Die Ahnen sind online, Teil 3 Die Rückkehr des Ahnenpasses

In rasendem Tempo wachsen Genealogie und Genforschung zusammen. Im Ausland entstehen auf diese Weise bereits Ahnendateien, deren Potenzial alles in den Schatten stellt, wovon Hitlers mörderische Rassenfanatiker einst träumten.


Hitler: Seinen wahnsinnigen Hass gegen alles "Minderwertige" begründete der Massenmörder mit "genetischen" Argumenten
DPA

Hitler: Seinen wahnsinnigen Hass gegen alles "Minderwertige" begründete der Massenmörder mit "genetischen" Argumenten

Im Dienste der "Rassenhygiene" durchsuchten Adolf Hitlers Sippenforscher nicht nur die Stammbäume der Volksgenossen nach jüdischen Vorfahren. Die braunen Genealogen trugen auch dazu bei, Daten über die erbliche Belastung von Geisteskranken und Epileptikern, Missgebildeten und Kriminellen zu erfassen - am Ende stand der als Euthanasie etikettierte Massenmord an mehr als 100.000 Menschen.

Dass die Familienforschung in Deutschland, anders als in den USA, lange als politisch unkorrekt galt, hat triftige Gründe: Die - ursprünglich weitgehend unpolitische - Genealogie hatte sich im Nationalsozialismus als "Hilfswissenschaft der Humangenetik" missbrauchen lassen, wie die Tübinger Biologiehistorikerin Dorothee Früh

...die in den irrwitzigen "Rassengesetzen" ihren Niederschlag fanden
AP

...die in den irrwitzigen "Rassengesetzen" ihren Niederschlag fanden

resümiert.

"Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches fand sich mit der medizinischen Genetik auch die Genealogie diskreditiert", schreibt die Biologin. Sofern überhaupt noch wissenschaftliche Familienforschung betrieben wurde, beschränkte sich das Interesse auf historische und soziologische Fragen; selbst wichtigste humanbiologische Themen wie die Erforschung der Vererbbarkeit etwa von Augenleiden oder anderen Krankheiten waren tabu.

Island: Stammbäume und Gendaten werden zum Exportschlager

Im Ausland dagegen haben sich Genealogie und Genetik mit atemberaubender Geschwindigkeit einander angenähert - allerdings zu gänzlich anderen Zwecken als im NS-Staat. Am weitesten fortgeschritten ist diese Entwicklung auf der Eisinsel Island.

Der nordische Staat, dessen Bürger dank des Nationalhobbys Ahnenforschung ihre Abstammung über Jahrhunderte zurückverfolgen können, hat dem Wissenschaftler Kari Stefansson gestattet, eine landesweite Gen-Datei aufzubauen. Die Auswertung der anonymisierten Erbgut- und Ahnendaten soll dem Pharmakonzern Hoffmann-LaRoche ermöglichen, die genetischen Ursachen diverser Krankheiten zu ermitteln.

So einsam und abgeschnitten, wie es nur geht: Der genetische Pool Islands ist notorisch klein - und verspricht gerade darum viele Erkenntnisse
AP

So einsam und abgeschnitten, wie es nur geht: Der genetische Pool Islands ist notorisch klein - und verspricht gerade darum viele Erkenntnisse

Auch andere Länder, von der baltischen Republik Estland bis zum pazifischen Königreich Tonga, schaffen zur Zeit die Voraussetzungen dafür, das Genmaterial ihrer Bevölkerung zu sammeln und die Daten samt Abstammungszeugnissen und Krankenakten der Bürger ins Ausland zu verkaufen - ein Trend, der hohe Risiken birgt.

Denn ob genetische Daten flächendeckend zu medizinischen Zwecken erhoben werden oder, wie von der CSU gefordert, zur Fahndung nach Sexualmördern - im Fall des Missbrauchs, unter totalitären Regierungen, stünden den Machthabern Dateien zur Verfügung, von deren Potenzial Hitlers Rassenfanatiker nur hätten träumen können.

Jede einzelne Körperzelle ist heute ein biologischer Ahnenpaß

Denn: Jede Körperzelle - ob aus einer Wimpernwurzel oder einer Hautschuppe - stellt beim heutigen Stand der Forschung eine Art biologischen Ahnenpass dar. Das Erbgut enthält Aufzeichnungen über die Vorfahren und, in nicht genau bekanntem Umfang, sogar Prognosen etwa über die gesundheitliche Zukunft eines jeden Menschen. Die politischen und sozialen, medizinischen und juristischen Auswirkungen der gerade angebrochenen Ära der Biopolitik sind ungewiss - Ahnenforscher in aller Welt haben gerade erst begonnen, die fantastischen Möglichkeiten zu nutzen, die sich ihnen eröffnen, seit die Software des Lebens weitgehend entschlüsselt worden ist.

