Diffamierungen Identitätsdiebstahl 2.0

Was haben eine deutsche Studentin und ein australischer Richter gemeinsam? Beide verfügen unfreiwillig über einen virtuellen Doppelgänger. MySpace, StudiVZ und Web 2.0 machen's möglich.

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Michael Kirby geht mit der Zeit. Der Mann besitzt einen eigenen Account bei der Internetplattform MySpace. Das ist ungewöhnlich für einen 67-Jährigen, noch ungewöhnlicher aber für einen Richter am Obersten Verfassungsgericht Australiens - auch wenn Kirby alles andere als eine graue Maus unter Australiens Juristen ist. Seit er sich 1999 als erster hochrangiger Richter Australiens als homosexuell outete, genießt der Mann fast Popstar-Status.

MySpace, "Ein Ort für Freunde": Offenbar nicht nur

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Umso unerfreulicher war dieser Tage die Meldung, dass Kirby noch über ein zweites MySpace-Profil verfüge - das unter anderem ein Foto des Richters gemeinsam mit einer Blondine und der Überschrift "Ich bin ein Zuhälter" zeigt. Außerdem enthält die ohne Passwort frei zugängliche Seite, die in dieser Form seit mindestens 15 Monaten existiert, neben weiterem zotigen Schmuddelkram einige Links zu rechtsextremistischen Gruppierungen in den USA.

Eine Sprecherin des Richters teilte mit, Kirby habe von dieser Seite nichts gewusst und werde sofort nach seiner Rückkehr von einer USA-Reise für Entfernung sorgen. MySpace Australien gab sich überrascht. Diese Art der Diffamierung durch Fake-Accounts sei bisher einzigartig, Identitätsdiebstahl sei bei der Plattform eigentlich kein Problem. Die meisten Seiten, die von Dritten im Namen einer anderen Person erstellt würden, kämen von Fans, behauptet eine Firmensprecherin: "Ich habe noch nie gehört, dass jemand aus boshaften Gründen ein Profil erstellt hätte."

Der "Sydney Morning Herald" berichtete außerdem, dass sich das Unternehmen weigerte, die wirklichen Urheber des gefälschten Profils auch nur zu kontaktieren. Immerhin streiche MySpace Profile aus dem Angebot, wenn klar werde, dass diese jemanden diffamieren (das ist mittlerweile geschehen).

Schmuddeliger Doppelgänger

Genau zur selben Zeit schilderte Medienexperte Jörg-Olaf Schäfers den Fall einer deutschen Studentin mit einem ähnlichen Problem. Schäfers zitiert ein Posting der jungen Frau in einem Forum des Studentennetzwerks StudiVZ vom 3. Januar, "eine gewisse Person hat sich hier unter meinem Namen angemeldet, alte Bilder von mir hochgeladen und dazu noch meine Handynummer für 'Freunde' weitergegeben". Trotz Meldung beim Support sei bisher keine Reaktion erfolgt.

Diese beiden Beispiele beleuchten ein grundsätzliches Problem sämtlicher unter dem schönen Wort "Web 2.0" zusammengefassten Netzwerke: stimmt das überhaupt, was die Leute dort über sich und andere erzählen? Ist ein Nutzer wirklich die Person, für die er sich ausgibt?

Zunächst wurde diese Frage für die Online-Enzyklopädie Wikipedia virulent, wo bekanntlich jeder Nutzer ohne Anmeldung jeden Eintrag ändern, erweitern oder kürzen kann. Was besonders in jüngerer Zeit von Politikern und Marketing-Strategen entdeckt wurde, die so glauben, ihrem Ruf zu ein wenig mehr Glanz verhelfen zu können.

Nun sind diese Vorgänge zwar ärgerlich, haben aber keine unmittelbaren finanziellen Folgen für die Non-Profit-Veranstaltung Wikipedia. Höchstens der Ruf der "Schwarmintelligenz" könnte durch einen extensiven Missbrauch leiden - mittelfristig wäre das wohl durchaus zum Nachteil des auf Spenden angewiesenen Internet-Lexikons. Allerdings existieren mittlerweile einige Vorsichtsmaßnahmen: Zur Abwehr unlauterer Umtriebe können strittige Seiten nur für angemeldete Nutzer zugänglich sein oder sogar ganz für jede Bearbeitung gesperrt werden.

