Die Ahnen sind online - Teil 1 Weihnachten unterm Stammbaum

Millionen verfolgen die Familiensaga des Buddenbrook-Autors Mann. Der Kanzler kontaktiert verschollene Cousinen im Osten. Joschka Fischer ließ gar ein Sippenwappen fertigen: Die lange Zeit verpönte Familienforschung hat den Durchbruch zum Volkssport geschafft und ist nach Sex zum größten Markt im Internet geworden.

Von Jochen Bölsche


"Asterix-Helm" derer von (Joschka) Fischer: Ein Wappen und Ring, sie alle zu adeln?

"Asterix-Helm" derer von (Joschka) Fischer: Ein Wappen und Ring, sie alle zu adeln?

Einst, als sich der Jungmilitante Joschka Fischer mit schwarzem Helm und schneller Faust um den Respekt seiner Genossinnen und Genossen bemühte, kam die Rede bisweilen auf seine Abstammung. Sein Vater sei ein "armer Grasfresser" gewesen, erzählte er dann seinen Mitstreitern, in deren Weltsicht der Nachweis proletarischer Ahnen einen Linken gleichsam adelte.

Ein Vierteljahrhundert später - der halbstarke Außenseiter hat sich in einen starken Außenminister verwandelt - muss Fischer zunehmend Wert auch auf die Zuneigung bürgerlicher Wähler legen. So begann das PR-Genie, seine einstmals so harte Rechte mit einem noblen Siegelring zu schmücken.

Doch das Accessoire trug dem Aufsteiger in der feinen Gesellschaft vorwiegend Spott ein. Zwar nahm ein Lifestyle-Kolumnist den einstigen Turnschuhpolitiker in der "Welt am Sonntag" mit dem Hinweis in Schutz: "Einen Siegelring dürfen auch Bürgerliche ohne adlige Häme tragen." Das Schwesterblatt "Welt" aber mochte sich die Bemerkung nicht verkneifen, Fischers wappenloser "Siegelring ohne Siegel" werde "in Adelskreisen 'kalte Platte' genannt".

Womöglich um solche Anzüglichkeiten zu vermeiden, kam dem Minister vor geraumer Zeit ein Vorschlag seiner derzeitigen Ehefrau Nicola Leske gelegen: Die Fischers sollten sich doch ein Sippenwappen entwerfen lassen. Einen tüchtigen Heraldiker hatte die Gattin bei einer Hospitanz in der "Geo"-Redaktion kennen gelernt, die ein Special zum Thema Mittelalter vorbereitete.

Nahezu amtlich: Wappenregister der Familie Fischer

Nahezu amtlich: Wappenregister der Familie Fischer

Mittlerweile kann jedermann in der "Rhein-Main-Wappenrolle" unter der Registernummer 007-09-99 und sogar im Web das farbige Prachtwerk bewundern, das der Odenwälder Künstler Dieter Krieger auf Antrag von "Bundesaußenminister Joseph Martin Fischer" gefertigt hat - Eintragungsgebühr: 391,17 Mark.

Zugrunde lag der Arbeit das Stammbuch der Fischers; zu dessen Auswertung war das "Einverständnis des Beteiligten" eingeholt worden. Heraldiker Krieger verfolgte Fischers Spuren "bis zu Jakob Fischer, der 1740 Franciska Yack geehelicht hat".

Ein Asterix-Helm ziert das Wappen des Außenministers

Und siehe da: Der Stammbaum der vermeintlichen Grasfresser wipfelt in einer uralten schwäbischen Metzger-Dynastie. Das Fischer-Wappen gestaltete der Heraldiker daher mit Hilfe von zwei blutroten Hackebeilen über einem silbernen Fisch, gekrönt von einem geflügelten Kopfschmuck, einer Art Asterix-Helm.

Begründung: "Der Fisch steht als redendes Zeichen für den Familiennamen ... Die Fleischerbeile interpretieren den Berufsstand des Metzgers... Der Flug in der Helmzier steht für das Amt des Bundesaußenministers."

