Digitale Bohème Faria, faria ho

Lustig ist das Zigeunerleben: Berlins digitale Bohème feiert sich auf dem Festival "9to5. Wir nennen es Arbeit" und hält die Selbstvermarktungs-Riesenmaschine in Schwung. Die Größen von Blogistan geben sich ein Stelldichein, eigentlich aber bewegt sich gar nichts.

Von Helmut Merschmann


Das schöne Geld! Es gab Zeiten, als die Musikindustrie noch nicht am Boden lag und Musiker anständig Geld verdienten. Die britische KLF (Kopyright Liberation Front) war so eine Formation, die Anfang der neunziger Jahre mit einigen Trance-Hits die Charts stürmte. Bill Drummond und Jimmy Cauty verstanden sich aber nicht allein als Musiker, sondern als Künstler. Sie verfassten das Buch "The Manual – How to have a number one (the easy way)", und in einer spektakulären Aktion verbrannten sie am 23. August 1994 eine Million britische Pfund. Ein Video, das Donnerstagnacht auf dem Festival "9to5. Wir nennen es Arbeit" gezeigt worden ist, legt davon Zeugnis ab.

Auch zur Jahrtausendwende wurde in jungen Start-up-Firmen viel Geld verbrannt. Einige auf dem Festival Anwesende mögen damit ihre Erfahrungen gemacht haben. Heute gibt es nichts mehr zu verschenken. Stattdessen gilt eine neue Losung. "Eine wachsende Gruppe gut ausgebildeter und produktiver Zeitgenossen", glaubt Holm Friebe, künstlerischer Leiter des Festivals und damals selbst in Werbeagenturen tätig, "pfeift auf die klassische Karriere, verweigert den loyalen Gehorsam in der Festanstellung und schert aus dem Rattenrennen der Angestelltenkultur aus."

Sie nennen es Arbeit

Gewöhnlich sitzen sie in der Mittagssonne in einem Café am Prenzlauer Berg, surfen mit dem iBook durch die Weltgeschichte, nippen am Latte und nennen es Arbeit: Berlins digitale Bohème. Sonnenscheue zieht’s ins Café Oberholz nach Mitte, wo eine ganze Armada urbaner Penner den schrammeligen Laden in einen Showroom der Firma Apple verwandelt. Heute aber kommen pünktlich um 21 Uhr Heerscharen von Freiberuflern ins Radialsystem, wo sonst hehre Körperkunst zelebriert wird und nun der Fun-Kongress tanzt. Etwa 500 Leute verteilen sich auf dem großzügigen, an der Spree gelegenen Gelände und lauschen den Einsichten von Tom Hogdkinson, der im beigen Dandy-Anzug ein Anarcho-Manifest verkündet: "Death to the Supermarkets".

Die revolutionäre Attitüde gefällt der digitalen Bohème, der bewusst ist, dass sie aus ihrer Not bloß eine Tugend macht. In Berlin und anderswo gibt es nicht genügend Jobs für die gut ausgebildete "kreative Klasse". Es gründen sich zwar immer mehr Firmen und die Umsätze steigen, doch sind Festanstellungen in der Berliner Kreativwirtschaft in den vergangenen fünf Jahren um elf Prozent zurückgegangen. Tendenz anhaltend. Also macht die vereinigte Projektarbeiterschaft das Beste aus ihrer Situation und propagiert lautstark selbstbestimmtes Arbeiten - auf einem von der Bundeskulturstiftung finanzierten Festival.

Das Rad neu erfinden braucht hier niemand. Am ersten Festivalabend sind mit Rainer Langhans und dem Münchner Harem einige Altkommunarden mit einschlägigen Hilf-dir-selbst-Erfahrungen anwesend. Buchautor Bernd Cailloux stellt das "Geschäftsjahr 1968/69" vor, als seine Firma "Muße Gesellschaft" das Stroboskop erfand und erfolgreich vermarktete. Und Jörg Schröder vom ehemaligen März-Verlag berichtet von einer in den siebziger Jahren in Frankfurt gegründeten "ironischen Firma", Bismarc Media, deren einziger Zweck es war, Konzepte, die nie verwirklicht wurden, am laufenden Band zu erfinden.

Nichtvermarktungs-Vermarktung

Dies ist ganz im Sinne der von Holm Friebe geleiteten Zentralen Intelligenz Agentur, die sich als virtuelles Unternehmen begreift "für Menschen, die in keiner klassischen Firma funktionieren würden". Was diese Leute aber par excellence beherrschen, ist die Selbstvermarktung. Durch pausenloses Bewerben der eigenen Aktivitäten in Form von Büchern, Blogs und Partys haben die Berliner Digitalmatadore sich einen der vorderen Tische im Café Bohème erkämpft. Drumherum sitzen weitere "Superberliner", wie sie die "Süddeutsche Zeitung" nennt, die die Aufmerksamkeits-Riesenmaschine in Gang halten.

In Joachim Lottmanns Blog "Auf der Borderline nachts um halb eins", live auf dem Festival fortgeschrieben, spielt Organisator Holm Friebe quasi eine Hauptrolle. Zusammen mit Mercedes Bunz will dieser sich am Samstag Gedanken über einen "linken Neoliberalismus" machen. Wo bleibt eigentlich Stefan Niggemeier, Deutschlands berühmtester Blogger, der die Selbstvermarktung bis ins Fernsehen treibt? Ah, der ist auch erst am Samstag an der Reihe.

So funktioniert das heutzutage! Und dagegen wäre auch gar nichts zu sagen, wenn nicht ständig historisch peinliche Grußadressen verlautbart würden. Mit dem Tunix-Kongress von 1978 fühlt man sich verwandt, die jungsozialistischen Falken, die am gestrigen Abend ihren 100. Geburtstag feierten, werden gegrüßt und der ver.di-Zentrale am gegenüberliegenden Spreeufer zugewunken.

Dort steht in riesigen Lettern "Würde hat ihren Wert, Arbeit hat ihren Preis" zu lesen. Ob bei ver.di allerdings das Referat "Wie ich die Dinge geregelt kriege - ohne einen Funken Selbstdisziplin" großen Anklang fände, bleibt dahingestellt. Dahinter scheint eine Haltung zu stecken, die die ehemalige Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler als "Bohèmehaftigkeit auf der Grundlage einer späteren Erbschaft" bezeichnet. Doch darüber möchte niemand reden.

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Version dieses Artikels, der vor Ablauf des letzten Kongresstages fertig gestellt und veröffentlicht wurde, ging der Autor noch von der Anwesenheit des Bloggers Johnny Haeusler beim Kongress aus. Der war dort aber nicht erschienen. Wir haben den Satz gelöscht und bitten den Fehler zu entschuldigen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.