Deutschlands Netz-Traffic Guck mal, wer da klaut

Nur noch zehn Prozent des Datenverkehrs in Deutschland entfallen auf das Aufrufen von Webseiten. Die Netze ächzen unter der Datenflut von Instant Messengern, Video-Streams, vor allem aber P2P. Die Tauschbörsen verursachen abhängig von der Tageszeit bis zu 95 Prozent des Datenverkehrs.


Versehentlich, sagte vor einigen Tagen Edgar Bronfman, Boss der Warner Music Group, sei die Musikindustrie vor Jahren in einen Krieg gegen ihre eigene Kundschaft gezogen. Weil sie die damals aufkommenden neuen Möglichkeiten digitaler Technik nicht genutzt, den Kunden vielmehr verweigert habe und sich ansonsten mit "gletscherhafter Geschwindigkeit" bewegte, hätten diese der Industrie den Rücken gekehrt und seien den Tauschbörsen zugelaufen. Das Resultat laut Bronfman: "Die Kunden haben gewonnen."

So kann man das sehen, und gegen die Kundschaft gewinnt die Industrie seitdem fast nur noch vor Gericht. Doch es ist anscheinend nicht so, dass das die P2P-Szene in einem Maße erschüttert, wie sich das die Entertainment-Branche erhofft. Noch immer ist P2P die Anwendung des Internets, die mit Abstand den größten Teil des Datenverkehrs verursacht.

Haarklein aufgedröselt hat das in einer aktuellen Studie die auf Netzwerkverkehr-Messung spezialisierte Firma ipoque. Die Daten beruhen auf der Beobachtung und Analyse von rund drei Petabyte Internet-Daten, die in Kooperation mit Providern und Universitäten von August bis September 2007 in fünf Regionen der Welt erhoben wurden.

Wie alle Traffic-Analysen und Studien zu Internet-Demografie und Nutzung kann auch diese eine echte Repräsentativität nicht beanspruchen. In Deutschland kooperierte ipoque vor allem mit Universitäten, insgesamt überwiegen im Sample jedoch Daten von Service-Providern. Die schiere Größe des Datensamples aber erlaubt auf jeden Fall interessante Beobachtungen. Die Studie dokumentiert dabei einige bezeichnende Trends.

Trend zu Verschlüsselung

So soll inzwischen rund 20 Prozent des P2P-Verkehrs verschlüsselt über die Leitungen gehen. Das erschwert nicht nur den Fahndern die Arbeit, sondern auch den Serviceprovidern das Erkennen eines P2P-Datenstroms: Viele Internet- und Telekommunikationsfirmen drosseln in solchen Fällen den Datendurchsatz oder werfen die Kunden nach Ablauf einer Frist aus der Leitung. Das aber ist ärgerlich, wenn man gerade mit dem illegalen Download eines gezippten Datenpakets mit allen "24"-Folgen beschäftigt ist, denn so etwas dauert.

Geschätzte knapp 20 Prozent aller Internet-Nutzer in Deutschland tun solche Dinge, verursachen damit aber fast 74 Prozent des gesamten Datenverkehrs im deutschen Internet, behauptet die Studie. Das verteilt sich: Während es tagsüber irgendwo über 50 Prozent sind, schwillt der Anteil des P2P-Traffics am gesamten Datenverkehr nachts auf bis zu 95 Prozent an.

Werkzeug der Wahl ist dabei seit langem vor allem BitTorrent mit einem Marktanteil von 66,7 Prozent. Deutlich abgeschlagen folgt eDonkey mit 28,6 Prozent, eine Minderheit von 3,7 Prozent enfällt noch immer auf Gnutella, der Rest ist nicht erwähnenswert.

Sag mir, was du nutzt, ich sag dir, was du tauschst

BitTorrent und Gnutella bedienen dabei vor allem die Zielgruppe der Nutzer mit breitbandigen Internetverbindungen. Über diese Protokolle werden selten kleinere Dateien wie beispielsweise einzelne Musiktitel verbreitet (das läuft über Gnutella), sondern eher ganze Alben oder gleich Albensammlungen, TV-Filme, Kinofilme - oder Pornos.