Mit der Suche nach seinen familiären Wurzeln liegt der Vizekanzler voll im Trend: Gut ein halbes Jahrhundert nach dem mörderischen Missbrauch der Ahnenforschung durch die Nazis haben die Deutschen die lange Zeit verfemte und verpönte Genealogie wiederentdeckt.

Während die Familiensaga des "Buddenbrook"-Autors Thomas Mann Millionen von Fernsehzuschauern fasziniert, tragen prominente Gegenwartsautoren zur Popularisierung der Ahnenforschung bei. Vor allem um Stammbäume geht es in den jüngsten Werken etwa von Péter Esterházy ("Harmonia Caelestis"), Robert Menasse ("Die Vertreibung aus der Hölle") oder F. C. Delius ("Der Königsmacher").

Dass die Familienforschung auf dem besten Weg ist, sich nach US-Vorbild zum Volkssport zu entwickeln, verdankt sie vor allem aber dem Internet: Netz-Neulinge, die aus purer Neugier zunächst mal ihren Familiennamen in eine Suchmaschine eingeben, entdecken per Mausklick binnen Sekunden Dutzende, wenn nicht Hunderte oder Tausende von Namensvettern in aller Welt.

Dieses Aha-Erlebnis mobilisiert bei manch einem schlummerndes Interesse an der eigenen Sippschaft. Wer gar, so wie inzwischen Hunderttausende von Bundesbürgern, über eine eigene Homepage im weltweiten Netz verfügt, muss jederzeit damit rechnen, seinerseits von mutmaßlichen Verwandten aus den USA aufgestöbert zu werden.

Botschaft aus Übersee: "Hi, we must be relatives"

Denn die Amerikaner, von denen fast jeder vierte von deutschsprachigen Einwanderern abstammt, sind geradezu versessen darauf, ihre Roots in der Alten Welt zu entdecken. Immer wieder finden deutsche User in ihrer Mailbox daher Post von namensgleichen US-Bürgern, die mit dem Satz beginnt: "Hi... We must be relatives."

Heinrich Prinz von Hannover: Ahnentafelpfleger, Website-Betreiber und Prügelprinz-Bruder
DPA

Heinrich Prinz von Hannover: Ahnentafelpfleger, Website-Betreiber und Prügelprinz-Bruder

Zu den Pionieren der Internet-Genealogie in Deutschland zählen, kein Wunder, Angehörige des Hochadels wie der Göttinger Computer-Freak Heinrich Prinz von Hannover, 39. Auf dessen elektronischer Ahnentafel stehen nicht nur relativ nahe "relatives", darunter Zelebritäten wie sein feuchtfröhlicher Bruder Ernst-August, der Prügelprinz, und Urgroßvater Wilhelm, der letzte deutsche Kaiser. Verzeichnet sind auch so ferne Vorfahren wie Heinrich der Wunderliche, Albrecht der Fette oder Wilhelm mit dem großen Bein.

Doch nicht jeder, der die Website von Heinrich dem Homepagebastler besucht, bezeugt dem stolzen Geschlecht den erwarteten Respekt. Da sudelt schon mal einer ins Gästebuch: "Welfen - das klingt wie Welpen. Wozu braucht man das?" Und ein "König von Hawaii" hinterlässt ("nur so zum Nachdenken") einen Reim: "Ich fühle mich so frei / in Hawaii als Nackedei."

Neu ist, dass neben den Blaublütern - die stets schon Stammbaumpflege betrieben haben - immer mehr gemeines Volk im Urschlamm der Historie nach seinen Feinwurzeln buddelt. Bei den über 55-jährigen Web-Nutzern ist die Ahnenforschung bereits die zweithäufigste Internet-Anwendung (nach dem E-Mail-Versand). "Jedem seine Dynastie", kommentiert die Hamburger "Zeit" die neue Massenbewegung. "Nach Sex dürfte Genealogie der größte Markt im Internet sein", staunt die "Frankfurter Allgemeine".

