Die Ahnen sind online, Teil 4 Wenn ein Kind der Klon seines Vaters ist

Der NS-Staat missbrauchte die Ahnenforschung für Mord und Menschenzucht, Margot Honecker ließ heimlich die Abstammung der DDR-Elite erforschen. Doch auch der heutige Umgang mit Gen- und IQ-Daten macht eine Debatte über die ethischen Grenzen der Ahnenforschung erforderlich.

Von Jochen Bölsche


Embryo im Frühstadium: Schon kam es zu ersten - erfolglosen - Experimenten mit dem Klonen menschlicher Embryos
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Embryo im Frühstadium: Schon kam es zu ersten - erfolglosen - Experimenten mit dem Klonen menschlicher Embryos

Keinem anderen als dem sozialdemokratischen Sicherheitspolitiker Otto Schily ist es zu verdanken, dass sich in Deutschland jüngst eine breite Öffentlichkeit der Gefahren bewußt geworden ist, die ein Mißbrauch von Gen-Daten eines Tages womöglich heraufbeschwören könnte.

Als der Bundesinnenminister im Herbst, nach den Terrorattacken in den USA, sein eilig geschnürtes "Sicherheitspaket" präsentierte, nahmen Datenschützer an dem Passus über den künftigen Personalausweis Anstoß: Neben dem Fingerabdruck sollten auf der Legitimationskarte, verschlüsselt, auch sonstige "biometrische Daten" erfasst werden dürfen.

Wie berechtigt ist die Angst, dass Sicherheitsfanatiker aufgrund einer solchen Klausel in Spannungszeiten auch die DNA-Daten aller Bürger erfassen und speichern könnten? Und ist auszuschliessen, dass die so entstehenden Datenbanken nach Kapitalverbrechen routinemässig per Rasterfahndung durchkämmt werden? Noch scheinen solche Sorgen verfrüht, manch einem unbekümmerten Beobachter gar absurd. Doch im westlichen Ausland hat bereits die Diskussion über derlei Fragen bereits begonnen - etwa darüber, wie weit der Einzug der Genetik in die Genealogie die Bürgerrechte bedroht.

Biometrie: Künftig werden Ausweise auch biologische Merkmale erfassen
DPA

Biometrie: Künftig werden Ausweise auch biologische Merkmale erfassen

Französische Datenschützer beargwönen sogar die Sammelwut der frommen Mormonen: Die Zivilstandsdaten könnten einmal, wie zur NS-Zeit, zu medizinhistorischen und genetischen Studien herangezogen werden.

"Wird man dann die genealogischen Archive elektronisch durchwühlen, um pathologische Familienromane und individuelle Belastungsprofile zu erstellen?", fragte die "FAZ", die bereits vor einer "Wiederkehr des Ahnenpasses" warnte.

Zwar sind bereits erste deutschsprachige Websites - zum Beispiel dna-genealogie.de und genetalogie.de - dem Zukunftsthema gewidmet. Doch von dem Trend, die Genetik der Genealogie nutzbar zu machen, ist Deutschland vorerst kaum erfasst worden - im Gegensatz zu Staaten wie Island und Estland, wo Politiker die genetischen und genealogischen Daten ihrer Bürger als Exportschlager entdeckt haben.

Kopfzerbrechen, wenn ein Kind der Klon seines Vaters ist

Andere Folgen der Gentechnologie sind derart dramatisch, dass sie der Genealogie die biologische Basis entziehen könnten: das Prinzip der Generation. Bei einem Kongress über "Genealogie und Genetik" in Potsdam warfen Wissenschaftler die Frage auf, wo der (genetisch identische) Klon eines Menschen verortet werden müsste: "Wie ist ein Kind mit seinem Vater verwandt, wenn es dessen Klon ist?"

Severino Antinori: Der italienische Skandal-Arzt arbeitet daran, als Erster einen Menschen zu klonen
REUTERS

Severino Antinori: Der italienische Skandal-Arzt arbeitet daran, als Erster einen Menschen zu klonen

Und schon leben auf der Erde Menschen, die väterlicherseits aus dem Internet stammen - gezeugt mit Hilfe namentlich bekannter oder anonymer Spender, deren Samen diverse "sperm banks" im Web anpreisen. Eine Portion kostet rund 200 Dollar. Zusätzliche Informationen werden extra berechnet, etwa der Stammbaum des Spenders samt medizinischer Details: Wie ist es um den Blutdruck des Sperma-Lieferanten bestellt? Woran sind Eltern und Großeltern gestorben? Litt irgendwer in der Sippe an Alzheimer oder an Schizophrenie?

