Deutsche Bibliothek Frankfurt: Illegale Kopiersoftware im Test

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Die Deutsche Bibliothek in Frankfurt am Main testet derzeit Kopiersoftware, die nach Ansicht der Musikindustrie in Deutschland illegal ist. Die Bibliothek hat die ausdrückliche Genehmigung der Musikbranche, für wissenschaftliche und kulturelle Nutzungen den Kopierschutz auf CDs zu knacken.

CD mit Kopierschutz: Deutsche Bibliothek darf diesen knacken
DPA

CD mit Kopierschutz: Deutsche Bibliothek darf diesen knacken

Kaum hatte die Musikindustrie ihre Vereinbarung mit der Deutschen Bibliothek am 18. Januar publik gemacht, da ging in der Bibliotheksverwaltung Frankfurt eine E-Mail aus Antigua ein. Jetzt, wo die Bibliothek ja die explizite Erlaubnis zum Kopierschutzknacken habe, brauche man ja sicher auch eine passende Software, die diese Arbeit übernehme, hieß es. Absender der E-Mail war die Firma Slysoft, erklärter Feind von Kopierverboten und Hersteller von Vervielfältigungsprogrammen für Audio-CDs und DVDs.

Für die deutsche Musikbranche ist Slysoft ein übler Geschäftemacher, der aus sicherer Entfernung von der Karibik aus illegale Kopiersoftware verkauft, die die Einnahmen von Musikern und Labeln schmälert. Links auf die Slysoft-Homepage werden mit teuren Abmahnungen geahndet, egal ob sie auf populären Websites oder in kaum gelesenen Foren stehen. Zuletzt bekam der Heise-Verlag aus Hannover eine solche zugestellt, die Zahl der verschickten Unterlassungserklärungen geht in die Hunderte.

Der Streit dreht sich um das Umgehen von Kopierschutz oder, nach Sicht von Slysoft, um das angebliche Umgehen von Kopierschutz. Ob das CD-Kopierprogramm von Slysoft mit dem Namen CloneCD dies tatsächlich tut, müsste eigentlich ein Gericht klären. Einem Prozess ist Slysoft jedoch bisher immer aus dem Weg gegangen, nicht zuletzt durch die Wahl des Firmensitzes in der Karibik.

Doch nun wittert man auf Antigua eine neue Chance, die eigene Software unbestritten legal in Deutschland einzusetzen und auch ein bisschen PR in eigener Sache betreiben zu können. Zumindest mit einem kleinen Erfolg. "Wir haben Software von Slysoft im Haus", bestätigte Ute Schwens, Direktorin der Deutschen Bibliothek Frankfurt, gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Die Firma hat uns ihre Programme geradezu aufgedrängt, so dass der Leiter der IT gesagt hat, er schaut sie sich einmal an." Es gebe jedoch keine Entscheidung dazu, erklärte Schwens. Man wisse ganz genau, dass es sich um illegale Produkte handle.

Kampagne der Filmbranche: "Raubkopierer sind Verbrecher"
ZKM

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Die Frankfurter Bibliothek darf schon immer urheberrechtlich geschützte Werke für wissenschaftliche und kulturelle Nutzungen vervielfältigen. Dies sehen sogenannte Schrankenregelungen im Urheberrechtsgesetz vor. Weil jedoch immer mehr Audio-CDs nur noch mit Kopierschutz ausgeliefert werden, benötigte die Bücherei eine im Gesetz vorgesehene Sondererlaubnis der Musikindustrie, um auch geschützte CDs kopieren zu dürfen. Diese hat die Bibliothek erst seit dem 18. Januar.

Slysoft-Manager Tom Xiang erklärte, man habe sich daraufhin "spontan dazu entschlossen, der Deutschen Bibliothek eine beliebige Anzahl an Lizenzen zur Verfügung zu stellen." Obwohl man bei der Deutschen Bibliothek ob des "umoralischen Angebotes" anfänglich etwas irritiert gewesen sei, schreibt der Manager, kam man dann doch zu dem Schluss, dass dies einen durchaus legalen und gangbaren Weg darstelle - zumindest für die mit einem Kopierschutz-Freibrief ausgestattete Deutsche Bibliothek. Xiangs Kommentar: "Außergewöhnliche Situationen erfordern eben auch manchmal außergewöhnliche Maßnahmen."

In der Frankfurter Bibliothek störte man sich allerdings an der Überschrift der Slysoft-Presseerklärung: "Deutsche Bibliothek knackt karibisch", stehe dort, dies treffe jedoch nicht zu, weil man die Software ja bislang nicht nutze und dies auch nicht plane, sagte Direktorin Schwens.

"Wir müssen keine illegalen Produkte nutzen", betonte sie. Viele geschützte CDs könnten ohnehin mit legaler Software kopiert werden. "Außerdem bekommen wir häufig spezielle CD-Versionen ohne Kopierschutz." Bisher habe man noch nicht vor dem Problem gestanden, eine CD nicht kopieren zu können.

Eine typische Anwendung für einen Kopierauftrag an die Bibliothek ist ein Student der Kulturwissenschaft, der eine Magisterarbeit über Entwicklung des Deutschen HipHop schreibt und einzelne Stücke bei Vorträgen vorspielen will. Falls die CD kopiergeschützt ist, dann kann er sich an Deutsche Bibliothek wenden, um Kopien zu bekommen. "Der Vortrag darf jedoch nicht gewerblich sein", betonte Schwens.

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