Deutsch-französische Suchmaschine Quaero ist geplatzt

Die europäische Antwort auf Google sollte Quaero sein - doch aus dem deutsch-französischen Suchmaschinenprojekt wird wohl nichts. Inzwischen basteln die Deutschen quasi allein an etwas Neuem: Theseus. Und Europa droht im Wettlauf mit Google und Yahoo ein Hightech-Fiasko.

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In Frankreich ist man auf Google nicht gut zu sprechen. Die Grande Nation lässt auf verschiedenen Ebenen immer wieder Vertreter vor der kulturellen Dominanz der Suchmaschinisten aus Kalifornien warnen: Die Buch-Digitalisierung werde zu einer Anglizierung des Weltwissens führen, wenn man sie Google überlässt. Auch der Google-Plan, "die Information der Welt zu organisieren", wurde von Frankreichs Präsident Chirac schon einmal heftig kritisiert. Quaero nannte er Anfang 2006 die "deutsch-französische Antwort auf die globale Herausforderung von Google und Yahoo". Er fügte hinzu: "Morgen droht das, was nicht online verfügbar ist, für die Welt unsichtbar zu werden."

Präsident Jacques Chirac: Herausforderer von Google und Yahoo
AFP

Präsident Jacques Chirac: Herausforderer von Google und Yahoo

Nun ist es mit dem Konzert der Suchenden dies- und jenseits des Rheins vorbei. Quaero wird es weiterhin geben – aber nur noch die französische Hälfte des Projekts heißt so. Die deutsche dagegen hat einen neuen Namen – "Theseus". Das ist der griechische Held, der der Sage nach den Weg aus dem Labyrinth des Minotaurus fand.

"Theseus" soll also einen Weg durchs Wissenslabyrinth des Netzes finden helfen. Dabei soll die deutsche Maschine etwas anderes tun als Google: nämlich semantisch operieren. Irgendwann und irgendwie soll die deutsche Suchmaschine lernen können, den Begriff "Golf" etwa so mit Inhalt zu füllen, dass sie versteht, wann der Sport, wann das Auto und wann ein Meerbusen gemeint ist.

Semantisch suchen oder Google attackieren?

Die Franzosen dagegen wollen Google angreifen, das Internet nach Häufigkeitskriterien durchsuchen und sortieren – und genau dieses Unterfangen ist von der Netzgemeinde schon belächelt bis verlacht worden. Googles Entwicklungsetats umfassen Summen und Ressourcen, von denen die europäischen Nachzügler nur träumen können. Wie, fragt sich mancher Experte, will man hierzulande bitteschön mit einem Start bei null am sich ständig entwickelnden Branchengiganten vorbeiziehen?

Jean-Luc Gauvain, Chef des französischen Laboratoire d'informatique pour la mécanique (Limsi), sagt allerdings: "Das Ziel von Quaero ist weniger, Google zu ersetzen, als neue Recherchemöglichkeiten für Multimedia anzubieten, speziell für Audio und Video." Das sind Aufgaben, die man bei Google durchaus zu Kernbereichen der eigenen Kompetenz zählen würde.

Eben diese Differenz – etwas Neues zu probieren oder den Markführer zu attackieren – könnte den Keil zwischen die Deutschen und die Franzosen getrieben, das gemeinsame Quaero-Konsortium zum Platzen gebracht haben. Die Zusammenarbeit sei aber nicht am Ende, teilt das Wirtschaftsministerium auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, es werde weiterhin regelmäßige gemeinsame Symposien geben, man werde nach Synergie-Möglichkeiten suchen.

Transrheinische Farce

Fakt ist: Die technologische Zusammenarbeit ist erstmal auf Komitee-Niveau heruntergekocht. In Frankreich spekuliert man über Differenzen zwischen den Giganten in der Gruppe der beteiligten Unternehmen. In Deutschland sollten die Teilprojekte von der Bertelsmann-Tocher empolis, in Frankreich vom Elektronikkonzern Thomson koordiniert werden. Die beiden hätten sich nicht verstanden, schrieb "Le Monde" schon Ende November.

Ein Problem bei der Projektplanung dürfte auch die Finanzierung gewesen sein: Industrie und Regierungen in Deutschland und Frankreich sollten insgesamt 400 Millionen Euro in Quaero stecken. Bei direkten Subventionen an Unternehmen schaut die EU-Kommission genau hin. Einfacher wäre es, die Investitionen als Förderung von Grundlagenforschung zu deklarieren – und so sieht man in Berlin die eigenen Pläne für die semantische Suche. Auch Jean-Luc Gauvain sagte kürzlich: "Vor dem Start braucht Quaero grünes Licht von der EU-Kommission." Sollte die Kommission das Projekt kippen, weil die Fördergelder gegen EU-Recht verstoßen, würde das transrheinische Projekt vollends zur Farce.

Im Rückblick betrachtet, und im Lichte der aktuellen Lage bei der deutsch-französischen Flugzeug-Kooperation, gewinnt ein Wort von Jaques Chirac vom Anfang des Jahres ganz neue Bedeutung. Quaero und andere Technologieprojekte, sagte der französische Präsident, seien der "Airbus von morgen".

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