Der wahre Mr. Pong "Weil ich dumm war"

Ralph Baer, 84, ist der Erfinder des Telespiels. Milliarden werden heute mit dem verdient, was er einst erdachte. Noch heute ist er ein Tüftler. SPIEGEL ONLINE traf den Vater der Videospiele, den Erfinder von "Senso" - und der sprechenden Fußmatte.

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Wenn man Ralph Baer fragt, ob er ein reicher Mann ist, grinst er und sagt: "Nein." Der Mann sollte eigentlich Multimillionär sein - er ist der Erfinder des Telespiels, gewissermaßen der Urvater der gesamten Videospielindustrie. Die macht heute geschätzte 20 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr - warum also schwimmt er nicht im Geld? "Weil ich dumm war", sagt Baer und kichert ein bisschen. "Ich habe nicht die Hand aufgehalten", fügt er hinzu, und dann, als ob das alles erklären würde: "Ich bin Ingenieur."

Baer ist 84 Jahre alt. Zum ersten Mal, seit er 1938 mit seiner Familie vor den Nazis fliehen musste, ist er wieder in Deutschland. Gemeinsam mit seinem Sohn und zwei Enkelkindern hat er seinen Geburtsort Pirmasens besucht und dort den Bürgermeister getroffen. Jetzt sitzt Baer in den Räumen des Computerspielemuseums in Berlin und erzählt noch einmal die Geschichte seines Lebens. Die Geschichte eines Mannes, dem das Erfinden immer wichtiger war als alles andere - außer vielleicht dem Stolz auf die eigenen Ideen. Baer kämpft seit vielen Jahren einen zähen Kampf gegen all jene, die ihm seine vermutlich folgenschwerste Erfindung aus dem Jahr 1966 streitig machen wollen. Und es sieht aus, als ob er endlich gewonnen hat.

Atari-Gründer Nolan Bushnell, der oft als "Vater der Videospiele" bezeichnet wird, mag mehr Popstar-Appeal haben - aber die Geschichte wird sich an Ralph Baer erinnern, davon ist er inzwischen überzeugt. Auch wenn am MIT in Massachusetts schon Jahre vorher, 1962, ein Spiel namens "Spacewar!" erfunden wurde - dafür jedoch brauchte man einen Großrechner.

Der Ingenieur ist sein eigener Historiker

Baers wichtigster Verbündeter im Kampf um Anerkennung war seine eigene Gründlichkeit. Er ist ein akribischer Dokumentar des eigenen Schaffens - fast jede Idee, die er jemals hatte, hat er in handschriftlichen Notizen festgehalten. Stets sind diese Dokumente datiert, oft von Kollegen gegengezeichnet. Jetzt ist das Baer-Archiv auf dem Weg in die museale Ewigkeit - digitalisierte Versionen seiner Notizen werden im Smithsonian Museum in den USA verwahrt.

Wenn Baer darüber spricht, wird er ganz lebhaft, seine Augen hinter der dicken Brille blitzen. Sein blaues Sakko hat Goldknöpfe, die gut zu der markstückgroßen Medaille an seinem Revers passen. Die hat ihm vor zwei Jahren US-Präsident George W. Bush überreicht, für Verdienste um Wissenschaft und Technologie. Nolan Bushnell hat keine bekommen.

Als Baer in den sechziger Jahren für das US-Rüstungsunternehmen Sanders Associates arbeitete, sollte er eigentlich Radar-Abwehrsysteme und U-Boot-Elektronik bauen - aber die Leitung einer riesigen Entwicklungsabteilung befriedigte den Bastler nicht so recht. "Sie bauen etwas, das dauert zwei, drei oder vier Jahre, Sie können mit niemandem darüber sprechen, Sie können es niemandem zeigen, und wenn es fertig ist, ist es weg. Das macht keinen Spaß."

Heimliches Entwicklungsprojekt bei der Rüstungsfirma

Vielleicht weil er ausgebildeter Fernsehtechniker ist, ließ ihn der Gedanke nicht los, einen neuen Nutzen für die Millionen von Fernsehern in amerikanischen Wohnzimmern zu finden. Er begann - zunächst hinter dem Rücken seiner Arbeitgeber - Kästchen voller Elektronik zusammenzuschrauben, mit denen man Quadrate über Drehknöpfe auf einer Mattscheibe umherbewegen konnte, Lichtpistolen, mit denen man diese Quadrate abschießen konnte. Am Ende stand 1969 die "Brown Box" - das erste Videospielsystem der Welt.