Nur echte Daten sind Kapital

Doch bei kommerziell orientierten Plattformen wie MySpace oder StudiVZ spielt die Frage nach der Echtheit der Profile eine ganz andere Rolle, denn diese Accounts und die möglichst detaillierten Angaben zu den registrierten Personen sind das wesentliche, wenn nicht einzige Kapital dieser Seiten.

Jeder ein Publisher: Wie bei MySpace gewähren die meisten Web-2.0-Angebote ihren Nutzern Publikationsrechte, ohne ihre Identität zu prüfen
DER SPIEGEL

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Denn irgendwann wollen die Besitzer ihre Investitionen wieder hereinholen, entweder durch einen gut dotierten Weiterverkauf oder gewinnträchtigen Umsatz. Den zu erreichen, dürfte in der Regel mit kostenpflichtigen Vip-Accounts oder möglichst auf die individuellen Profile zugeschnittenen Anzeigen (die natürlich nicht so, sondern "Informationen" heißen werden) und vergleichbaren Angeboten versucht werden. Wie aber die Nutzerdaten auf ihre Echtheit hin überprüfen? Denn eine Plattform, die zur Hälfte aus "James Bonds" und "Jogibären" besteht, lohnt weder als Investment noch als werberelevante Zielgruppe.

Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die Authentizität eines Nutzerprofils zu überprüfen. Ebay erledigt das in Deutschland seit Jahren über eine Schufa-Abfrage, andernorts muss sich der Nutzer via SMS oder einer Miniüberweisung von seinem Konto beglaubigen. Beides ist nur mit einem gültigen Ausweis machbar - denn auch SIM-Karten gibt es in Deutschland (wie den meisten Ländern) nur nach Vorlage des Ausweises.

Im Fall von Netzwerken mit einer sehr jungen Zielgruppe verbieten sich jedoch umständliche und komplizierte Anmeldungswege. Hier scheinen sich das Konzept der Plattform und eine glaubwürdige Datenvalidierung sogar geradezu auszuschließen. Ein Angebot wie StudiVZ untersagt in seinen AGB zwar das Anlegen von Fake-Accounts, aber tatsächlich wird der Nutzerkreis ("Studenten") nicht einmal durch die Pflicht eingeschränkt, bei Anmeldung eine Uni-E-Mailadresse angeben zu müssen.

Kostspielige Datenvalidierung

Von Seiten der Betreiber dürfte das Interesse an einer Datenvalidierung schon aus finanziellen Erwägungen nicht besonders hoch sein. Ein Portal mit mehreren tausend Neuanmeldungen pro Tag müsste zur Überprüfung von deren Echtheit einen immensen Personalaufwand treiben, der in keinem Verhältnis zum erhofften Ertrag pro Nutzer steht. Eine nachträgliche Überprüfung dürfte an den gleichen Hindernissen scheitern, zusätzlich droht eine Berichtigung des Datenmaterials - und damit möglicherweise eine peinliche Korrektur der Nutzerzahlen nach unten.

Im Klartext: Von den Millionen Nutzerprofilen auf Netzwerkseiten, bei den YouTubes, Freemail-Diensten und anderen Web-Angeboten in aller Welt sind vieles Doppel- und Dreifachanmeldungen - und es gibt immer mehr Karteileichen. Wie viele genau, ist ungeklärt. Hier Ordnung und Transparenz zu schaffen, ist nicht im Interesse eines Veranstalters, der sein Projekt bald durch Verkauf oder Börsengang möglichst gewinnbringend versilbern will. Oder der sich davon ernährt, sein Millionenpublikum gewinnbringend der Werbewirtschaft anzudienen.

Das Dilemma offener Netzwerke ist also gleich ein mehrfaches: Der Datenschutz steht sich selbst im Wege. Anonymität im Netz ist ohne Zweifel ein hohes und schützenswertes Gut. Zum Beispiel käme kein Forum zur Beratung über Krankheiten ohne diesen Schutz aus. Gleichzeitig aber wird so jeder durch anonyme Stalker, Betrüger und sonstige Belästiger verwundbar.

Auch das Paradoxon der Wirtschaftlichkeit einer offenen Plattform scheint nicht ohne weiteres auflösbar. Ihr einziger Wert, das Vorhandensein wirklicher Menschen hinter wahrheitsgemäß angelegten Nutzer-Accounts, wird durch die Notwendigkeit einer möglichst mühelosen Anmeldung konterkariert.

So sollte jeder, der solche Angebote im Internet nutzen möchte, sich genau darüber im Klaren sein, wie viel er von sich preisgeben möchte – und zu welchem möglichen Preis.



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