Diskussionskultur in Deutschland "Lügenpresse" ist keine Medienkritik

Wer "Lügenpresse" schreit, will nicht bloß auch seine Meinung in den Medien sehen, sondern ausschließlich seine Meinung. "Lügenpresse" ist der Ruf nach einer autoritären Gesellschaft.

Demonstrant in Rathenow
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Demonstrant in Rathenow

Eine Kolumne von


Mitten in der Nacht, alles schläft, einer wacht, und zwar Donald Trump, der erbost twittert. Auffällig oft beschimpft er dabei die Medien, und seine Grundhaltung lässt sich gut an den verwendeten Worten erkennen: "dishonest media" (unehrliche Medien), "failed badly" (haben völlig versagt), "crooked media" (korrupte Presse).

"Lügenpresse"! Ein Wort, eigentlich ein Schrei, dem man wenig entgegensetzen kann, wenn man sich selbst als Teil der Medien betrachten muss. Das Wort war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff. Die Nationalsozialisten brachten ihn als Propagandaschlagwort mit dem Ziel der Gleichschaltung in Umlauf.

Eigentlich sollte das ausreichen, um ihn nicht bedenkenlos zu verwenden - aber in Zeiten von sozialen Medien hat "Lügenpresse" eine neue, ebenso gefährliche Färbung. Meine These: "Lügenpresse" ist eigentlich ein Ruf nach einer autoritären Gesellschaft. Deshalb ist dieser Kampfbegriff bei Donald Trump so gefährlich: Mit der Präsidentenwahl haben sich Trumps Attacken vom Wahlkampfgetöse in eine Regierungsstrategie verwandelt.

Ein Ruf als Symptom

Trotzdem möchte ich den Ruf "Lügenpresse" in Deutschland auch als Symptom betrachten. Es ist kein Zufall, dass er mit dem Erfolg der sozialen Medien lauter wurde und inzwischen mit einer Haltung einhergeht, die eine Partei in die Parlamente getragen hat.

Es ist deshalb wichtig, mögliche Gründe aufseiten der traditionellen Medienlandschaft in Deutschland zu betrachten. Denn es gibt ja Medienprobleme, und sie zu verschweigen, wäre ungefähr das kontraproduktivste, was man tun kann.

" Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch. Das Meinungsspektrum draußen im Lande ist oft erheblich breiter."

Das hat kein "Lügenpresse"-Schreier gesagt, sondern der vermutlich nächste Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Funktion als oberster Diplomat, der dementsprechend diplomatisch formuliert. Tatsächlich sind die großen, wirkmächtigen Redaktionen des Landes nicht gerade überragend divers geprägt. Wenige Frauen in Führungspositionen, kaum Personen mit Migrationshintergrund, wenige behinderte Menschen.

Eindimensionalität mit Gelinggarantie

Das entspricht zwar ziemlich sicher nicht der Hauptkritik des durchschnittlichen Lügenpressers. Aber Homogenität ist ein Rezept für Eindimensionalität mit Gelinggarantie. Und wenn man den Unterschied der Haltungen zwischen der urbanen, vernetzten, gut ausgebildeten Medienelite und den Leuten "draußen im Lande" betrachtet, erahnt man, welches Gefühl die Lügenpresse-Fraktion umtreibt: Niemand, der ist wie ich, schreibt in den großen Blättern. Boulevard als Imitation medialer Volksnähe hin oder her, auch diejenigen, die nicht "Süddeutsche", "FAZ", "Zeit" oder den SPIEGEL lesen, wissen um deren Deutungsmacht.

Zugleich fehlt in Deutschland insgesamt eine Fehlerkultur. In den Medien ist das besonders fatal, weil es ohnehin schwer ist, mit eigenen Fehlern offen umzugehen. Fehler auf der Bühne der Öffentlichkeit zuzugeben, ist noch viel schwerer. Besonders in wirtschaftlich problematischen Zeiten, denn die traditionelle Medienlandschaft hat große Refinanzierungsprobleme. Vor allem Google und Facebook saugen den für private Medien überlebenswichtigen Werbemarkt mit höchster Dateneffizienz und Aggressivität auf.

Wer aber mittelfristig um seine Existenz bangen muss, dem fällt es nicht leicht, aus einer Position der Stärke offen und souverän mit den eigenen Schwächen umzugehen. Aus diesen Gründen werden auch echte, von außen nachvollziehbare Fehler in Redaktionen oft nicht so behandelt, wie es das Publikum erwartet. Aus einem Irrtum - oder auch aus Wunschdenken, gegen das niemand immun ist - kann so aus der Perspektive der Öffentlichkeit eine "Lüge" werden.

