"Digitale Paranoia" von Jan Kalbitzer Warum uns das Internet Angst einjagt

Macht das Internet dumm, Facebook unglücklich? In seinem Buch geht der Psychiater Jan Kalbitzer unserer Angst vor dem Digitalen auf den Grund und leitet Leser auf einen schmerzhaften Pfad der Selbsterkenntnis.

Frau mit Smartphone
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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ein Patient mit Wahnvorstellungen, hervorgerufen durch exzessive Twitter-Nutzung: Dieses Fallbeispiel war wie gemacht für Internetskeptiker und Digitalhasser. Psychiater Jan Kalbitzer veröffentlichte es vor einigen Jahren in einem wissenschaftlichen Text.

Prompt geriet er zwischen die Fronten der Netzenthusiasten und der Bedenkenträger, er hatte der Debatte um die Gefahren des Internets neues Futter geliefert. Von einer Seite kam ein veritabler Shitstorm. Der Psychiater schaltete seinen Router aus, um der Diskussion über sich im Netz zu entfliehen. Aber das Thema hatte ihn gepackt.

Das Ergebnis ist Kalbitzers Buch über unsere - oft irrationale - Beziehung zum Internet. "Digitale Paranoia" hat Kalbitzer sie und das Buch genannt. Statt wie andere Autoren mit möglichst krassen Fallbeispielen und Studien Hass aufs Digitale zu schüren, ergründet Kalbitzer in dem am Montag erschienenen Buch geläutert und erfreulich unaufgeregt unser Treiben im Netz - und macht eine selten gefühlte Lust darauf, sein eigenes Onlineverhalten zu analysieren.

War vor dem Internet nicht alles besser?

Kalbitzers pragmatischer Befund gleich zu Anfang: Das Internet ist da und geht auch nicht mehr weg. Also lasst uns überlegen, wie wir das Beste daraus machen. Diese Erkenntnis wäre nicht sonderlich erwähnenswert, gäbe es nicht allerorten von Untergangspropheten zu lesen, die eine Rettung vor der digitalen Verdummung einzig und allein durch ein eremitenhaftes Dasein ohne Smartphone gesichert sehen.

Psychiater Kalbitzer erteilt hingegen Kollegen eine Absage, die wie der umstrittene Hirnforscher und Internet-Hasser Manfred Spitzer bereits herausgefunden haben wollen, dass das Internet uns dicker und dümmer und einsamer macht.

Über den Buchautor
  • Praxis Kalbitzer
    Jan Kalbitzer ist Psychiater und leitet das Zentrum für Internet und seelische Gesundheit an der Berliner Charité. In seinem Buch "Digitale Paranoia" stellt Kalbitzer, 38, die Frage, wie ein gesunder Umgang mit dem Internet aussieht.

Beim Aufbau seines Buchs hat Kalbitzer sich vom Vorgehen eines Psychiaters inspirieren lassen, der einen Patienten untersucht: Er prüft die Wachheit des Patienten und seine Orientierung, bevor er auf kognitive Aspekte und seine mehr oder weniger bestimmten Stimmungen und Ängste im Bezug auf das Internet zu sprechen kommt.

Tatsächlich dürften sich viele vor dem digitalen Kontrollverlust fürchten. Die ständige Erreichbarkeit. Und den vergangenen Sonntag hat man irgendwie auch nur auf Facebook verdaddelt, warum eigentlich? War früher, ohne das Netz, nicht alles einfacher, Freundschaften echter? Kalbitzers Buch richtet sich an diejenigen Internetnutzer, die das diffuse Gefühl verbindet, dass das Netz ihnen nicht gut tut. Und die doch genau wissen: Komplett offline sein geht auch nicht mehr.