Einige spektakuläre Erbgutvergleiche haben in den letzten Jahren einem breiten Publikum demonstriert, was die Auswertung von genetischen Fingerabdrücken zu leisten vermag.

"Genom-Karte": Ahnenpass, zweite Auflage
REUTERS

"Genom-Karte": Ahnenpass, zweite Auflage

Der Fall Kaspar Hauser: Ahnenforschung im Labor

So wurde die angebliche Zarentochter Anastasia Romanowa von Genforschern als Schwindlerin entlarvt. Und mit Blutspuren auf 163 Jahre alten Textilien gelang Wissenschaftlern im Labor der Nachweis, dass der geheimnisvolle Findling Kaspar Hauser nicht, wie lange Zeit vermutet, der Erbprinz von Baden war (SPIEGEL 48/1996).

Inzwischen sind in Europa und den USA erste Firmen gegründet worden, die Hobby-Forschern mit Hilfe ähnlicher Untersuchungsmethoden Informationen aus jenen Zeiten versprechen, über die kein Kirchenbuch mehr Aufschluss gibt.

Amerikanische Firmen wie die Sorensen BioScience bauen Datenbanken mit transatlantischem Gen-Material auf. Die Dateien sollen zahlungskräftigen US-Bürgern per DNS-Vergleich bei der Suche nach ihren Roots in Europa oder Afrika helfen.

Ein Ötzi-Forscher aus Oxford entdeckt die "sieben Töchter Evas"

Am geschäftstüchtigsten scheint der prominente britische Genetiker Bryan Sykes. Er hatte in der Fachwelt mit einem wissenschaftlichen Scoop Aufsehen erregt. Er analysierte das Erbgut des 9000 Jahre alten "Cheddar Man" und verglich es mit dem genetischen Fingerabdruck eines Lehrers, der in der Nähe der Ausgrabungsstätte wohnt.

Craig Venter: Die Entschlüsselung des Humangenoms machte "aus jeder Wimpernwurzel einen biologischen Ahnenpass"
DPA

Craig Venter: Die Entschlüsselung des Humangenoms machte "aus jeder Wimpernwurzel einen biologischen Ahnenpass"

Verblüffendes Resultat: Zwischen beiden Männern, so Sykes, bestehe eine "direkte genetische Verbindung". Mittlerweile analysiert Sykes, der auch das Erbgut des Eismenschen "Ötzi" untersucht hat, gegen Honorar die so genannte Mitochondrien-DNS von Privatleuten, um sie einer von sieben "Urmüttern" zuzuordnen. Laut Sykes stammen sämtliche Europäer von diesen "sieben Töchtern Evas" ab, denen er fiktive Vornamen verpasst hat: Tara, Helena, Katrine, Ursula, Velda, Xenia und Jasmine.

Die Kunden müssen mit einem speziellen Pinsel Zellen aus ihrer Mundhöhle herauskratzen. Nach der Analyse des Materials stellt Sykes' Firma Oxford Anchestors ihnen eine Urkunde mit dem Namen der Urmutter aus. Sykes sagt, er selber stamme von Tara ab, die im heutigen Italien gelebt habe. "Daher", so der Oxford-Professor augenzwinkernd, "kommt wohl meine Vorliebe für italienisches Essen und Barolo-Wein."

Seinen Kunden kann Sykes auch mit Landkarten dienen, auf denen die regionale Häufung des jeweiligen Nachnamens dokumentiert ist - ein, so der Professor, genealogisch bedeutsamer Umstand.

Die DNA der Nachfahren enthüllt Seitensprünge der Urahnen

In einem Beitrag für das "American Journal of Human Genetics" hat der Brite voriges Jahr nachgewiesen, dass das Erbgut von 50 Prozent seiner Namensvettern vier übereinstimmende DNA-Abschnitte enthält und damit auf einen gemeinsamen Vorvater deutet. Dass dies nicht bei allen Probanden der Fall ist, führt Sykes auf häufige Seitensprünge in seiner Dynastie zurück.

Im vierten Teil der Serie: Wenn das Kind der Klon seines Vaters ist - Die Debatte über die ethischen Grenzen der Genforschung ist überfällig.
Ab 27. Dezember bei SPIEGEL ONLINE



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.