Detektiv fürs Netz-Lexikon Wiki-Scanner enttarnt deutsche Schönschreiber

Informationskrieg im Mitmachnetz: Wer schreibt was über wen ins Onlinelexikon Wikipedia - und wer streicht es wieder heraus? Eine deutsche Version des Wiki-Scanners schafft Transparenz. SPIEGEL ONLINE hat das Tool vorab getestet - und stieß auf umfangreiche Lösch-Aktionen.

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Alle Einträge sind im Fluss, ihre Qualität soll sich durch die Mitarbeit Vieler verbessern - das ist Teil des Wikipedia-Konzeptes. Was aber, wenn Unternehmen oder Behörden in Beiträge eingreifen, um diese in ihrem Interesse zu verändern?

Solche Manipulationen lassen sich seit kurzem mit Hilfe des sogenannten Wiki-Scanners aufspüren. Er verfolgt die Versionsgeschichte der Artikel und analysiert, wer wo eingegriffen hat.

Er zeigt: Unter dem Strich funktioniert das Wikipedia-System durchaus zuverlässig. Ungerechtfertigte Änderungen haben selten lang Bestand. Die Schattenseite: Wenn hartnäckige Manipulatoren tätig werden, ist das mitunter ein ganz schön mühseliger Prozess.

Um so bewegter fallen dann die Analysen aus. Mitunter verändern sich Beiträge etliche Male binnen weniger Stunden. Im Extremfall ergibt sich eine wahre Schlacht um Aussagen und Bewertungen.

Ein solches Schlachtfeld ist zum Beispiel der deutsche Wikipedia-Eintrag über den Finanzdienstleister MLP. Zahlreiche Nutzer haben seit Sommer 2006 unbequeme Anmerkungen über das umstrittene Unternehmen auf der Seite veröffentlicht. Die allermeisten davon wurden wieder herausgelöscht. Ganz besonders tat sich bei diesen Löschungen ein Nutzer hervor, der mit der IP-Adresse 195.170.185.50 identifiziert wird.

Die Rückverfolgung dieser IP-Adresse über ein einfaches Tracking-Tool ergibt, dass sich hinter dieser Adresse die MLP selbst verbirgt. Ob der Mitarbeiter im Firmenauftrag unterwegs ist oder aus eigenem Antrieb, ist nicht nachzuweisen. Wohl aber, dass er enorm emsig ist (siehe Bildergalerie).

Launch noch in dieser Woche

Derart anrüchige Veränderungen enthüllt das Programm "Wiki-Scanner" des US-Studenten Virgil Griffith vom California Institute of Technology. In der vergangenen Woche hatte der 24-Jährige eine Version veröffentlicht, die anonyme Änderungen an der englischsprachigen Wikipedia Firmen, Behörden und Organisationen zuordnet.

Jetzt ist eine Version des Detektiv-Programms für die deutschsprachige Wikipedia online, diese hat derzeit etwa 86 Prozent aller deutschen Wikipedia-Seiten gescannt. Das Programm für den deutschen Bereich ist derzeit noch in der halbgeschlossenen Beta-Phase. SPIEGEL ONLINE hat den Wiki-Scanner vorab getestet. In den nächsten Wochen dürfte das Tool für Aufsehen sorgen.

Die Software hat sämtliche Artikel und alle archivierten anonymen Veränderungen des deutschen Wikipedia-Angebots bis zum 15. August dieses Jahres analysiert. Der deutsche Wiki-Scanner arbeitet hier genauso wie die englischsprachige Version.

Wikipedia speichert bei jeder anonymen Veränderung, von welcher Internetprotokoll-Adresse sie eingeht. Der Wiki-Scanner fragt in einer externen Datenbank ab, wem diese IP-Adressen gehören. Die Ergebnisse sind oft aufschlussreich - denn die meisten Organisationen, Behörden und Unternehmen haben einen Satz an festen IP-Adressen, mit denen all ihre Computer im Internet unterwegs sind.

Das Besondere am Wiki-Scanner ist, dass er diese Informationen nicht nur automatisch verknüpft, sondern menschlichen Rechercheuren auch viele sinnvolle Suchmöglichkeiten bietet. So kann man abfragen, aus welchem Firmennetz welche Beiträge verändert worden. Umgekehrt kann man aber auch die Änderungsgeschichte eines bestimmten Artikels erforschen: Wer hat alles mitgeschrieben?

Wikipedia: willkommene Transparenz

Die Wikipedianer sind von dem neuen Werkzeug angetan. Schon vorab wurde eine Wikipedia-Seite eingerichtet, auf der Rechercheure seltsame Veränderungen eintragen sollen, die sie mit dem Wiki-Scanner entdeckt haben. Die Seite wird sich in den nächsten Tagen füllen.

Mathias Schindler, Vorstandsmitglied der deutschen Wikimedia Foundation, nennt den Wiki-Scanner ein "tolles System". Ihn wundert allein, dass "es so lang gedauert hat, bis das jemand angeboten hat. Die dafür nötigen Daten sind ja schon seit der Gründung von Wikipedia öffentlich verfügbar", sagte er zu SPIEGEL ONLINE.

Schindler warnt aber vor Hysterie: Nicht jede anonyme Veränderung, die der Wiki-Scanner zu einem Unternehmen zurückverfolgt, sei per se anrüchig. Schindler zu SPIEGEL ONLINE: "Ich finde es völlig in Ordnung, wenn etwa der Angestellte eines Kameraherstellers Kompetentes über optische Verfahren schreibt." Denn, so Schindler: "Wenn Fachleute sich so engagieren, bringt das allen etwas."

Wie man werbende, beschönigende oder verschleiernde Veränderungen unter der IP-Tarnkappe bewertet, die nur einer Partei nützen, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin schaden sich die Manipulateure in erster Linie selbst: Während die Wiki-Community die Manipulationen treulich löscht, lässt ihnen der Wiki-Scanner nun die Hosen herunter.

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