S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Wenn Ameisen Grillen grillen

Was für eine verlogene Debatte! Der Streit über Urheberrecht und Netzkontrollen ist hoffnungslos verfahren. Es geht schon lange nicht mehr um Kunst und Künstler, sondern nur noch um Stars.

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"Hast du im Sommer können singen und pfeifen, so tu anjetzo im Winter tanzen und leide darneben gleichwohl Hunger; denn das Faulenzen bringt kein Brot ins Haus."

Eine hochemotionale Debatte wird geführt um Urheberrecht und Internet. Vordergründig dreht sie sich darum, ob das Internet dem Urheberrecht angepasst werden sollte oder eher umgekehrt. Man wirft sich mit Studien zu, die alles und auch das Gegenteil davon praktisch wissenschaftlich und damit ja wohl unwiderruflich beweisen: Illegales Downloaden zerstört und fördert die Kultur zugleich, die Filterung des Internet ist völlig ungefährlich sowie der sichere Untergang der westlichen Zivilisation.

Die derzeitige Debatte wird zu keinem Ziel führen - denn der Kern des Problems ist erschütternd viel größer als ein iPod randvoll mit filegesharten Liedern und Filmen. Tatsächlich geht es um die Wiederauflage eines uralten Problems, so alt, dass Äsop 600 vor Christus davon erzählen konnte. Von ihm stammt die europäische Überlieferung der Fabel von der Ameise und der Grille, aus der eingedeutschten Version von Johann Ulrich Megerle stammt das Eingangszitat.

Das eigentliche Problem ist eine Haltung: Weite Teile der Gesellschaft sind entgegen aller Beteuerungen, wie wichtig die Kultur sei, davon überzeugt, dass "Singen und Pfeifen" an sich keine richtige Arbeit ist und also nicht besonders viel wert. Diese Haltung ist sehr alt und sehr tief in den Köpfen verankert. Sie findet sich in den Wendungen "brotlose Kunst" und "Flausen im Kopf", sie wird von Generation zu Generation weitergegeben: "Kind, lern was Anständiges." Was heutige Durchschnittseltern trotz ihrer vermeintlichen Toleranz gegenüber der Kunst wohl sagen, wenn der Nachwuchs Schauspieler werden möchte, trotz Elitegrundschule und eigenhändig erhöhtem Pisa-Durchschnitt?

Nur der erfolgreiche Künstler wird geachtet

Vor der Erfindung des Kapitalismus war der Künstler ein Bittsteller, der sich über Almosen freuen musste, Schauspieler waren übel beleumundet, der abfällige Beigeschmack des Wortes "Schausteller" zeugt noch davon. Dann kam der Kapitalismus und mit ihm die Kulturindustrie, die aus dem Kulturschaffen einen echten Markt machte. Jeder Künstler konnte ein bisschen Unternehmer spielen. Ab diesem Moment begann die Verwandlung des Künstler-Image: mit der Kulturindustrie konnten viel mehr Künstler als zuvor zu gefeierten Idolen werden, zweifellos gesellschaftlich geachtet.

Leider nur scheinbar, denn die Kulturindustrie übernahm ausgerechnet den problematischsten Aspekt des Kapitalismus: die gnadenlose Erfolgsfixierung. Gesellschaftlich geachtet ist nicht der Künstler, sondern der erfolgreiche Künstler. Die Leute lieben den Star im Kino. Für den Schauspieler, der sich in Berlin Mitte hinter der Bar Geld dazuverdient, um die Miete zu bezahlen, haben sie nur Spott übrig. Künstler sind - und das hat mit dem Internet nichts zu tun - die Spottmasse der Gesellschaft. Außer sie sind erfolgreich.

