und Scheiben einwerfenden Randalierern und riefen dazu auf, bei der Identifizierung behilflich zu sein. Einige der mutmaßlichen Täter konnten mit Hilfe von Internet-Profilen aufgespürt werden, andere verrieten sich auf Facebook praktischerweise gleich selbst.
  • Israelische Behörden haben eine Liste mit mehreren hundert Namen von Aktivisten erstellt, die an der Einreise gehindert werden sollen. Sie hatten sich unter anderem über Facebook zu Protesten gegen den Umgang mit Palästinensern verabredet, schreibt Golem. Als Reiseziel hätten sie bei den Behörden "Palästina" statt "Israel" angeben wollen. Ein Sprecher des Außenministerium wird mit den Worten zitiert, zur Identifizierung der "Provokateure" habe man den Geheimdienst nicht gebraucht. "Es war alles ganz offen zu finden", heißt es weiter.

Auch wenn das letzte Beispiel nicht direkt etwas mit Fotos in sozialen Netzwerken zu tun hat, zeigt es das Problem: Informationen, auch aus einem ganz anderen Kontext, können gegen Menschen verwendet werden. Diverse Blogbeiträge weisen darauf hin - und warnen vor dem Einsatz dieser Techniken bei Fotos von Demonstrationen. Für Kritik sorgt auch, dass mit dem WDR ein mit Gebühren finanzierter Rundfunksender auf Facebook-Funktionen zurückgreift - und damit deren "Gesichtserkennungsdatenbanken" füllen würde.

Das ist allerdings nur eine Vermutung. Facebook hat eine automatische Gesichtserkennung im Juni freigeschaltet, aus mit Namenstags versehenen Fotos versucht ein Algorithmus, Gemeinsamkeiten herauszurechnen, um künftig Personen automatisch zu erkennen. Abschalten lässt sich diese Funktion kaum, nur die öffentliche Anzeige des Namens lässt sich effektiv verhindern. Google verzichtet bisher auf ähnliche Funktionen, zumindest im Internet - die Sorgen um den Datenschutz sind zu hoch.

Häuserfassaden werden verpixelt

Oder besser: Google fürchtet sich vor mangelnder Akzeptanz einer solchen Foto-Rasterfahndung. Doch auch bei dem Facebook-Gegenangebot Google+ werden Nutzer dazu verleitet, sich ein Profil mit öffentlich einsehbarem Foto zuzulegen. Der soziale Druck, in einem der Netzwerke aktiv zu sein und etwas von sich herzuzeigen, nimmt damit weiter zu. Natürlich kann man sich dem verweigern, in einigen Fällen (exponierte Berufe, Bewerbung in einer Wohngemeinschaft, Jobsuche in kreativen Branchen) kann das jedoch zu Nachteilen führen.

Die Besucher der Rheinkultur seien ausdrücklich auf das Riesenfoto hingewiesen worden, teilt der WDR auf Anfrage mit. Es habe Hinweise an allen Zugängen gegeben und außerdem Hinweise von der Moderation und auf einer Videoleinwand. Bei solchen Veranstaltungen sei es auch üblich, dass Bilder einzelner Besucher in Fernsehsendungen gezeigt würden. Der erste Auftritt des virtuellen Gästebuchs mit Profilfotos sei vielversprechend verlaufen, so der WDR, ein nächster Einsatz werde derzeit geprüft.

Außerdem wurde am Mittwoch der Link auf die Seite mit weiteren Erklärungen geändert. Statt "Hilfe" steht dort nun "Hilfe und Infos zur Verpixelung". Denn wer möchte, kann den WDR bitten, sein Gesicht auf dem riesigen Panoramafoto unkenntlich zu machen - noch hat das aber laut WDR niemand verlangt.

Ob das nun juristisch geboten ist oder das Riesenfoto noch unter die sogenannte Panoramafreiheit fällt, nach der Menschen es ertragen müssen, auf Fotos im öffentlichen Raum nebenbei vorzukommen, ist unklar. Eine nette Geste ist es allemal, lassen sich doch auch Häuser bei den Straßenfotodiensten von Google und Microsoft unkenntlich machen.

Die beiden Panoramafotos vom Rhein und aus England mit Hunderten und Tausenden zugeordneten Namen zeigen deutlich, was heute technisch alles machbar ist. Die Umsetzung erlaubt es den Betroffenen, sich gegen die Zuordnung zur Wehr zu setzen. Das muss nicht immer so bleiben.

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Fotostrecke
Anleitung: Wie man der Gesichtsmarkierung entgeht

Soziale Netzwerke
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

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