Design von Nachrichtenseiten Das Ende der Pixelbleiwüsten

Nachrichtenseiten im Netz zeigen Mut zur Lücke und zu großen Fotos. Auch die britische "Times" hat nun einen Relaunch vollzogen. Dabei geht es nicht allein um Designfragen und Web-2.0-Spielereien. Die "Times" schielt auf lukrative Leserschaft in den USA.

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"Wir sind im Pub" - mit diesen Worten empfing die Webseite der britischen "Times" gestern Leser auf der Suche nach aktuellen Informationen. Heute nun meldete sich die Redaktion zurück: "Wir haben es vollbracht", schreibt Anne Spackmann, Chefredakteurin des Onlineangebotes von "The Times". Und das erscheint seit heute Morgen in einem völlig neuen Gewand - deshalb die Bier-Pause für die Redakteure.

Den bisherigen, altbacken wirkenden, schwarzen Kopfbalken mit dem Times-Schriftzug in weißer Schrift haben die Designer komplett entsorgt. Stattdessen prangt ein limonenfarbenes "Online" neben dem Namen "Times". Schon die Farbwahl signalisiert einen selbstbewussten Neuanfang, denn das helle Grün kommt bislang weder bei "The Times" noch bei "The Sunday Times" vor. Die Webseite löst sich von ihrem Mutterblatt, zumindest farblich.

"Es war Zeit für einen Wechsel", sagt Chefdesigner Jon Warden. Das Layout der "Times"-Seite sei zuletzt im Jahr 2000 grundlegend verändert worden. Was sofort auffällt: Die Seite wirkt aufgeräumter und luftiger, nicht mehr so überladen. Anzeigefehler wie derzeit im Internet Explorer sind hoffentlich bald verschwunden. Die Zeit der virtuellen Bleiwüsten im Internet ist offensichtlich endgültig vorbei. "The Times" folgt damit der "New York Times", die im vergangenen Sommer ihren Webauftritt komplett überarbeitet hatte, einige Monate später folgten CNN.com und auch SPIEGEL ONLINE.

Viele Nachrichtenseiten vor allem außerhalb Deutschlands haben sich vom typischen Frame-Design aus den Anfängen des Internets längst verabschiedet. Die klassische Navigationsleiste auf der linken Seite, über Jahre ein Markenzeichen vieler Seiten, ist verschwunden. Die Links zu Unterseiten, etwa Politik und Wirtschaft, finden sich nun in einer schmalen Zeile oben auf der Seite. Das spart Platz.

Trends: Tagging und Social Bookmarking

Die immer höheren Bandbreiten der Leser spiegeln sich auch im Design der Newsseiten wider. Die "New York Times" baut in Artikel Fotos in Auflösungen ein, die diese früher nicht einmal nach dem Hochklicken hatten. Videos sind fester Bestandteil fast aller Seiten geworden - auch bei der überarbeiteten "Times".

Der viel beschworene User generated Content ist selbstverständlich: Ohne Links zu Foren sowie die Möglichkeit, Artikel zu kommentieren, geht fast gar nichts mehr. Hinzu kommen weitere typische Funktionen des Web 2.0 - etwa Tagging, also das Markieren von Texten mit Schlagworten, und Social Bookmarking.

Der Button "Digg this" ist auf US-Newsseiten mittlerweile häufig zu finden. Leser können so mit einem Klick "Times"-Artikel auf der Seite digg.com bewerten und im umkämpften Ranking der Texte nach oben befördern. "Times Online" hat sich für die Dienste Newsvine und del.ico.us entschieden, digg blieb außen vor. Man experimentiere damit, hieß es.

Ein neuer Trend beim Design von Nachrichtenseiten ist sowohl bei der "New York Times" als auch bei der neuen "Times" zu besichtigen: Die Seiten gehen in die Breite. Während die meisten Webdesigner nach wie vor auf maximal 800 Pixel Breite gehen und den Platz rechts davon für Werbung freilassen, nutzen die beiden Zeitungen aus London und New York den freien Platz auf modernen Monitoren. Sie können das wohl auch, denn hochauflösende Bildschirme, beispielsweise mit bis zu 1920 mal 1200 Pixeln, werden immer günstiger und häufiger eingesetzt.

Volle Breitseite

Noch einen Schritt weiter geht die Seite Cnet TV. Wer sein Browserfenster hier auf einem höher auflösenden 16:9-Monitor voll aufzieht, dürfte staunen: Die Seite erscheint nicht etwa als schmaler Streifen am linken Rand oder zentriert in der Mitte. Vielmehr werden die Elemente gleichmäßig im Browserfenster verteilt. So macht Surfen im Breitformat Spaß.

Hinter dem heutigen Relaunch von "Times Online" stecken jedoch weit mehr als nur Designfragen und die allgegenwärtige Web-2.0-Euphorie. Die Seiten britischer Tageszeitungen liefern sich einen harten Kampf um Leser - und zwar um amerikanische. Wie das "Wall Street Journal" kürzlich berichtete, kommen beim britischen "Guardian" etwa ein Drittel der 13,8 Millionen Online-Leser aus den USA. Ähnlich hoch ist die Quote beim "Times"-Konkurrenten "Daily Telegraph".

Die USA sind für die Webableger britischer Zeitungen ein äußerst lukrativer, weil großer Markt. Jeder zusätzliche Klick aus Übersee spült zusätzliche Werbeeinnahmen in die Kassen der Blätter auf der Insel.

Um ihre Online-Reichweite in den USA zu erhöhen, kaufen britische Zeitungen immer häufiger bestimmte Adwords bei der Suchmaschine Google. Der "Daily Telegraph" sicherte sich beispielsweise die Wortgruppe "North Korea Nuclear Bomb". Wer danach auf google.com suchte, bekam als Sponsored Link die "Telegraph"-Webseite präsentiert. Die "Times" kaufte sich "Nancy Pelosi" - so heißt die neu gewählte Sprecherin des US-Repräsentantenhauses. Die Suchbegriffe werden in der Regel nur für einige Tage reserviert - abhängig von der aktuellen Nachrichtenlage.

Die US-Medien sehen dem Treiben der britische Konkurrenz jedoch nicht tatenlos zu: Derzeit hat die "New York Times" beispielsweise den Suchbegriff "Iraq" gekauft.

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