Von den 62 bisherigen Teilnehmern der sechs Dschungelcamps waren 56 Künstler oder Bühnendarsteller im weiteren Sinn, das ergibt 90 Prozent. Ergänzt wurden sie durch fünf Sportler sowie einen Vincent Raven. Das Dschungelcamp ist kein Starspott, sondern eine Verhöhnungsmaschine erfolgloser Künstler. Im Kontrast zu einem früheren Erfolg mag der Misserfolg besonders erbärmlich aussehen, aber kein Pleitemanager war im Dschungel, kein rausgewählter Politiker, kein gefallener Wissenschaftsstar.

Man könnte es sich auch kaum vorstellen, und das liegt daran, dass der erfolgreiche Künstler ständig Gefahr läuft, dass sich Bernd Neumann für eine Foto-Opportunity neben ihn stellt, während der erfolglose Künstler zur Verhöhnung durch jedermann freigegeben ist. Die Wut des Sven Regener speist sich nicht nur aus illegalen Downloads, sondern auch aus 3000 Jahren Künstlerverachtung. Es ist die Wut der Grillen, die man wohl gern zirpen hört, aber am Ende des Sommers dann doch scharf nachdenkt, bevor man ein Almosen auf den Boden wirft. So war es schon lange vor dem Internet.

Neue Facette einer steinalten Farce

Zwischen Erfolg und Nichterfolg im Kulturschaffen - das zweite ist der Normalzustand, wie ein Blick in die Statistik der Künstlersozialkasse eindrucksvoll beweist - ist ein unterschätzer Aspekt des Streits über Urheberrecht und Internet zu finden. Denn wenn die vermeintlichen Stimmen der Kultur gehört werden, sind es fast immer die Stimmen erfolgreicher Künstler oder ihrer Vertreter am Markt. Es sind diejenigen, die von den bestehenden Strukturen eher profitieren und schon deshalb weniger Interesse haben, sie zu ändern. Sondern sie um beinahe jeden Preis erhalten wollen.

Die Diskussion krankt daran, dass auf der einen Seite Kultur gesagt wird und Kulturindustrie gemeint - und auf der anderen Seite dem Künstler nicht das Recht zugestanden wird, sein Produkt zu eigenen Bedingungen zu verkaufen. Im Ergebnis stehen auf der einen Seite Leute, die lieber das Internet kastrieren, als ihre Denkmuster zu ändern und auf der anderen Seite Leute, die ernsthaft behaupten, alle Probleme seien mit der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens gelöst. Als stünde dem faulen Künstlerpack eben kein Cent mehr zu als jedem anderen qua Geburt.

Die Gesellschaft besteht aus Ameisen, die auf die meisten Grillen herabschaut, während sie ein paar Grillen zujubelt. Fast scheint es, als gäbe es Gesamtkontingent an Wertschätzung für Künstler, und das brauchen Brad Pitt und Lady Gaga eben vollständig auf. Illegales Downloaden mag den einen wie ein Verbrechen scheinen, den anderen wie eine zwingende und deshalb vertretbare Folge der digitalen Vernetzung. Aber eigentlich ist es nur die neueste Facette der steinalten Farce, dass die Arbeit des Künstlers irgendwie weniger zählt. Denn die Ameise muss schuften und schuften, ihre Arbeit ist die des Fleißes und sie gewinnt nie im Lotto. Aber die Grille braucht ja nur ein bisschen Inspiration und zwei, drei gute Tage und hat schon den Hit gelandet, der sie ein Leben lang ernährt mit Limousine.

Drum herum gibt es viel Getue und Getute, Ideologien werden gesponnen, Parteien gegründet, Lobbys bezahlt, schließlich werden Gesetze entstehen, von denen man schon jetzt sagen kann, dass sie im besten Fall halbgar sein werden. Vieles findet im Verborgenen statt, vieles ist Inszenierung allein um des eigenen Vorteils willen, aber im Gewand eines dahervermuteten gesellschaftlichen Nutzens. Auf beiden Seiten.

