Deutsche Web 2.0-Nachahmer Kasse machen mit dem Copy-Shop

StudiVZ, MyVideo, Autsch - bei deutschen Internet-Firmengründern stehen Kopien erfolgreicher US-Geschäftsideen hoch im Kurs. Mit einem Minimum an Kreativität lässt sich schnell ein Maximum an Gewinn abschöpfen, wie schon die Samwer-Brüder gezeigt haben.

Von Helmut Merschmann


Es kommt einem seltsam bekannt vor. Schon zur Zeit der ersten Gründerwelle im Internet, vor ungefähr acht Jahren, entfielen auf fast jede amerikanische Web-Idee mehrere deutsche Nachahmer. Man sprach vom "Me-too"-Effekt – was ihr könnt, kann "ich-auch". Junge Online-Kapitäne flogen damals in die USA, schauten sich im Silicon Valley nach erfolgversprechenden Geschäftsideen um, kehrten nach Deutschland zurück und kopierten sie einfach - meist eins zu eins. Copycats werden solche Klone in Übersee genannt.

Die Samwer-Brüder: Millionengewinn mit einer eBay-Kopie
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Die Samwer-Brüder: Millionengewinn mit einer eBay-Kopie

Eines der spektakulärsten Beispiele ereignete sich Anfang 1999, als die Samwer-Brüder mit der Auktionsplattform Alando.de an den Start gingen. Alando war ein ziemlich unverhohlener Nachbau von eBay und wie das amerikanische Unternehmen auf Gebrauchtwarenauktionen spezialisiert. Bereits sechs Monate später reiste ein eBay-Abgesandter nach Berlin-Kreuzberg und der deutsche Klon wurde - der Legende nach bei einem Nutellabrot – vom amerikanischen Konzern für 43 Millionen Dollar aufgekauft.

Das Land der Plagiatoren

Nach einem weiteren Coup, der den Glücksrittern der New Economy mit dem Klingelton-Imperium Jamba gelang, treten Oliver, Marc und Alexander Samwer heute als finanzstarke Risikokapitalgeber für Startup-Firmen auf. Und setzen dabei auf das alte Prinzip: Was in der neuen Welt Erfolg hat, dafür muss sich die alte nicht zu schade sein.

Gleich serienweise stecken die Samwers als Investoren hinter aktuellen Web 2.0-Plattformen und haben Startkapital etwa in das Studentennetzwerk StudiVZ und die Videoplattform MyVideo gepumpt. Beide Plattformen basieren auf amerikanischen Vorbildern: Kurzfilme und Videos gibt es auch bei YouTube zu sehen, und die studentische Ur-Community nennt sich Facebook.

Das Land der Dichter und Denker ist heute ein Reich der Nachahmer. Die Reihe an Beispielen für deutsche Web-Klone ist schier endlos: Die mit 150 Millionen Mitgliedern weltweit größte Online-Community MySpace hat hierzulande eine Reihe naher Verwandter, etwa Unddu.de und Knuddels.de, und das von Bertelsmann betriebene Portal Bloomstreet. Aus der Foto-Community Flickr ist in deutschen Gefilden Photocase geworden. Videoportale nach YouTube-Strickmuster gibt es mit Clipfisch, Sevenload, Citytube und Autsch.de gleich mehrfach, wobei sich die Geschäftsmodelle nur geringfügig unterscheiden. Der Leipziger T-Shirt-Druckdienst Spreadshirt weist starke Ähnlichkeiten zur US-Plattform Cafepress auf. Die Miniblog-Klone Frazr, Sloggen und Wamadu.de (Was machst du?) ließen sich von Twitter inspirieren. Und der Geschäftsplattform Xing, vormals openBC, ist ihre Anlehnung an Linkedin deutlich anzumerken.

Internationales Phänomen

Mehr als 400 Start-up-Unternehmen sind in den vergangenen zwölf Monaten in Deutschland gegründet worden - freilich nicht alles Plagiate. Doch gerade im Reich des sogenannten Web 2.0 sind Imitationen an der Tagesordnung. Geschäftsideen sind meist nicht geschützt, es reicht eine kleine Umbenennung, leichtes Schrauben am Webdesign, und schon führt der Klon ein Eigenleben.

Das Phänomen gilt international: Vom Nachrichtendienst Digg.com existieren malaysische, schwedische und finnische Kopien und vermutlich noch unzählige mehr. "Soziale Lesezeichen" wie bei del.icio.us kann man auch bei Mister Wong, Oneview oder Folkd anlegen. Community-Nachrichten gibt es sowohl bei Newsvine wie auch bei Yigg und Webnews.de.

Umgekehrt expandieren die amerikanischen "First Mover", die den Markt als erste betreten haben, ins Ausland und gründen dort Filialen. Ende März ging der deutsche Ableger von MySpace an den Start und hat sich seitdem zum Erfolgsprojekt gemausert. Von der Teenager-Community Piczo gibt es inzwischen Lokalversionen in Deutschland, Dänemark, Spanien, Frankreich, Schweden, Norwegen, Großbritannien, Kanada, Australien, Russland und einigen asiatischen Sprachen. Regionalisierung und sprachspezifische Inhalte haben sich gerade in Europa als erfolgreich erwiesen.

Wie schon bei der ersten Dotcom-Welle steht eine Marktkonsolidierung an. Bislang reichte noch der Verweis auf ein erfolgreiches amerikanisches Vorbild, um an Risikokapital zu gelangen. Beobachter befürchten jedoch angesichts der Unsummen, die Firmen wie Facebook auf dem Papier wert sind, einen vergleichbaren Börsencrash wie 2001, als der Neue Markt kollabierte. Nur die sattelfesten Unternehmen würden den überleben. In der Regel beherrschen sie schon jetzt den Markt. Das Beispiel StudiVZ mit seinen vier Millionen Mitgliedern zeigt indessen, dass auch Klone gar nicht schlecht im Rennen liegen müssen.

Deutscher Exportschlager

Mit der Politplattform Direktzurkanzlerin.de liegt der seltene Fall eines deutschen Web-Exportschlagers vor. Die Gründungsidee geht auf eine Studenteninitiative an der FH Brandenburg zurück. Auf der im Oktober 2006 frei geschalteten Plattform können Fragen an Angela Merkel gestellt werden. Die drei interessantesten Fragen pro Woche werden aus dem Kanzleramt "im Auftrag der Bundeskanzlerin" beantwortet. Zehn Millionen Besucher hat die Seite, nach Auskunft von Gründer Caveh V. Zonooz, binnen eines Jahres gezählt.

Für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2008 ist die Idee nun übernommen worden. Philip Viera, ein Student an der kalifornischen Fresno University, hatte bei Deutsche Welle TV einen Beitrag über die Polit-Website gesehen und wollte mit Kommilitonen zusammen etwas Ähnliches auf die Beine stellen. Inzwischen ist Straight2who eine Tochter der deutschen direktzu GmbH.

Auf www.straight2thecandidates.com sind Bilder von 17 US-Politikern zu sehen, die für den Wahlkampf im nächsten Jahr kandidieren. Ihnen können - getreu dem deutschen Vorbild - Fragen gestellt, Kommentare zugesandt und Videos geschickt werden. Bislang ist dort allerdings noch nicht viel los.

Der Kandidat der Demokraten, Barack Obama, hat 39 Botschaften erhalten, Hillary Clinton kommt auf 30. Ihre Antworten stehen noch aus.

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