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Der Terminkalender steht: "Am Tag, wenn der Krieg beginnt"

An den Grenzen des Irak warten amerikanische und britische Soldaten auf den Einsatzbefehl. Der wird auch eine Menge anderer Menschen bewegen - vom Arbeitsplatz auf die Straße. In Großbritannien bereitet die Friedensbewegung Streiks und Demonstrationen vor. Der Protest ist weltweit vernetzt.

Stop The War: das Logo einer weltweiten Bewegung

Stop The War: das Logo einer weltweiten Bewegung

Wann genau der Krieg beginnen wird, weiß zur Zeit niemand, außer denen, die ihn planen. Doch auch die Opposition gegen den Krieg plant, und das europa-, ja weltweit koordiniert: Sobald die ersten Cruise Missiles in Bagdad einschlagen, wird die Erschütterung auch in den Hauptstädten der Welt zu spüren sein - und vielleicht nirgendwo heftiger als in London.

"Für den Tag, wenn der Krieg beginnt", steht auf den Webseiten der zahlreichen in der "Stop the War Coalition" zusammen gefassten Kriegsgegner-Organisationen in Großbritannien, "ruft die Koalition jedermann auf, alle Tätigkeiten zu beenden. Wo immer möglich sollte man seinen Arbeitsplatz oder seine Klasse verlassen und sich im jeweiligen Stadtzentrum sammeln. Das sollte bis 18 Uhr zu einer Massendemonstration anwachsen. In London sollte man sich am Nachmittag direkt zum Parliament Square begeben zu einem massiven Protest".

Alles ist seit langem geplant, europaweit koordiniert.

In der letzten Woche steckten Vertreter von Friedensbewegungen und Gewerkschaften aus ganz Europa virtuell die Köpfe zusammen, einigten sich auf ein koordiniertes Vorgehen. In Großbritannien nahm das Ganze die Form einer Deligiertenkonferenz mit - nach eigenen Angaben - 1500 Teilnehmern an. Im offenen Widerspruch und Gegensatz zur eigenen Regierung nennt sich das Netzwerk "Volks-Koalition".

Komme, was da wolle: Die Demonstrationen für Mittwoch und Sonntag sind bereits fest geplant. Das Web macht zudem flexible, Update-fähige Flugblätter möglich.

Über den Inhalt eines Aufrufes, der erst nach Kriegsbeginn verteilt wird, kann man sich schon jetzt orientieren: "Am ersten Samstag nach Kriegsbeginn gibt es eine nationale Großdemonstration in London". Und: "Bucht schon mal Busse".

Hauptsache dagegen

Zwar zeichnet sich ab, dass der weltweit vernetzte Protest sein erstes Ziel wohl nicht erreichen wird: Den Krieg zu stoppen, bevor er beginnt. Der Blick ins Web jedoch zeigt, dass das ihn wohl kaum zum Erliegen bringen wird. Enger als je zuvor sind verschiedenste Protestgruppen miteinander vernetzt. Lokale Mikro-Gruppen sind erstmals in der Geschichte der Protestkultur aufs Engste einbezogen in alle denkbaren Kommunikationswege - wenn sie das wollen.

Friedensdemo in London, 15. Februar 2003: über eine Million Menschen gegen den Krieg - nur der Anfang vom Ende Tony Blairs?
REUTERS

Friedensdemo in London, 15. Februar 2003: über eine Million Menschen gegen den Krieg - nur der Anfang vom Ende Tony Blairs?

Über das Internet finden so unterschiedliche Gruppierungen wie die "Women's International League for Peace and Freedom", die "Ravers Against The War", die "Hertford people against Iraqi war" und die "Brighton Railworkers against the War" zusammen. International netzen ukrainische, deutsche, französische, japanische, amerikanische, ägyptische, katalanische, dänische, irische, russische, norwegische Gruppen mit und mehr: Fast scheint es, als wollte "die Straße" den Amerikanern beweisen, dass die Nations halt doch United sind - nur gegen ihn.

Das längst etablierte, ehemalige "Neumedium" Internet verleiht dem Volkszorn Flügel. Adäquate Protestmaterialien vom Plakat bis zur Ausdruck-fähigen Button-Vorlage holt man sich vom Protest-Server und ist fit für die Straße. Das ist neu, das gab es noch nicht - und das macht der Spaß-Generation, die gerade die Wut entdeckt, grimmige Freude.

Auch in Deutschland, obwohl hier die Töne weit moderater sind: Der Versuch, einen informellen Generalstreik zu organisieren, hätte hierzulande wenig Sinn. Der Gegner sitzt in Übersee, nicht in der eigenen Regierung. Da sind eher Solidaradressen gefragt, als der Sturmlauf gegen das eigene Parlament: "Mit vielen Aktivitäten und Kampagnen versuchen Friedensgruppen den auch in den USA vorhandenen kritischen Stimmen zu einem Feldzug gegen den Irak den Rücken zu stärken", heißt es auf der Website des Netzwerk Friedenskooperative in Bonn.

Also koordiniert das Netzwerk schon mal den Terminkalender für den "Tag X": Von Aachen bis Zwickau gibt es kaum eine größere Gemeinde, in der man am Tag, wenn die Bomben fallen, nicht wird deutlich machen können, wie mies man das findet. Das geht vom Infostand in der Einkaufspassage über das Schweigen für den Frieden bis hin zur lautstarken Schülerdemonstration.

Jetzt wartet alles darauf, dass Bush das Startsignal für die Demonstrationen gibt. Per Bombe.

Frank Patalong

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