Am Ende der ewigen Trauerfabel von der erfolglosen Grille ergibt sich nichts als eine Reihe von zu Recht weinerlichen Vorwürfen:

  • "Contentmafia" und "Raubkopie" sind entlarvende Kampfbegriffe, beide sind gleichermaßen erbärmlich und disqualifizieren ihren Verwender.
  • Ein neues Urheberrecht wird benötigt, das weder das Internet kastriert noch den Kulturschaffenden die Möglichkeit nimmt, ihre Produkte zu verkaufen, aber es wird nicht kommen, weil die Urheber zwischen Verwertern und Nutzern aufgerieben werden.
  • Alle sagen, dass sie Kunst und Kultur lieben und betonen ihre Relevanz, gerade für die Standortattraktivität, aber wenn es auf den einzelnen Künstler ankommt, heißt es in bestem Ameisisch: "Rauhe und arbeitsame Hand werden nie in die Armut geraten; entgegen müßige haben nichts andres zu gewarten als den Bettelstab."
  • Und schließlich schauen alle gemeinsam das Dschungelcamp, wo Grillen Grillen essen müssen, damit die Ameisen über sie lachen können. Tusch.

tl;dr

Künstler, Gesellschaft und Internet: Alles Scheiße, Deine Erna. P.S.: Wie immer also.

