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Digitale Gedenkstätte: Jad Vashem öffnet seine Holocaust-Archive

Jad Vashem in Jerusalem ist die erschütterndste Gedenkstätte zum Nazi-Massenmord am jüdischen Volk - und ein stetig wachsendes Erinnerungsarchiv. Mit der Unterstützung von Google macht es seine Archive nun digital zugänglich und erlaubt Einblicke von beängstigender Intensität.

Jad Vashem: Blick zurück in schlimmste Zeiten Fotos

Tel Aviv/Hamburg - Eine Quelle, zwei Fotos, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Auf dem ersten sieht man vier junge Frauen und Mädchen, die für die Kamera posieren. Möglichst erwachsen, ein wenig zu ernst. Auf dem zweiten Bild liegt ein verhungerndes Kleinkind sterbend auf einem Bürgersteig. Ein paar Halbwüchsige gehen vorbei, schauen nur halb hin: Es ist klar, dass die Szene zu ihrer fürchterlichen Normalität gehört. Zwischen den Bildern liegen wenige Jahre - und sechs Millionen Tode, die vom deutschen Nazi-Regime systematisch und industriell organisiert betrieben wurden.

Jad Vashem in Jerusalem gilt als wichtigste Gedenkstätte an diesen Massenmord, das Archiv der dortigen Sammlung ist berühmt und wächst ständig: Es versammelt und zeigt Bilder aus einer europäisch-jüdischen Lebenswelt vor der Katastrophe, die man in Israel Shoah, in vielen anderen Ländern den Holocaust nennt. Es sammelt Zeugnisse und Zeugenaussagen, zeigt die Normalität vor, während und nach der Shoah - und erschüttert gerade darum, weil es neben den absoluten Horror des Mordes die bittersüße Erinnerung an das Davor setzt.

So weiß auch der Besucher des Online-Fotoarchivs, das die Gedenkstätte Jad Vashem nun mit Hilfe des US-Unternehmens Google digitalisierte und öffentlich machte, nicht, was ihn beim Klick in die Bildergalerien erwartet: Szenen des Land- und Familienlebens in Lodz, Akten der Stasi mit Fotozeugnissen der Massengräber eines Konzentrationslagers, Erinnerungsfotos eines deutschen Soldaten, der verhungernde Kinder fotografierte - oder Schnappschüsse von Massenerschießungen.

Keine statische Dokumentation, sondern kollektive Erinnerung

Die Betreiber des berühmten Archivs haben gemeinsam mit Google in einem ersten Schritt 138.327 Bilder in hoher Auflösung ins Netz gestellt. Für alle, die sich mit dem Holocaust beschäftigen, soll damit eine wertvolle Quelle verfügbar werden. Nutzer sollen künftig auch selbst ihre eigenen Geschichten hinzufügen können, teilten Jad Vashem und Google am Mittwoch mit.

"Wir konzentrieren uns darauf, neue innovative Wege zu finden, um die enorme Datenmenge in unseren Archiven für eine globale Zielgruppe zugänglich und durchsuchbar zu machen", sagt Avner Shalev, Vorsitzender von Jad Vashem. Auch schwer auffindbare Dokumente sollen über die neue Internetpräsenz nun durchsuchbar sein.

Für die Digitalisierung hat Google eine optische Zeichenerkennungstechnologie eingesetzt. "Wir sehen die Digitalisierung als eine große Chance, wichtige Materialien auszutauschen und zu verbreiten, die in Archiven aufbewahrt werden", sagte Yossi Matias, Direktor von Googles Forschungs- und Entwicklungszentrum in Israel.

Das Holocaust-Archiv Jad Vashem wurde 1953 in Jerusalem gegründet und gilt als bedeutendste Gedenkstätte für die Verfolgung und Ermordung der Juden während des Nationalsozialismus. Von der Partnerschaft mit Google erhofft sich das Archiv, über das Internet neue Zielgruppen und auch mehr junge Menschen weltweit anzusprechen. Vor zwei Jahren wurde bereits ein eigener YouTube-Kanal mit Videos und Berichten von Holocaust-Überlebenden ins Netz gestellt.

pat/dpa

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