Undercover-Aktion Satiriker übernehmen rechte Facebook-Gruppen

In einer lange vorbereiteten Aktion hat die Satire-Partei Die Partei am Wochenende 31 AfD-nahe Facebook-Gruppen übernommen. Die AfD droht mit Strafanzeige. Doch der Initiator fühlt sich sicher.

Schriftsteller, Aktivist und Satiriker Shahak Shapira
DPA

Schriftsteller, Aktivist und Satiriker Shahak Shapira

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Die Satire-Partei Die Partei hat am Wochenende 31 Facebook-Gruppen, die für die AfD warben, unter ihre Kontrolle gebracht. Den Mitgliedern der Gruppen werden seither Wahlwerbung für Die Partei und AfD-kritische Beiträge in die Timeline gespielt.

Die Aktion war offenbar lange geplant: Vor elf Monaten habe er begonnen, zusammen mit einigen Helfern diverse Facebook-Gruppen mit AfD-Bezug zu infiltrieren, sagt Satiriker Shahak Shapira. Die Teilnehmer der Aktion gaben sich als AfD-Sympathisanten aus, erwarben sich das Vertrauen der Betreiber der Gruppen und bekamen schließlich Administrationsrechte - und damit die Kontrolle über die Gruppen. Rund 180.000 Mitglieder sollen in diesen Gruppen organisiert gewesen sein.

Nach der Übernahme manipulierte Die Partei die Seiten der Facebook-Gruppen mit eigenen Logos. Zudem wurde jeweils an der obersten Position ein Video eingebaut, in dem Shapira als "Reichspropagandaleiter" die feindliche Übernahme erklärt. Von nun an würden die Nutzer "von echten Menschen verarscht", so Shapira in dem Video:

Die Partei kam erst spät dazu

Gegenüber dem SPIEGEL sagt Shapira, er und sein Team hätten bereits im November damit begonnen, die AfD-Gruppen zu infiltrieren. Ziel der Aktion sei es gewesen, "das Netzwerk zu stoppen", das sich über Facebook verbreitet hätte. Einen genauen Plan habe es jedoch nicht gegeben.

Die Zusammenarbeit mit der Partei des Satirikers Martin Sonneborn kam erst spät zustande. "Die Idee kommt von Shahak Shapira, wir als Partei sind Profiteure der Aktion", bestätigte Nico Wehnemann, einer der neuen Administratoren der gekaperten Facebook-Gruppen.

Seit der Übernahme fluten Die Partei-Anhänger und AfD-Kritiker die Gruppen mit Beiträgen. "Ich und mehrere andere sind jetzt zwar Administratoren dieser Gruppen, aber wir überlassen das Feld nun weitgehend den neuen Gruppenmitgliedern", sagt Wehnemann. "Da wird jetzt munter diskutiert, unsere Aktion beflügelt die Meinungsvielfalt innerhalb der Gruppen. Klar gibt es auch eine Abwanderungsbewegung der alteingesessenen Mitglieder."

Androhung von Strafanzeigen

Der hessische AfD-Politiker Carsten Härle beklagt, die Seiten seien auf einmal voller "Unsinn" gewesen. Nun versucht er, die Gruppe "AfD-Fanclub" wiederzubeleben. Die neue Version der Gruppe hat aktuell vier Mitglieder, inklusive dem Administrator. Die Vorgänger-Seite, die jetzt "Die Partei-Fanclub" heißt, hatte gut 5000 Mitglieder.

Härle, der selbst schon mal wegen rechtsextremer Äußerungen auf Facebook in der Kritik stand, will juristisch gegen Shapira und Die Partei vorgehen. Er gehe von Betrug aus und wolle Strafanzeige stellen. "Das ist, als würden Sie jemandem die Haustürschlüssel wegnehmen und die Schlösser austauschen, sodass er nicht mehr in sein Haus kommt", sagt er über das Vorgehen der Aktivisten. Auf welchen Paragrafen er sich beziehen wolle, "müsse man noch schauen".

Der AfD-Landtagsabgeordnete Jan Bollinger indessen glaubt an eine Verschwörung: Shapira und seine Helfer hätten die Facebook-Seiten selbst erstellt, um AfD-Sympathisanten in die Falle zu locken.

Shapira selbst fühlt sich auf der sicheren Seite. Die Administratorenrechte seien den Aktivisten aus freien Stücken übertragen worden.

Facebook äußerte sich auf Nachfrage nicht zu dem Fall.

