MySpace, Flickr, Delicious: Rückkehr der Web-Zombies

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MySpace, Flickr, Delicious: Das waren einst die erfolgreichsten Online-Dienste, die ersten Netzwerke im Web für Musik, Fotos und Bookmarks. Das ist Jahre her - nun greifen die Großen von damals wieder an.

Zehn Jahre alte Web-Dienste: Sie kommen wieder Fotos

Gegründet, verkauft und dann nur noch verwaltet - so ist es den drei einst großen Web-Diensten MySpace, Flickr und Delicious ergangen. MySpace war 2003 eines der ersten sozialen Netzwerke überhaupt, 2006 hatte der Dienst 100 Millionen registrierte Nutzer, 2008 setzte die Firma 800 Millionen Dollar um. Da gehörte MySpace schon ein paar Jahre zum Medienkonzern News Corporation. Facebook kam, MySpace reagierte nicht schnell genug auf die Konkurrenz und war bald abgehängt.

Ähnlich ist es der Fotoseite Flickr und dem Lesezeichendienst Delicious ergangen: Yahoo übernahm die Firmen 2005, dann ging es nicht mehr so recht voran, andere machten vieles besser. Immerhin war der Absturz nicht so steil wie bei MySpace.

Jetzt greifen diese drei Pioniere wieder an, unter neuer Führung geben die Firmen mehr Geld aus für Entwicklung und Innovation - und die ersten Ergebnisse können sich sehen lassen.

MySpace: Hier spielt die Musik

MySpace: 2013 startet das Musiknetzwerk komplett überarbeitet neu Zur Großansicht

MySpace: 2013 startet das Musiknetzwerk komplett überarbeitet neu

Was, es gibt MySpace noch? Das vor zehn Jahren gestartete soziale Netzwerk rund um Musik wurde in den vergangenen Jahren schon oft totgesagt. Mitte 2011 übernahm die Werbefirma Specific Media das Netzwerk, angeblich für nur 35 Millionen Dollar.

Das Unternehmen hat das Angebot komplett neu gestaltet, einige Nutzer können die neue MySpace-Version derzeit schon nutzen. Wann das schicke MySpace für alle freigeschaltet wird, ist unklar. Die Seite ist sehr elegant gestaltet: Serifenlose Schrift, viel Weißraum, die Navigation ist in Blau- und Grautönen gehalten, farbig sind nur die großen Fotos und Videos der Künstler. Der Browser-basierte Musik-Player funktioniert sehr gut: Man kann eigene Mixe aus Stücken auf den Seiten der Künstler zusammenstellen; loggt man sich an einem anderen Rechner ein, spielt der Song da weiter, wo er beim Schließen der Seite abbrach. Auch Musikvideos laufen so weiter.

Die Musik- und Videoauswahl ist bisher allerdings enttäuschend. Nur 29 Sekunden von Carly Rae Jepsens "Call Me Maybe" sind vielleicht sogar ein Segen. Aber nur zwei Lieder vom aktuellen The-XX-Album? Nur eine Handvoll kurzer Ausschnitte aus den knisternden Collagen von Kyoka? Und warum fehlt Godspeed You! Black Emperor?

2003 fand man auf MySpace Musik, die es anderswo im Netz nicht so einfach gab. Künstler und Labels hatten die Lieder für ihre Fans hochgeladen. Das war neu und aufregend, MySpace war schnell Hunderte Millionen Dollar wert. Seitdem ist allerdings viel passiert: Musik gibt es auch auf YouTube. Mit Spotify, Pandora, Last.fm oder Simfy existieren außerdem Musikdienste, die so ziemlich alles bereitstellen, was es auch zu kaufen gibt. Künstler stellen heute exklusive Mixe, Live-Aufnahmen und neue Werke bei Soundcloud ein. Obendrein vernetzen sie noch ihre Nutzer untereinander.

Mit einem löchrigen Musikangebot wird es das neue MySpace gegen die zahlreichen Konkurrenten schwer haben, auch wenn es noch so gut aussieht. Eine Browser-Version von Spotify, die so klar und elegant gestaltet ist wie das neue MySpace - so müsste ein Musik-Netzwerk 2013 aussehen.

Flickr: Ich sehe was, was du nicht siehst

Flickr: Das Foto-Netzwerk erneuert sich nach langem Schlaf Zur Großansicht

Flickr: Das Foto-Netzwerk erneuert sich nach langem Schlaf

So richtig weg war Flickr nie, allerdings schlummerte die Fotoseite zuletzt vor sich hin. Der 2004 gegründete Dienst wurde 2005 von Yahoo übernommen, Mitte 2011 hatte Flickr 51 Millionen registrierte Nutzer, es gab kaum Neuerungen, das Design und die Apps wirkten altbacken.

