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Deutscher Kindersoftwarepreis: Unverhofft kommt nicht oft

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Zum vierten Mal wird am Freitag auf der Frankfurter Buchmesse der Deutsche Kindersoftwarepreis vergeben. In diesem Jahr wartet er mit einer echten Überraschung auf. Aus der Fülle der Titel wählte die Kinderjury einen aus, den man vielleicht als letztes erwartet hatte: Ein Lernspiel.

Als Thomas Feibel, der hierzulande als führender Experte für Kindersoftware gilt, mich vor vier Jahren darauf ansprach, ob ich dazu bereit wäre, als Jurymitglied am Deutschen Kindersoftpreis mitzuwirken, musste ich nicht lange nachdenken. Sein Konzept fand ich gut: Der "Tommi" sollte zum einen nicht zwischen reinen Spielen und Lernsoftware unterscheiden (die Übergänge sind in diesem Markt oft fließend), und er sollte im Gegensatz zu den meisten anderen Branchenauszeichnungen mit Preisen ganz bewusst geizen.

"Tommi": Das Maskottchen des Deutschen Kindersoftwarepreis gibt es in Gold, Silber und Bronze

"Tommi": Das Maskottchen des Deutschen Kindersoftwarepreis gibt es in Gold, Silber und Bronze

Eine echte, harte Auswahl aus den Nomminierungen sollte es geben, so das "alles, was unter den letzten Zehn landet, auch gut ist", sagte der Feibel. Einen ersten, zweiten und dritten Platz sollte es geben, mehr nicht.

Ein Schock war dagegen schon im ersten Jahr die Menge der Kandidaten. Anfangs waren es vierzig, im zweiten Jahr fast fünfzig Titel, die da teils noch als gebrannte Beta-Rohlinge ins Haus schneiten. In diesem Jahr waren noch einmal zehn mehr.

Irgendwann im Spätsommer beginne ich also dann, das Biene-Maja-Lied pfeifend durchs Haus zu schleichen, von Bob dem Baumeister zu träumen und einmal mehr mit Oscar auf Ballonfahrten zu gehen. Wie gut, dass meine Kinder ständig quengeln und drängen: "Kann ich auch noch eins testen?"

Denn ohne kindliche Unterstützung ist das alles nicht zu schaffen. Meine beiden testen fleißig mit, und auch das Gesamtkonzept des Preises haben wir seit zwei Jahren so ausgerichtet: Seit letztes Jahr gibt es eine erwachsene Auswahljury, die im Vorfeld Klasse von Masse scheidet, und eine Kinderjury, die das letzte Wort hat.

Und die weiß mitunter zu überraschen. Unter den Juroren gibt es im Vorfeld durchaus Wetten, und in diesem Jahr deutete vieles auf "Madagascar" hin - einerseits wegen der "Unterstützung" im Kino, andererseits weil das Spiel wirklich lustig ist.

Mein persönlicher Tip war dagegen "Lego Star Wars". Das Spiel hat wirklich was: Es ist so nahe an der Star-Wars-Welt, wie man nur sein kann, wenn man mit Akteuren ohne Gelenke, runden Köpfen und "Andockstellen" für den Lego-Klick auf Kopf und unter den Füßen agiert. Da wird ganz mächtig gekämpft, wie sich das für Lego-, pardon: Jedi-Ritter gehört, und wenn Mama verfügt, dass die Flimmerkiste ausgeschaltet werden soll, dann kann es im Kinderzimmer mit "richtigen" Lego-Figuren weitergehen. Fand ich gut.

Die Gewinner 2005

Die Kinderjury auch, aber nicht gut genug. Die zehn über das ZDF-Programm "tivi" ausgewählten Kinder wählten Lego immerhin auf Platz Drei. Madagascar landete auf der Zwei, und an der Spitze ein Titel, den zwar auch die meisten erwachsenen Juroren wohlwollend im Auge hatten, ohne ihm allerdings allzu viele Chancen bei den Kindern einzuräumen.

"Genius Task Force Biologie" ist ein Lern-Adventure aus dem Schulbuchverlag Cornelsen, und allein das, dachten wir "Großen", wäre in etwa so attraktiv wie Holzspielzeug für Kleinkinder oder zuckerfreie Vollkornkekse auf einem Kindergeburtstag. Irgendwie abschreckend.

Dabei hätte ich das ahnen können: Auch meine beiden hauseigenen Nachwuchs-Tester (12 und 13 Jahre alt) hatten sich mit Neugierde auf das Lern-Adventure gestürzt. Mein Jüngster sorgte gar dafür, dass ich selbst "Genius" erst ganz am Ende testen konnte: Er hatte das Testexemplar unautorisiert an einen Kumpel verliehen. Der lieferte sogar ein kurzes Testprotokoll ab. Darauf stand folgendes: "Cool. Aber schwer."

Preisträger: Einmal Bildung und Fun - und zweimal letzteres

Preisträger: Einmal Bildung und Fun - und zweimal letzteres

Genau, dachte auch ich nach dem Test. Die Navigation des Genius ist nicht wirklich intuitiv und für Kleinere sicher nicht einfach. Etwas größere Kinder aber fasziniert, dass dieses Abenteuer sie wirklich über längere Zeit herausfordert. Dass sie dabei nebenbei auch noch was lernen sollen, stört dann offenbar gar nicht so sehr.

Was das Lernspiel zu einem sehr würdigen Preisträger macht, wenn man darüber nachdenkt - und die Kinderjury adelt!

Denn die hatte eine ganz schön attraktive Auswahl. Außer den drei Preisträgern waren nominiert:

  • "Lernen und Wissen" (Microsoft): Schöne Aufarbeitung der Encarta für Schüler, mit einigen zusätzlichen Lern-Tools
  • "Felix Office" (Coppenrath Verlag): Das Programmpaket schafft ein abgesichertes Arbeitsprofil für Kinder unter Windows XP, inklusive Malprogramm, Spiele, Schreibmaschine, Mail- und Web-Zugang
  • "Muzzle" (Koch Media): Reines Fun-Geschicklichkeitsspielchen mit allerhöchstem Suchtfaktor
  • "TV-Maker - Mit logo! auf Sendung" (Terzio): TV-Studio-Simulation, die ihre Nutzer in die Produktionswelt des Fernsehens einführt
  • "Gish" (Halycon): Jump n' run? Wie wäre es mit Fließ n' Tropf? In diesem Spielchen schwabbelt man in der Rolle eines Teerklumpens durch die Welt. Klasse gemacht
  • "Playmobil - Die große Schatzsuche" (Kiddinx): Sehr schönes Adventure mit vielen Mini-Games für etwas Kleinere. Einer meiner Favoriten: Auch hier dürfte das Piraten-Spiel nach Ausschalten des Monitors im Kinderzimmer weiter gehen
  • "Versteckt - Entdeckt!" (Terzio): "Ich sehe was, was du nicht siehst" - mit digitalen Mitteln.

Der "Tommi", Deutscher Kindersoftwarepreis, wird ausgerichtet von der Elternzeitschrift "spielen & lernen" und Thomas Feibels Büro für Kindermedien. Als Partner unterstützten den Preis in diesem Jahr das Deutsche Kinderhilfswerk, ZDF tivi und T-Online.

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