Ständige Selbsterklärung ist nötig

Verstärkt wird dieser Effekt durch die im 20. Jahrhundert ausgebildete Haltung innerhalb der Medien, sich als Gatekeeper zu betrachten, also als Entscheidungsinstanz, was man dem Publikum auf welche Weise in welcher Tiefe mitteilt und was nicht. In Zeiten sozialer Medien aber ist diese Haltung ohne ständige Selbsterklärung, Transparenz und Fehlerkultur obsolet geworden.

Die vergleichsweise große Selbstähnlichkeit in den Redaktionen, die fehlerkulturarme Gatekeeper-Haltung und die Folgen des wirtschaftlichen Drucks betrachte ich als wichtige Gründe für das enorme Medienmisstrauen, das im Ruf "Lügenpresse" gipfelt. Wichtiger noch ist bloß - eine Art Ideologie.

Äh, wie? Haben die Lügenpresseleute also doch recht, und es gibt eine gemeinsame, übergeordnete Ideologie? Jein - das hängt stark davon ab, was man unter Ideologie überhaupt versteht. Denn tatsächlich finden sich in sämtlichen relevanten Redaktionen der großen Medien (fast) ausschließlich Leute, die sich tendenziell als Demokraten verstehen (oder die zumindest in der Öffentlichkeit so auftreten). Und die vor allem schon durch ihre Funktion den Wert des Pluralismus schätzen.

Pluralismus ist wichtig

Pluralismus - das ist der Schlüssel zum Verstehen der Lügenpressefraktion. Es handelt sich um den Wert, der in die journalistische Grundhaltung gewissermaßen ab Werk eingebaut ist, auf dessen Notwendigkeit sich beinahe alle innerhalb der klassischen Medien einigen können.

Mehr noch: Pluralismus ist ein wesentlicher Aspekt des deutschen Grundgesetzes, denn dahinter steht das demokratische Ringen verschiedener politischer Gruppen um Einfluss und Macht. Zu dem essenziell ein breites Meinungsspektrum gehört.

Pluralismus wird deshalb innerhalb der Demokratie gar nicht als "Ideologie" wahrgenommen. Das kann tatsächlich zu Problemen führen, wenn zum Beispiel Zahlen und Fakten interpretiert werden müssen und Journalisten bewusst oder unbewusst ihre Haltung pro Pluralismus bei der Interpretation einfließen lassen.

Zumal zum Pluralismus auch die Agenda gehören kann, den Antipluralismus - oder das, was man dafür hält - zu bekämpfen. Aber jemand, dem "Pluralismus" ohnehin ungeheuer erscheint, der Meinungen, die nicht der eigenen entsprechen, als Angriff oder Bedrohung betrachtet - der sieht eine Ideologie darin. Das führt auf die Spur der tatsächlichen Bedeutung von "Lügenpresse".

"Lügenpresse" ist keine Medienkritik

Es beginnt damit, dass "Lügenpresse" keine Medienkritik ist, sondern eine Generalverurteilung mit der Geschmacksrichtung "Verschwörung". In diesem Wort schwingt deshalb die Totalverweigerung der Diskussion und des Zuhörens mit. Diejenigen, die "Lügenpresse" auf den Pegida-Demos wieder in die Öffentlichkeit geschrien haben, üben diese Verweigerung auch aktiv aus. Wer "Lügenpresse" sagt, möchte sich damit selbst gegen jedes mögliche Argument imprägnieren. Denn eine offene Diskussion ist das Gegenteil eines jeden Extremismus.

Hier prallen soziale Medien auf klassische Redaktionsmedien. Die bürgerliche Presse war im 20. Jahrhundert meistens eine Plattform der Mäßigung und des Ausgleichs. Früher erlebte das Publikum die Welt selbst in der freiesten Medienlandschaft durch den mäßigenden Filter der redaktionellen Auswahl und Einordnung, der sprachlichen Abstraktion und der nachrichtlichen Entemotionalisierung.

Und obwohl sie alternativlos ist, hat die mediale Mäßigung eine durchtriebene Zwillingsschwester: die Schönfärberei. Die sozialen Medien aber sind Gefühlsmedien, bei denen man sich - jeder sich! - in einer unendlichen Erregungsspirale verfangen kann.

