Netzwelt

Undercover-Aktion

Satiriker übernehmen rechte Facebook-Gruppen

In einer lange vorbereiteten Aktion hat die Satire-Partei Die Partei am Wochenende 31 AfD-nahe Facebook-Gruppen übernommen. Die AfD droht mit Strafanzeige. Doch der Initiator fühlt sich sicher.

Von

DPA

Schriftsteller, Aktivist und Satiriker Shahak Shapira

Montag, 04.09.2017   20:21 Uhr

Die Satire-Partei Die Partei hat am Wochenende 31 Facebook-Gruppen, die für die AfD warben, unter ihre Kontrolle gebracht. Den Mitgliedern der Gruppen werden seither Wahlwerbung für Die Partei und AfD-kritische Beiträge in die Timeline gespielt.

Die Aktion war offenbar lange geplant: Vor elf Monaten habe er begonnen, zusammen mit einigen Helfern diverse Facebook-Gruppen mit AfD-Bezug zu infiltrieren, sagt Satiriker Shahak Shapira. Die Teilnehmer der Aktion gaben sich als AfD-Sympathisanten aus, erwarben sich das Vertrauen der Betreiber der Gruppen und bekamen schließlich Administrationsrechte - und damit die Kontrolle über die Gruppen. Rund 180.000 Mitglieder sollen in diesen Gruppen organisiert gewesen sein.

Nach der Übernahme manipulierte Die Partei die Seiten der Facebook-Gruppen mit eigenen Logos. Zudem wurde jeweils an der obersten Position ein Video eingebaut, in dem Shapira als "Reichspropagandaleiter" die feindliche Übernahme erklärt. Von nun an würden die Nutzer "von echten Menschen verarscht", so Shapira in dem Video:

Die Partei kam erst spät dazu

Gegenüber dem SPIEGEL sagt Shapira, er und sein Team hätten bereits im November damit begonnen, die AfD-Gruppen zu infiltrieren. Ziel der Aktion sei es gewesen, "das Netzwerk zu stoppen", das sich über Facebook verbreitet hätte. Einen genauen Plan habe es jedoch nicht gegeben.

Die Zusammenarbeit mit der Partei des Satirikers Martin Sonneborn kam erst spät zustande. "Die Idee kommt von Shahak Shapira, wir als Partei sind Profiteure der Aktion", bestätigte Nico Wehnemann, einer der neuen Administratoren der gekaperten Facebook-Gruppen.

Seit der Übernahme fluten Die Partei-Anhänger und AfD-Kritiker die Gruppen mit Beiträgen. "Ich und mehrere andere sind jetzt zwar Administratoren dieser Gruppen, aber wir überlassen das Feld nun weitgehend den neuen Gruppenmitgliedern", sagt Wehnemann. "Da wird jetzt munter diskutiert, unsere Aktion beflügelt die Meinungsvielfalt innerhalb der Gruppen. Klar gibt es auch eine Abwanderungsbewegung der alteingesessenen Mitglieder."

Androhung von Strafanzeigen

Der hessische AfD-Politiker Carsten Härle beklagt, die Seiten seien auf einmal voller "Unsinn" gewesen. Nun versucht er, die Gruppe "AfD-Fanclub" wiederzubeleben. Die neue Version der Gruppe hat aktuell vier Mitglieder, inklusive dem Administrator. Die Vorgänger-Seite, die jetzt "Die Partei-Fanclub" heißt, hatte gut 5000 Mitglieder.

Härle, der selbst schon mal wegen rechtsextremer Äußerungen auf Facebook in der Kritik stand, will juristisch gegen Shapira und Die Partei vorgehen. Er gehe von Betrug aus und wolle Strafanzeige stellen. "Das ist, als würden Sie jemandem die Haustürschlüssel wegnehmen und die Schlösser austauschen, sodass er nicht mehr in sein Haus kommt", sagt er über das Vorgehen der Aktivisten. Auf welchen Paragrafen er sich beziehen wolle, "müsse man noch schauen".

Der AfD-Landtagsabgeordnete Jan Bollinger indessen glaubt an eine Verschwörung: Shapira und seine Helfer hätten die Facebook-Seiten selbst erstellt, um AfD-Sympathisanten in die Falle zu locken.

Shapira selbst fühlt sich auf der sicheren Seite. Die Administratorenrechte seien den Aktivisten aus freien Stücken übertragen worden.

Facebook äußerte sich auf Nachfrage nicht zu dem Fall.

Mitarbeit: Angela Gruber

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