Das ist schlecht für einen Dienst, der Fotos präsentiert. Flickrs Problem: Die breite Masse teilt ihre Spaßfotos bei Facebook. Fotografen nutzen immer mehr die elitären, an ambitionierte Nutzer gerichteten Seiten von 500px und 1x. Diese jungen, kleinen Konkurrenzangebote zu Flickr sehen besser aus als der Veteran.

Doch Flickr holt seit Monaten auf. Bei der Neugestaltung der App und der Web-Version erinnert einiges an die schönsten Funktionen von 500px. Flickr zeigt inzwischen die interessantesten neuen Aufnahmen und Fotos der eigenen Kontakte und bestimmter Gruppen in einer schönen Fototapeten-Ansicht: Aufnahmen in verschiedenen Zuschnitten werden so zusammengepuzzelt, dass sie bündig, ohne Lücken nebeneinander stehen. So zeigt 500px Fotos schon seit langem. Dort sind die einzelnen Aufnahmen in einem solchen Bilderfluss allerdings größer als bei Flickr, was besser aussieht.

Wie es 500px schon lange tut, zeigt auch Flickr inzwischen Details zu Aufnahmen - wie Belichtungszeit, ISO-Empfindlichkeit und so weiter - prominent rechts neben den Fotos (wobei Flickrunverständlicherweise Angaben zu Brennweite und Kamera an unterschiedlichen Orten zeigt). Flickr will mit solchen Details die Profis und Hobbyfotografen ansprechen.

Die neue Flickr-Anwendung fürs iPhone sieht fast so gut aus wie das 500px-Vorbild: Man kann durch die neuen Aufnahmen von Fotografen im eigenen Umfeld streichen. Durch ein bestimmtes Portfolio wischt man horizontal, durch alle Portfolios aus dem Flickr-Bekanntenkreis vertikal. Unverständlich ist allerdings, dass Flickr nach wie vor die hohe Auflösung des neuen iPad nicht unterstützt. Das nämlich ist das ideale Gerät zum Sichten von Fotos. 500px hingegen zeigt Fotos bildschirmfüllend, auch auf dem neuen iPad. Flickr konzentriert sich vielleicht auch aus einem anderen Grund auf die iPhone-App: Die Nutzer sollen unterwegs fotografieren, mit ihren Smartphones. Dafür hat Flickr eine Reihe von Filtern integriert, ganz ähnlich, aber nicht so schön wie das Vorbild Instagram.

Noch ist Flickr nicht ganz vorne bei der Präsentation großartiger Fotos dabei, aber immerhin bewegt sich der Dienst wieder in die richtige Richtung.

Delicious: Guck mal, wer da klickt

Delicious: "Entdecken" und "Erinnern" sind die wichtigsten Funktionen des Archivs Zur Großansicht

Delicious: "Entdecken" und "Erinnern" sind die wichtigsten Funktionen des Archivs

Ein soziales Netzwerk rund um Lesezeichen: Vor zehn Jahren startete Delicious. Mit dem kostenlosen Dienst konnte man Links nicht länger nur in Ordner und Unterordner wegsortieren, sondern ganz praktisch mit Tags versehen. Außerdem wusste Delicious, welche Seiten zu bestimmten Tags gerade weltweit besonders häufig gespeichert werden: ein Linkverzeichnis mit menschlicher Auswahl, genauer als jeder Roboter. Zwei Jahre später wurde Delicious von Yahoo übernommen.

Doch Yahoo kümmerte sich kaum. Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook kamen, schickere Websites mit mehr Funktionen übernahmen die Pulsmesser-Funktion des Web. Delicious geriet langsam in Vergessenheit, weiterhin gerne genutzt von Menschen, die bereits Tausende Bookmarks dort gespeichert und verschlagwortet hatten. Ein Entwickler startete 2009 aus Frust über ein neues Delicious-Design eine kostenpflichtige Alternative. Zu der flüchteten viele Fans, als 2010 klar wurde, dass sich Yahoo von Delicious trennen würde.

Delicious wurde im April 2011 an Avos Systems verscherbelt. Die neuen Eigentümer, die einstigen Gründer von YouTube, sahen sich als Retter und versprachen: Delicious bleibt und wird noch viel besser. Erst mal wurden die lange vernachlässigten Browser-Erweiterungen erneuert, dann die Startseite mit Vorschaubildern bunter gemacht und eine iOS-App entwickelt. Die sieht schick aus, funktioniert allerdings nicht. Außerdem kann man sich nun auch mit Facebook oder Twitter bei Delicious anmelden und muss keinen Extra-Account anlegen. Auch die Website wird renoviert. Ein neues Design (siehe Fotostrecke) soll noch im Januar starten: "Entdecken" und "Erinnern" heißen künftig die beiden wichtigsten Funktionen der Seite.

Bleibt die Frage, ob noch genügend Menschen Bookmarks speichern wollen - oder nicht doch bei der täglichen Dosis Informationen auf ihre sozialen Netzwerke vertrauen und als Archiv die Google-Suche einsetzen.

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