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insgesamt 106 Beiträge
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Seite 1
snuffwuff 03.04.2012
1.
Zitat von sysopWas für eine verlogene Debatte! Der Streit um Urheberrecht und Netzkontrollen ist hoffnungslos verfahren. Es geht schon lange nicht mehr um Kunst und Künstler, sondern nur noch um Stars. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,825385,00.html
herr lobo, habe nur die die überschrift und tl, dnr gelesen und spüre schon tiefe übereinstimmung, die ich mit dem evergreen "nichts neues unter der sonne" kundtun möchte. vor zehn jahren haben alle geglaubt, das internet überbringe der menschheit eine art geisteshostie; alle werden klüger, alles wird gerechter, usf. die wahrheit ist aber: "there are just more idiots. look around".
keenox 03.04.2012
2. Kunst kommt von Können
Da hat sich der Herr Künstler Lobo aber ein wenig verrannt. Nicht jeder der sich Künstler nennt, ist auch einer. Die meisten Leute wissen, dass sie nicht gut genug sind, um ihre Brötchen mit singen, malen oder tanzen verdienen zu können und wählen einen langweiligeren, aber einträglicheren Beruf. Diejenige, die es trotz fehlender Fähigkeiten versuchen (und manchmal auch kurzfristig schaffen), werden belächelt und etwas herablassend behandelt. Diejenigen, die über herausragende Fähigkeiten verfügen und deshalb Erfolg haben, werden entsprechend bewundert. Erfolg ist kein Selbstläufer. Es gibt immer einen Grund warum es Künstler zu Erfolg bringen und der hat fast immer mit Können zu tun. Der Rest der Argumentation von Herrn Lobo ist damit eigentlich hinfällig...
Onkel Uwe 03.04.2012
3.
Sehr nett und grundlegend nicht zu widersprechen, jedoch... es fehlen leider noch weitere Aspekte. Urheberrecht betrifft nicht nur Künstler. Auch und sehr sind Wissenschaftler davon betroffen, wenn Vermarkter von Veröffentlichungen Hand darauf legen. Dies wird immer und gerne übersehen. Ein sinnvolles Urheberrecht muss auch diesen Bereich korrekt abdecken.
mcmercy 03.04.2012
4.
Zitat von sysopWas für eine verlogene Debatte! Der Streit um Urheberrecht und Netzkontrollen ist hoffnungslos verfahren. Es geht schon lange nicht mehr um Kunst und Künstler, sondern nur noch um Stars. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,825385,00.html
Was will Herr Lobo uns eigetlich sagen. Dem erfolglosen Künstler kann das Uhrheberrecht natürlich völlig wurst sein, denn sein Ergüsse werden weder gekauft noch runtergeladen, damit ergeht es ihm aber nicht anders als dem Schreiner, der schiefe Tische baut. Kunst ist doch nicht wertvoll nur weil der Künstler sie dafür hält. Davon abgesehen ist es natürlich schon gewagt ehemalige DSDS oder GNTM Kanditaten als Künstler zu bezeichnen, da kann man auch gleich jeden, der in der Badewanne singt Künstler nennen. Fakt ist natürlich der erfolgreiche Künstler wird nicht zuletzt aufgrund des digitalen Zeitalters überdurchschnittlich entlohnt. Musste ein Shakespeare noch von Ort zu Ort ziehen um seine Kunst an den Mann zu bringen reicht heute einmal Youtube oder Itunes einstellen aus, um die Kohle einzufahren und selbt 75 Jahre nachdem der arme Kerl ins Gras bebissen hat verdienen die Verwertungsgesellschaften gut an seiner Hinterlassenschaft. Der Schreiner kassiert leider nur einmal für den Tisch, danach muss er einen neuen bauen.
MoorGraf 03.04.2012
5.
hier irrt Sascha und das gleich mehrfach erstens: "Verdienen" hat nichts (und hat auch noch nie) mit Arbeit zu tun gehabt; wenn ich etwas anbiete (z.B. meine Arbeitskraft oder ein Gemälde) hat das genau DEN Wert, den ein anderer dafür zu zahlen bereit ist. Im Fall eines Investmentbankers führt das viellelicht zu 100 Mio, im Fall eines Krankenpflegers vielleicht zu 30 T€ (jeweils p.a.); und wenn es jemand anderen gibt, der das gleiche für weniger anbietet (also der osteuropäische Krankenpfleger z.B.), wird der Preis fallen. Und bei Künstlern ist das genau so: wenn Lady Gaga 100€ Eintritt verlangt und hunderttausende das gerne zahlen, wird sie reich. Und wenn mir mit meinem Klavier maximal 100 Leute zuhören wollen und dann höchstens ein paar hundert Euro am Abend an (Brutto!) Einnahmen rauskommen: hat das wohl weniger mit meiner Arbeit, meinem vielen Üben, meinen Kompositonen oder der reinen Menge an Arbeitsstunden zu tun. aber hey, that´s live. (und dafür hab ich auch einen Zweitjob, der mir Auto, Klavier, Wohnung und Leben finanziert) der zweite Irrtum bei Sascha: das Internet hat vor allem eine Eigenschaft, die für Kulturschaffende relevant ist: es reduziert die Reproduktionskosten auf 0. Will sagen: wenn ich eine CD aufnehme und verkaufe (und Studio zahle, Druckkosten, Vermarktung, Distribution, Lieferung ...) trägt der Preis der CD ein Gesamtpaket an Aufwand, von denen mein Anteil als Künstler (Autor, Interpret und Produzent) ein sehr kleiner ist (rund 1€ pro CD); die Kopie im Internet etlässt mich von Vermarktung, Presskosten, Druckkosten, Distribution, Abrechnung etc.; und da verstehen es die meisten Kulturkonsumenten eben nicht, dass der Preis eines Downloads dann trotzdem gleich hoch ist, wie die gekaufte CD, was ich persönlich durchaus nachvollziehen kann; aus meiner Sicht fehlt es an vernünftigen (einfachen) Strukturen, wie ein fairer (von allen Seiten als fair empfundener) Preis zustande kommt und dann auch zur Abrechnung kommt. Wenn ich pro CD nur 1€ als Künstler und Produzent bekomme, die CD aber für 10€ bei iTunes gekauft werden muss, fehlt noch ein direkterer Weg, auf dem ich selber mich vermarkten kann. (und Amazon hat in Richtung Bücher da erste Ansätze, die zukunftsträchtig aussehen!) so oder so: Plattenfirmen, Verlage und das ganze Gedöhns wird den Weg von Q-Cells gehen, wenn sie nicht sehr schnell ihre Geschäftsmodelle aktualisieren
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