"Die Genealogie macht süchtig"

In den Hitlisten der Software-Hersteller stehen CD-Roms mit Programmen wie "Familienstammbuch", "Ahnenchronik" oder "Ahnengalerie" auf Spitzenplätzen. Volkshochschulen offerieren, wie in Bremen, spezielle Lehrgänge für Web-Ahnenforscher. Inzwischen ist auch eine Fachzeitschrift mit dem Titel "Computergenealogie" am Markt.

Vor allem in der Weihnachtszeit kommt es in Gasthaus-Sälen und Hotel-Konferenzräumen zu bizarren Szenen: Wenn ein Kellner hereinschaut und einen Herrn Soundso ans Telefon bittet, springen alle Anwesenden gleichzeitig auf: So genannte Familienverbände, die sich vor allem der Ahnenforschung widmen, gewinnen an Zulauf.

Die "Borck-Borks": Homepage eines Familienverbandes

Die "Borck-Borks": Homepage eines Familienverbandes

"Spaß gibt's reichlich", berichtet der Hamburger Lokalredakteur Gerhard Bork, der eine Website für seinen Familienverband gestaltet: "Schließlich sagt man uns Bor(c)ks ja nach, dass wir nicht nur die großen Ohren, sondern auch den trockenen Humor gemeinsam haben".

Und womöglich noch mehr: Neumitglieder berichten laut Bork immer wieder, sie hätten sich beim ersten Treffen im Kreise der bis dato Unbekannten sofort "wie in einer großen Familie gefühlt". "Tja", sinniert Bork, "komisch ist das."

Der Drang herauszufinden, ob all die Namensvettern auch durch Blutsbande einander verbunden sind, lässt manch einen zeitlebens nicht mehr los. "Die Genealogie macht süchtig", berichten die Weinheimer Hobbyforscher Brigitte und Gerd Arwers. Ihren Kick erleben diese Suchtkranken, wenn sich "die gesammelten Informationen wie Puzzleteile ergänzen".

Auf diese Weise stießen zwei Thüringerinnen, Inge Siegel und Heidelinde Munkewitz, sogar auf einen Cousin im Kanzleramt; Gerhard Schröder hat ihnen bereits im Sommer einen Besuch abgestattet.

Für "Wowi" ein Maskottchen von der Namensvetterin

Berlins Bürgermeister Klaus ("Wowi") Wowereit bekam eine E-Mail von einer Namensvetterin: Eine Cornelia Wowereit bat den SPD-Politiker um Ahnendaten. Sie revanchierte sich mit einem handgemachten Mohair-Teddy. Dem Maskottchen, behauptet Wowereit, verdanke er seinen Wahlsieg.

Joschka Fischer: Der ehemalige Sponti will heute auch "Bürgerlichen" gefallen - und erntet auch Spott
REUTERS

Joschka Fischer: Der ehemalige Sponti will heute auch "Bürgerlichen" gefallen - und erntet auch Spott

Dem Bundesaußenminister hingegen trug das plötzlich erwachte Interesse für die Sippschaft auch ein wenig Spott ein. Nachdem sein frisch erworbenes Wappen im Frühjahr in Adelskreisen bekannt geworden war, mokierte sich ein Egi Graf Gatterburg aus dem Rheinhessischen in einem Leserbrief an die "FAZ", der geflügelte Asterix-Helm passe so überhaupt nicht zu Fischer: "Man stelle sich nur diese Flügel unter einem Wasserwerfer vor."

Ein schwarzer Motorradhelm, so der Graf, wäre für Joschka Fischer in jeder Hinsicht "als Wappenzier signifikanter".

Der Minister selber, mittlerweile tief verstrickt in den Zwist um Krieg und Frieden, hält womöglich einen Helm in Grau oder in Blau für angemessener.

Lesen Sie im zweiten Teil: Ein Hobby verläßt die "Kukident-Ecke" - Eine neue Generation von "Ahnwendern" leistet Detektivarbeit in Chatrooms und Kirchenarchiven.
Ab 25. Dezember 2001 bei SPIEGEL ONLINE



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