Dabei gibt es allerdings deutliche Unterschiede zwischen eDonkey und BitTorrent. In den sogenannten Esel-Netzen machen Audio-Inhalte noch immer rund 47 Prozent des Gesamtverkehrs aus, Video bringt es auf rund 34 Prozent. Bei BitTorrent ist das völlig anders: Hier machen Videos rund 64 Prozent der Daten aus, und nur noch rund 22 Prozent entfallen auf Audio-Dateien.

Einen überraschend hohen Anteil am Datenverkehr haben mit rund 4,3 Prozent die so genannten Filehoster: Das sind Dienste, bei denen man auch größere Dateien hinterlegen kann, die man über einen spezifischen Link - einen sogenannten Direct Download Link (DDL) - dort abholen kann. Diese Form des Dateivertriebs ist vor allem über Instant Messenger (IM) und Foren populär. Die vor allem unter Schülern angesagte Verteilung von einzelnen Musikdateien über Instant Messenger wirkt sich prozentual noch nicht merklich aus. IMs sind in Deutschland - anders als in anderen Regionen der Welt - weiterhin ein wenig verbreitetes, vor allem von Schülern und im Arbeitsleben genutztes Kommunikationsmittel: Nur etwa 17 Prozent der deutschen Surfer pflegen den Echtzeit-Ping als Alternative zwischen Telefon und E-Mail.