Es gibt kein Meinungsspektrum

Wer sich in eine sozialmediale Sphäre begibt, in der "Lügenpresse" zum guten Ton gehört, der braucht sowohl einen Ausgleich als auch viel Abstraktionsvermögen, um der Hyperemotionalisierung zu widerstehen. In den meisten klassischen Medien wird man zu Anlässen wie "Merkel tritt noch einmal an" positive, neutral berichtende und kritische Stimmen lesen können.

In den Zentralorganen der Lügenpressefraktion aber gibt es kein Meinungsspektrum: Merkel ist schlimm. In jedem einzelnen Artikel, Ausgleich null. Die Meinung gerinnt so zu einem gefühlt feststehenden Faktum.

Ein anonymer, junger, weißer Mann hat soeben beschrieben, wie verführerisch und machtvoll diese Erzählungen sein können - wenn Mäßigung und Ausgleich fehlen. Er hat sich, eigentlich einem linksliberalen Milieu entstammend, in die Gefühlsstürme des Hasses ziehen lassen. Er sagt sogar, dass es nur begrenzt hilft, wenn man die Mechanismen durchschaut. Demokratie steht und fällt mit der Kontrolle der Macht durch eine kritische Öffentlichkeit - aber die beruht auf pluralistischen Grundsätzen.

Ausschließlich die eigene Meinung

Deshalb ist es so entscheidend, die antipluralistische Haltung hinter dem Ausruf "Lügenpresse" zu kontern, argumentativ aufzubrechen, und ja - zu bekämpfen. Nicht, weil die Medien immer richtig lägen oder aus schierer Neutralität bestünden. Sondern zur Verteidigung der Pluralität, ohne die eine demokratische Gesellschaft nicht funktioniert.

Wer aber "Lügenpresse" schreit, will nicht bloß seine Meinung auch in den Medien sehen, da ist sie längst. Sondern ausschließlich seine Meinung. Und das ist die Brücke sowohl zum Autoritarismus wie auch zu Donald Trump. Der Medien nur dann akzeptiert, wenn sie seiner Meinung sind: ein Angriff auf jede Regierungskritik - die gezielte, demokratiefeindliche Abschaffung des Pluralismus.

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insgesamt 234 Beiträge
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Seite 1
rst2010 30.11.2016
1. der begriff 'lügenpresse'spricht für dummheit und mangelnde bildung:
es war immer so, das presse tenziell ist; die wahrheit liegt immer irgendwo dazwischen, es gibt rote, schwarze, braune blätte, usw.; selbst aussagen von personen sind nicht vertrauenswürdig, da jeder nur projektionen der wirklichkeit sieht, nicht die wirklichkeit selber. journalisten können nur versuchen, der realität nahe zu kommen; aber schaffen werden sie das nicht. wer das nicht weiß oder verdängt, sollte nochmal zur schule gehen.
gekreuzigt 30.11.2016
2. Scheinselbstkritik,
um dann umso kräftiger draufzuhauen. Warum muss ich an Goethe denken? "Von dorther sendet er fliehend nur ohnmächtige Schauer körnigen Eises." Rückzugsgefechte. Die Doofen sind immer noch doof. Bleiben Sie in Ihrem warmen weichen Kokon, Herr Lobo.
B!ld 30.11.2016
3.
Das muss natürlich Herr Lobo sagen, der im TV gern als Falsch/Richtig-Diva auftritt. Intoleranz tritt Intoleranz.
spiegelobild 30.11.2016
4. gute Entwicklung, Konkurrenz belebt den Informationsmarkt
Der Meinungspluralismus ist breiter geworden, die Vertreter der Mainstreammedien müssen damit leben, dass jeder im Internet durch bloggen, Teilnahme an sozialen Medien bis hin zur Herausgabe einer Internetzeitung Meinung und Information verbreiten kann. Gut so, das ist Demokratie. Die Mainstreammedien müssen um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen, die Bedürfnisse der Nutzer berücksichtigen. Sonst sind sie weg. Auch das ist gut so. Und einen Alleinvertretungsanspruch auf Wahrheit gibt es auch nicht
Deine Mami 30.11.2016
5. Lügenpresse ist .....
.... nur der Ausdruck für die eigene mentale Verblödung. Wenn ich meine persönliche Verantwortung im Bereich der Medienkompetenz komplett in fremde Hände gebe, habe ich eigentlich nicht mal das Recht den Journalismus in Deutschland so zu bezeichnen.
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