Deutsch-jüdische Bloggerszene Koschere Gummibärchen und Software-Tipps für Mütter

Eine kleine Szene deutschsprachiger Juden berichtet online über ihren Alltag. In den Blogs zeigen die Autoren die Vielfalt des jüdischen Lebens jenseits von Klischees. Vergangenen Sommer wurde es aber plötzlich politisch.

Macherin von "Irgendwie jüdisch": Juna Grossmann auf der re:publica
Steffen Lüdke

Macherin von "Irgendwie jüdisch": Juna Grossmann auf der re:publica

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"Was ist eigentlich der Unterschied zwischen halal und koscheren Gummibärchen?" Die junge Fragestellerin entschuldigt sich sofort für ihre Frage, sie wisse es einfach nicht. Juna Grossmann, deutsche Jüdin, lächelt. Auf solche Fragen hat die Bloggerin gehofft. Genau deswegen steht sie auf der Bühne neun der Netzkonferenz re:publica in Berlin.

Für sie selbst gebe es überhaupt keinen Unterschied, erklärt die 38-Jährige, nach orthodoxer Auslegung dagegen schon. Da gelten für koscheres Essen noch viel strengere Richtlinien. "Und es war natürlich keine dumme Frage. Im Gegenteil." Koschere Gummibärchen gebe es übrigens schon bei Amazon.

Seit 2008 entstünden immer mehr deutsch-jüdische Blogs, die nicht dezidiert politisch seien, berichtet Grossmann in ihrem Vortrag. Die deutsch-jüdischen Autoren schreiben über ihren Alltag, geben Tipps und erklären jüdische Bräuche. Einige Blogger haben inzwischen wieder aufgehört, andere schreiben weiter.

Vier Beispiele für Blogs
Irgendwie jüdisch

Juna Grossmann selbst ist eine der bekannteren deutsch-jüdischen Blogger. Auf "Irgendwie jüdisch" schreibt sie alle paar Tage ihre Gedanken nieder. Es geht um Museen, Gedenken, gute Bücher. Über Israel oder Zionismus schreibt Grossmann nur am Rande.

Die liberale Jüdin arbeitet für das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin. "Berufsbedingt bin ich bei diesen geschichtlichen Themen sehr kritisch", sagt sie. "Ich versuche, mich da ein wenig zu entspannen."

Ich, die Siedlerin

Von den jüdischen Siedlungen im Westjordanland hört man meistens nur in den Nachrichten. Chaya Tal lebt dort. Sie ist eine in Russland geborene Jüdin, aufgewachsen ist sie in Deutschland. Ganz oben auf ihrem Blog steht ihr Slogan: "Ich, die Siedlerin". Mittlerweile wohnt Tal in einer Caravan-Siedlung im Westjordanland.

Von dort berichtet sie über das Leben in den umstrittenen Siedlungen, schreibt subjektiv über die Ängste und Gedanken der Menschen. Früher arbeitete Tal für die Presseabteilung der israelischen Armee, jetzt lässt sie sich zum Tourguide ausbilden.

Chajms Sicht

Einer der bekanntesten jüdischen Blogger in Deutschland ist Chajm Guski. Er schreibt auch für die "Jüdische Allgemeine". Auf seinem Blog auf sprachkasse.de präsentiert er seine, eine jüdische Sicht auf die Dinge. Vor allem beobachtet Guski die Entwicklung liberaler jüdischer Gemeinden in Deutschland. "Für mich ist er der Godfather des jüdischen Blogs in Deutschland", sagt Juna Grossmann über Chajm Guski.

Zusya

Alex Smolianitski gründete "Zusya" mit 15 Jahren, als er Freunde und Familie über eine Israel-Reise informieren wollte. Mittlerweile ist er 22 Jahre alt, erklärt seinen Lesern das Pessach-Fest und zeigt das "perfekte Tool für die jüdische Mutter" - ein Programm, mit dem der Mutter der Standort des Kindes automatisch mitgeteilt werden kann.

"Wir hatten oft nichtjüdische Gäste im Haus", sagt er. Ihnen habe er mit "Zusya" die Chance geben wollen, sich ein bisschen vorzubereiten. Bis April 2015 hat Smolianitski drei Jahre lang nicht gebloggt. "Jetzt möchte ich gern weitermachen."

"Redet mit uns, nicht über uns"

Auf die re:publica haben einige andere Blogger Juna Grossmann eine Mission mitgegeben: Die kleine jüdische Blogger-Szene will stärker mit Lesern ins Gespräch kommen. "Redet mit uns, nicht über uns", sagt Grossmann dem Publikum.

Dass sich Juden mit öffentlichen Anfeindungen konfrontiert sehen, kommt immer wieder vor. Während des Gaza-Krieges hetzten vergangenen Sommer auch in Deutschland Demonstranten gegen Juden. Gerade in dieser Zeit sei es zu still gewesen, sagt Grossmann. Vermisst habe sie vor allem Unterstützung durch deutsche Politiker. Viele Juden hätten zu der Zeit Angst gehabt und darüber geschrieben und gesprochen, erzählt sie.

"Ob es Juden sind oder wie jetzt gerade Muslime - eigentlich ist es egal, wer gerade verfolgt wird", sagt sie. "Wir alle haben eine Verpflichtung, aufeinander zu achten." Die deutsch-jüdischen Blogs wollen ihren Beitrag dazu leisten, indem sie ganz normales jüdisches Leben abseits von Klischees zeigen.

Ein Schritt zu mehr Aufmerksamkeit für die Blogger wurde auf der re:publica getan: Das erste offizielle deutsch-jüdische Bloggertreffen ist bereits in Planung.



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