pat

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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aloa5, 30.11.2007
1. @Spiegel-Redaktion
Abgesehen davon das die Spiegel-Meldung etwas inkonsistent ist (47% bei emule entfallen lt. Darstellung auf Musik... macht 14% Anteil und gleichzeitig wird behauptet einzelne Musiktitel würden über Gnuttella (3,7% insg.) getauscht was ein viertel darstellt) ist das ganze eine eher vage "Berechnung" von Ipoque. Schätzung hier: 20% aller INet-Nutzer verwenden P2P Das würde ich für eher unwahrscheinlich halten. Und wenn dem so wäre dürfte man doch erwarten, das die Politiker in Berlin sich dieser mehreren Millionen Nutzer annimmt anstatt diese der Content-Industrie zum (Abmahn-)Fraß vorzuwerfen. Und: auch Medien wie der Spiegel hier beschränken sich darauf diese Daten wiederzugeben. Keine Wertungen oder gesellschaftliche oder andere (politische) Schlußfolgerungen. Keine mahnenden Worte - in welche Richtung auch immer. Wie viele Millionen Menschen muss etwas betreffen bis so etwas "Wert" ist aus der "Netzwelt"-Sparte heraus zu kommen? In anderen Bereichen reichen ein paar tausend (oder hundert) aus um auf Titelblättern zu landen. Die Content-Industrie hat es "gelernt" (behaupten sie zumindest). Sie hatten das ganze verschlafen. Redaktionen und Politik halten wohl weiterhin ihren Dornröschenschlaf - zuletzt erst wurde die Spiegel-Redaktion hier im Forum kritisiert ob Ihrer "nicht-Berichterstattung" zur Berlin Demonstration von 15.000 Bürgern und man musste feststellen, das es kein wissentlicher Fehler war. Es war die Unkenntnis, das diese Demo überhaupt stattgefunden hatte welche dazu führte. Das Handelsblatt führte aus (http://www.handelsblatt.com/News/Technologie/Elektrischer-Reporter/_pv/_p/302762/_t/ft/_b/1324628/default.aspx/radikal-digital.html): ---Zitat--- Ob die Piratenpartei mit dem Bundesvorsitzenden Jens Seipenbusch das Zeug hat, es den Grünen nachzutun, wird sich zeigen. Ihr Themenfeld hat mehr Beachtung verdient. *Hoffentlich dauert es nicht wieder zwei Jahrzehnte.* ---Zitatende--- Ich stelle lobend fest, das sich auch der Spiegel neben der Welt, der FAZ und der SZ als einer der wenigen darum bemüht mitzuhalten und gerade der Spiegel kann hierbei auf Erfolge verweisen (keine Quellen sind so präsent mit Links vertreten wie Spiegel und Heise). Trotzdem möchte ich anmerken, das dies steigerungsfähig ist. Nicht in der Masse der Meldungen - das kann das Netz auch. In der Tiefe und an der Umsicht kann man aber noch arbeiten ;) Grüße an die Redaktion ALOA
Perelly, 30.11.2007
2. ...
Das wird sich eh bald ändern. An diesem Freitag wird darüber beraten, die Daten, die bei der Vorratsdatenspeicherung anfallen, direkt an die Film- und Musikindustrie weiter zu reichen. Ohne zeitfressende Umwege über deutsche Richtertische. Alles natürlich im Namen der Terrorbekämpfung. Übrigens: dem BND ist es bislang nicht gelungen, die Skype-Verschlüsselung zu knacken. Inwieweit dann noch eine Datenspeicherung von Nutzen ist, ist mir schleierhaft. Das müsste mir der Propagandaminister Schäuble mal erklären.
pepre, 30.11.2007
3. Ja und?
Ja und? Was soll uns der Artikel nun sagen? Dass alle P2P-Nutzer Raubtauschkopiermörder-Terroristen sind? Zumindest der Titel legt das nahe. Und die Statistik ist ja wohl mehr als peinlich: "verursachen abhängig von der Tageszeit bis zu 95 Prozent des Datenverkehrs". Hum? "Bei Wind fallen Äpfel vom Baum" macht genauso viel Sinn. Das Thema "Traffic-Analyse" ist sehr komplex, zB Inhalte in VPN-Netzwerken können gar nicht erfasst werden. Darüber aber kein Wort, über den Spam-Traffic auch nicht. Nur wieder mal ein reisserischer Artikel, der offensichtlich auf den Quotenbringer "Crime" setzt. Bravo, das dürfte SSchäuble weiteres Futter geben, um das Internet als Hort des Bösen zu brandmarken.
DJ Doena 30.11.2007
4. Merkwürdige Messmethoden
---Zitat--- So soll inzwischen rund 20 Prozent des P2P-Verkehrs verschlüsselt über die Leitungen gehen. ---Zitatende--- Peer-to-Peer. Von IP-Adresse zu IP-Adresse und das auch noch verschlüsselt. *JEDE* Kommunikation im Netz ist eine P2P-Kommunikation. www.google.de ist bloß eine Erfindung für Menschen, die sich http://209.85.135.99 einfach nicht merken können. ;-) Die Provider müssten also anhand der Zieladresse entscheiden "das ist kein Server, sondern ein anderer Benutzer" und selbst dann könnten die beiden einfach Counterstrike übers Netz daddeln. ---Zitat--- Viele Internet- und Telekommunikationsfirmen drosseln in solchen Fällen den Datendurchsatz oder werfen die Kunden nach Ablauf einer Frist aus der Leitung. Das aber ist ärgerlich, wenn man gerade mit dem illegalen Download eines gezippten Datenpakets mit allen "24"-Folgen beschäftigt ist, denn so etwas dauert. ---Zitatende--- Vernünftige P2P-Download-Protokolle wie BitTorrent (http://de.wikipedia.org/wiki/BitTorrent) erlauben die problemlose Wiederaufnahme eines Downloads, ohne dass man wieder bei Null anfangen müsste. Was mir in der Traffic-Analyse fehlt, was aber bestimmt nicht unerheblich ist, sind die Traffics zu Seiten wie YouTube & co. Die ganzen Filmchen zu laden ist sicherlich auch nicht unerheblich. Summa summarum weiß ich nicht, was ich von dieser Analyse halten soll...
stonie, 30.11.2007
5. titel
...glaube keiner staitstik, die du nicht selber gefälscht hast! 95% des datenverkehrs werden also von p2p nutzern verursacht, die ihres zeichens aber nur 20% der internetnutzer ausmachen..? irgendwie hege ich einige zweifel an diesen zahlen. aber immerhin schön zu sehen, dass bei dem ein oder anderen verantwortlichen der contentindustrie nach 1 1/2 jahrzehnten die erkenntnis einsetzt, dass kunden keine konsumsklaven sind, denen man preis und infrastruktur ihres konsums über lobbyismus auf den gesetzgeber aufzwingen kann! nun haben längst andere, wie steve jobs mit i-tunes, das ruder in die hand genommen und die ifpi versucht immer noch, über die massenversendung von abmahnungen geld zu machen oder ihren längst verlorenen stand irgendwie noch etwas zu erhalten...
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