Margot Honecker liess heimlich die Stammbäume der IQ-Elite erforschen

Dass die Schreckensvision, Genetik und Genealogie könnten zur Menschenzucht missbraucht werden, nicht blosse Utopie ist, zeigt ein Blick in die deutsche Geschichte. Rote wie Braune hat der Gedanke offenbar gleichermaßen fasziniert.

Die Nazis versuchten mit ihrer SS-Operation "Lebensborn", den von ihnen propagierten Menschentyp durch Zuchtauslese zu er-zeugen. Und die DDR-Kommunisten ließen zeitweise untersuchen, ob sich mit Hilfe genetischer Erkenntnisse eine IQ-Elite formen läßt, die dem Arbeiter-und-Bauern-Staat zu ähnlichen Erfolgen hätte verhelfen können wie die Doping-Monster unter seinen Spitzensportlern.

Zu diesem Zweck analysierte der DDR-Humangenetiker Volkmar Weiss mit Sondergenehmigung von Kultusministerin Margot Honecker Ende der sechziger Jahre die Daten von 1329 Hochbegabten und von 20.000 Blutsverwandten.

Margot Honecker: "Braune" Attitüden in Sachen Menschenzucht
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Margot Honecker: "Braune" Attitüden in Sachen Menschenzucht

Als Weiss die Ergebnisse seiner geheimen Forschungen vorlegte, wurde er kaltgestellt. Denn seine These von der "großen Dominanz der Gene" (Weiss: "Kinder von Hochbegabten haben Nachwuchs mit einem hohen IQ") erschütterte zutiefst den sozialistischen Glauben, dass der Mensch ausschliesslich ein Produkt seiner Umwelt sei.

Nach dem Niedergang der DDR übernahm Weiss - wie das Leben so spielt - die Deutsche Zentralstelle für Genealogie in Leipzig. Die Einrichtung, die dem sächsischen Innenministerium untersteht, ist die Nachfolgerin des DDR-Amtes, deren Vorgängerin wiederum Hitlers Reichssippenamt war.

Ein Leipziger Sippenforscher bricht "mit den Tabus der politischen Korrektheit"

Im obskuren Ambiente der Leipziger Dienststelle, in der noch immer Akten aus der NSDAP-Ära lagern, wirkte Weiss weiter an seinem Argumentationsnetz, das, wie er selber stolz gesteht, "mit allen Tabus der politischen Korrektheit bricht" - und das die politische Sprengkraft aufzeigt, die der Genealogie bis auf den heutigen Tag innewohnt.

Kernthese des Leipziger Sippenforschers: Weil auch Intelligenz vererbbar ist, Frauen mit hohem IQ aber wegen der Kinderfeindlichkeit der deutschen Gesellschaft immer seltener Mutter werden, würden die Deutschen immer doofer. Und ungesteuerte Immigration, vor allem von kinderreichen Minderbegabten, beschleunige den fatalen Trend noch.

Im Web hat die Debatte über Rassismus und Ethik in der Genealogie begonnen

Purer Rassismus oder bittere Wahrheit - die Debatte über die Weiss-Thesen, mittlerweile auch Thema eines Buches mit dem Titel "Die IQ-Falle", hat bereits die Chat-Räume und Websites der Hobby-Genealogen erreicht. Das Magazin "Computergenealogie" kommentierte die IQ-Debatte, das Buch fordere jeden dazu heraus, "die selbstkritische Frage nach dem Selbstverständnis seines Hobby" zu stellen und über eine "ethische Grenzziehung bei den Themen Vererbung und Konsequenzen der Gentechnologie" nachzudenken. Nicht minder gespenstisch als die IQ-Spekulationen mutet eine Vision an, die der US-Molekularbiologe Lee M. Silver auf dem Potsdamer Kongress vortrug.

So wie sich DNS-Sequenzdaten heute per Internet versenden lassen, könnten genetische Informationsstränge eines Tages quer durchs All etwa gebeamt werden, etwa zum Mars. Dann wäre dort das schier Unfaßbare möglich: Menschenzucht fernab vom Menschenstern, in Abwesenheit von Vater und Mutter.



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