"Defacements" Niemand ist sicher

Die Veränderung der Gestalt von Webseiten wächst sich zum Volkssport aus. Gefeit ist niemand: Heute erwischte es die Internet Engineering Task Force IETF. Zu deren Aufgaben gehört es normalerweise nicht, irgend jemanden zum "schwulsten Mann im Internet" zu erklären.


Defacement: Ein Screenshot dieser Art wird schon bald in einer der Hacker-Trophäensammlungen auftauchen

Defacement: Ein Screenshot dieser Art wird schon bald in einer der Hacker-Trophäensammlungen auftauchen

"Hallo", schrieb SPIEGEL-ONLINE-Leser Andreas L. in einer E-Mail, "habe heute morgen gegen 10:30 die Website der Internet Engineering Taskforce besucht und festgestellt, dass eine etwas merkwürdige 'Nachricht' bekannt gegeben wird."

"The Internet Engineering Task Force Declares Steve Nash The Gayest Man on the Internet", stand da zu lesen. "Normal", befand Andreas L. ganz richtig, "kann das nicht sein."

Und fand auch gleich eine Erklärung: "www.ietf.org wird zur Verteilung der Last auf zwei Webserver gesplittet: www1.ietf.org und www2.ietf.org. www1 zeigt die normale Website, www2 zeigt die Website mit dem Announcement."

Und weiter: "Beim Blick in den Sourcecode der Seite fällt auf, dass bei der Seite von www2 das Header-Tag 'h1' großgeschrieben ist, im 'Original' auf www1 ist das kleingeschrieben."

Zu Deutsch: Alles deutet darauf hin, dass sich jemand an der Seite zu schaffen gemacht hat. Unter Hackern ist das eine Art Volkssport und läuft unter der Bezeichnung "Defacement" - mittlerweile wahrscheinlich die häufigste Form des "Hacks". Auch der "Cyberwar" zwischen amerikanischen und chinesischen Hackern in den letzten Wochen wurde vor allem auf der Basis solcher Defacements geführt.

Die Veränderung der IETF-Seite hatte mindestens bis 13.15 Uhr Bestand, inzwischen könnten die Amerikaner aber aufgewacht sein. "Steve Nash" ist im Übrigen ein populärer amerikanischer Basketball-Spieler: ein Angriff auf den Nationalstolz - oder eher ein blöder Scherz von einem Anhänger eines gegnerischen Clubs?

Zu klären ist so etwas nicht immer, aber oft genug, wenn man sich die "Trophäen-Seiten" der Hackergemeinde zu Gemüte führt. Auf solchen Websites tragen die Urheber von Hacks sich mit ihren Heldentaten ein und dokumentieren diese oft mit Screenshots der veränderten Seiten.

Dass es sich dabei um kein kleines Problem handelt, beweist der Blick ins "alldas"-Defacement-Archiv. Das dokumentiert allein für den heutigen Tag bis 13.15 Uhr stolze 63 erfolgreiche Defacements.

Gegen Mittag gelang zum Beispiel der "Hi-Tech Hate Crew" ein Defacement der südkoreanischen Seite "pulip.pusan.ac.kr". Was sich dahinter verbirgt, ist im Augenblick nicht mehr nachzuvollziehen. Der einzig relevante Inhalt besteht aus einer Nachricht: "B4dBoy dedicates this one to Simona: please remember I WILL LOVE YOU FOREVER."

Das ist romantisch und schön für Simona und B4dBoy, ärgerlich für die Betreiber der Website - und witzig für den Surfer, der sich dieses Panoptikum zerschossener, veränderter Webseiten ansieht. Das alles ist völlig illegal, aber auch Ausdruck eines äußerst lebendigen Aspektes der Netzkultur.

Frank Patalong



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