Mitarbeit: Angela Gruber



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
marcst 04.09.2017
1. Wer nicht mal einen Facebook-Account verwalten kann
dem sollte man bestimmt nicht die Leitung eines Landes anvertrauen.
tiefenbass 04.09.2017
2.
Oh man, wenn man sich mal die Mühe macht, die Inhalte vor dem Übernahmezeitpunkt herbei zu scrollen, kommt ein Einheitsbrei à la "Merkel hier, Mutti da" hervor - offensichtlich Urtypen der Filterbläschen :-) Anscheinend sind AfD-Fans derart begeistert von der amtierenden Kanzlerin, dass diese jeden einzelnen Video-Schnipsel von ihr gesammelt hatten und mit Brechstange zu Memen hypen wollten. Eine sehr feine Aktion eigentlich: so wie die AfD-Wähler den Rechten freiwillig das demokratische Land auf einem Silbertablett ausliefern wollen, haben sie die Adminrechte auf demselben freiwillig der sehr guten Partei "Die Partei" serviert- und diese hat jetzt halt sehr gut zugelangt ;-)
quark2@mailinator.com 04.09.2017
3.
Also sehe ich das richtig - eine Partei, die für den Bundestag kandidiert kapert die interne Kommunikation einer anderen Partei, die ebenfalls für den Bundestag kandidiert - kurz vor der Wahl ... und das steht bei SPON nicht ganz oben, da ermittelt nicht der Staatsschutz ? Aus meiner Sicht ist das ein direkter Angriff auf die Demokratie und so etwa mit Watergate zu vergleichen, nur natürlich in kleinerem Maßstab. Wieso ist das "witzig" oder "legitim" ? Weil die AfD gerade die Rolle der ehem. PDS inne hat, also die Partei, die zwar nennenswert Wählerstimmen erhält, in Parlamenten sitzt und eben nicht gegen das Grundgesetz verstößt, aber dennoch von jedem gesteinigt werden kann, der gerade Bock drauf hat, weil einige Idioten in dieser Partei totalen Blödsinn reden ? Wo bin ich hier ? Freiheit ist die Freiheit der Andersdenkenden. Also bitte ! Zerstört nicht das, welches zu verteidigen ihr vorgebt.
Phleon 05.09.2017
4. Ich habe ja so Mitleid.
Die Spam-Bot-Gruppen die dafür gedacht sind, Benutzer mit braunen Botschaften überfluten um ihr Weltbild zu verzerren sind ihrerseits ebenfalls infiltriert worden, on nein, wie furchtbar! Ist das nicht ein wunderbares Zeitalter? Es gewinnt der am meisten Zuspruch, der die größte Spamwelle, das größte Botnetz in sozialen Netzwerk aufweisen kann. Es prüft niemand und interessiert niemand wie viele Falschmeldungen dabei kursieren. In Monaten gar Jahren der Infiltration verändern sich die Weltbilder. Man vergisst irgendwann woher man die Informationen hat, aber der Gehalt bleibt im Hirn. Die Menschen verändern sich. Das sind dann irgendwann nicht einfach Meinungen zu einem Thema. Das sind tief verwurzelte Emotionen. Und tolle Philosophen zerbrechen sich darüber die Köpfchen welche Ursachen der Rechtsruck, der neue Hass nun hat, welche Enttäuschungen dafür besonders verantwortlich sind: Denkt ruhig weiter. Denn es spielt überhaupt keine Rolle, welche Geschehnisse dafür verantwortlich sind. Hier habt ihr eure Ursache. Und nein, es bringt auch überhaupt nicht hassfreie Zonen zu gestalten. 1. Es gibt eine Gruppe von Menschen die ihre Informationen versuchen aus glaubwürdigen Quellen zu beziehen. Das ist die kleinste Gruppe. 2. Die zweite Gruppe besteht aus Menschen die in sozialen Netzwerken kaum angebunden sind, teils wegen dem Alter. Diese Gruppe wird aussterben. 3. Die dritte Gruppe ist die Gruppe, die in sozialen Netzwerken und im Netz gut angebunden ist, aber sonst nicht viel Ahnung oder Interesse besitzt. Es ist noch keine große Gruppe. Es wird aber die größte Gruppe werden. Diese Gruppe wird für diese Art der Wissensverteilung die anfälligste werden, das was früher einmal der typische Bild-Leser war.
c.PAF 05.09.2017
5.
Es wurde nicht die interne Kommuikation gekapert, sondern nur eine belanglose Facebook-Seite.
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