Das wohl berühmteste der wenigen Spiele, die der Prototyp beherrschte, nannten Baer und seine Kollaborateure "Ping Pong" - zwei Schläger, ein Ball und ein Drehknopf für "Schnitt", mit den man die Flugbahn beeinflussen konnte. Baers Arbeitgeber aus der Rüstungsindustrie ließen die Idee patentieren - und verkauften eine Lizenz an den Fernsehgeräte-Hersteller Magnavox. Der baute die "Brown Box" nach und nannte sie "Odyssey" - die erste Videospielkonsole der Welt.

Der junge Nolan Bushnell hatte einmal Gelegenheit, das Spiel auszuprobieren - und entwickelte kurze Zeit später den legendären Arkade-Automaten "Pong". Bushnell hat stets bestritten, die Idee geklaut zu haben - aber eine Unterschrift im Gästebuch der Demonstrationsveranstaltung beweist eindeutig, dass er "Odyssey" ausprobiert hatte, bevor er mit "Pong" die Videospielrevolution startete. "Odyssey" verkaufte sich etwa 350.000-mal. Die Atari-Konsole Atari 2600, die wenige Jahre später auf den Markt kam - entwickelt mit dem Geld, das die "Pong"-Automaten eingebracht hatten - wurde angeblich 25 Millionen Mal verkauft.

Der Kronzeuge selbst geht immer wieder leer aus

Bis in die achtziger Jahre hinein führten Magnavox und Sanders einen Patentprozess nach dem anderen, verdienten viele Millionen mit Lizenzgebühren und außergerichtlichen Vergleichen. Baer und sein Privatarchiv traten immer wieder vor Gericht an, um seine Urheberschaft zu bezeugen - ohne, dass er je daran verdient hätte. Fragt man ihn heute, ob sein Arbeitgeber ihn nicht über den Tisch gezogen hat, lächelt er wieder und beginnt, von den Freiheiten zu schwärmen, die man ihm dort nach den ersten Erfolgen seiner Erfindung eingeräumt habe: "Ich konnte machen was ich wollte. Solche Freiheit ist in so einem Unternehmen unbezahlbar. Das war meine Belohnung."

Später machte Baer sich selbständig und entwickelte eine verrückte Idee nach der anderen. Etwa einen Plüschbären, der sich mit einem Cartoon-Pendant auf dem Fernsehbildschirm unterhalten kann, oder die erste sprechende Fußmatte. Und noch ein echter Kassiker geht auf sein Konto: "Simon", ein Spiel, bei dem farbige Tasten aufblinken und Töne produzieren, die man dann in der richtigen Reihenfolge nachspielen muss. In Deutschland wurde das Spiel, das in den Achtzigern in jedem zweiten Kinderzimmer zu finden war, als "Senso" berühmt. Es ist bis heute auf dem Markt.

Etwa ein Jahr bevor die Entwicklung von "Simon" begann, hatte Baer einen Atari-Automaten namens "Touch Me" gesehen, der auf einem ähnlichen Prinzip basierte. Befriedigt es ihn im Rückblick, dass er Bushnell damit eins auswischen konnte? "Das bringt mich heute schon zum Lächeln", sagt er, und kichert wieder ein bisschen, "aber damals habe ich daran gar nicht gedacht. Oder doch? Ich weiß es nicht. Über meine Gedanken von vor 20 Jahren kann ich doch nur spekulieren, wenn ich sie nicht aufgeschrieben habe."

Das aktuelle Projekt steckt in der Hosentasche

Noch heute steht Baer fast jeden Tag an der Werkbank und bastelt. Er habe ein Projekt mit einem großen Hardware-Hersteller, über das er nicht sprechen könne, verrät er mit Verschwörermine. Daneben ist er als sein eigener Chronist tätig - sein Buch "Videogames: In the Beginning", erzählt seine Sicht der ersten Jahre der Industrie nach, komplett mit zahlreichen Faksimiles aus dem Baer-Archiv. Museen in aller Welt bekommen handgemachte Repliken seiner Brown Box. Auch das Computerspielmuseum in Berlin hat eine.

Wenn man Baer auf die Videospielindustrie von heute anspricht, wirkt er plötzlich ein wenig müde. Natürlich sei die Gewaltdebatte Unsinn, schließlich gebe es auch brutale Filme und Bücher. Natürlich seien Spiele längst Kunst, das seien sie seinerzeit auch schon gewesen. Er selbst entwickelt keine Videospielideen mehr, "das machen ja jetzt alle". Er besitzt auch keine Konsole - sein Spielplatz ist die Werkbank.

Irgendwann, während er so plaudert, holt Baer seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche. Daran hängt ein winziger USB-Stick mit Kopien seines aktuellen Projekts: Rekonstruktionen der Bedienungsanleitungen aller Prototypen vor der "Brown Box". Noch ist sein Werk nicht getan.



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