Experimente statt Horrorbeispiele

"Wir werden einen guten Umgang mit dem Internet nicht dadurch finden, dass wir uns festlegen, noch bevor wir uns ausreichend mit dem Phänomen auseinandergesetzt haben", schreibt Kalbitzer dazu und stellt zwölf Experimente vor. Manche funktionieren spielerisch, etwa wenn Kalbitzer seine Leser zu dem Versuch anregt, ein digitales Alter Ego nach den eigenen Wünschen aufzubauen und beispielsweise einen anonymen Instagram-Account voller Lieblingsfotos einzurichten. Wer ist man im Digitalen und wer möchte man sein?

In einem anderen Experiment soll der Leser darauf achten, an welchen Orten er das Internet wie nutzt und was das mit der Stimmung macht: Arbeitshandy nur im Büro checken, Skypen mit Freunden nur im Wohnzimmer, Instagram nur im Garten. Im Netz ist Räumlichkeit völlig egal. Was aber passiert, wenn man seine Internetnutzung an seine Umgebung rückkoppelt? Andere Experimente erfordern mehr als nur den Willen zur Selbstbeobachtung, etwa wenn Kalbitzer Anleitung gibt, mit einem Verschwörungstheoretiker aus dem Netz das Gespräch zu suchen.

Eltern sollten ihren Kindern ins Netz folgen

Das Prinzip der Experimente entwickelt schnell seinen Reiz für den Leser, auch wenn manche davon trivial klingen mögen. Sie führen zumindest vor Augen, wie unreflektiert wir das Netz häufig nutzen. Wer hat noch nie das Smartphone aus der Tasche gefischt, ohne eigentlich genau zu wissen, zu welchem Zweck? Das Internet ist in den seltensten Fällen Quell des Übels. Es wird zum Austragungsort von problematischen Verhaltensweisen, die es auch ohne das Netz gäbe, macht das Buch deutlich.

Für Eltern, die sich über die Internetsucht ihres Kindes Sorgen machen, hat Kalbitzer einen einfachen Vorschlag, der sein Buch abhebt von vielen anderen Sachbüchern zum Thema: Fasst euch an die eigene Nase. Statt sich über die vermeintliche Verdummungs-Gefahr zu ärgern, sollten Eltern lieber ihren Kindern ins Netz folgen - und sich der schwierigen Aufgabe stellen, in einem tendenziell grenzenlosen Raum sinnvolle Grenzen zu setzen für den Nachwuchs.

Das Internet ist kein Privatproblem

Kalbitzers Buch ist da gut, wenn es darum geht, das Verhältnis des einzelnen Nutzers zum Internet zu beleuchten. Wie wir das Internet nutzen und wie es unseren Alltag verändert ist aber längst nicht nur eine persönliche Frage. Das Internet ist kein Privatproblem jedes Einzelnen. Konzerne wie Google und Facebook verdienen mit den Daten ihrer Kunden viel Geld. Regierungen nutzen das Netz als Überwachungsinstrument.

Hier kommt Kalbitzers Ansatz erkennbar an seine Grenzen. Der Autor drückt sich immerhin nicht um diesen gesellschaftlich-politischen Aspekt des Netzes. Aber die Passagen zählen zu den schwächeren des Buchs, etwa wenn es um den Überwachungsapparat geht, den der Whistleblower Edward Snowden aufgedeckt hat. Paranoides Verhalten erscheint angesichts der enthüllten Spitzelprogramme plötzlich als eine überaus vernünftige Reaktion.

Aus dem Überwachungsdilemma kann einen natürlich kein Buchexperiment befreien, das ist auch Kalbitzer bewusst. Er rät, sich zu informieren, sich vielleicht doch bei einem der großen Dienste abzumelden, gegen Überwachung zu demonstrieren, für gute Manieren im Netz einzutreten.

"Sie müssen nicht zum Revolutionär werden", beruhigt Kalbitzer seine Leser. Doch das klingt schal, wenn danach eine Liste von Vorschlägen kommt, die wohl kaum einer umsetzen wird, weil selbst kleine Schritte doch allzu revolutionär wirken. Die Bequemlichkeit der Menschen ist eben kein Problem, das durchs Internet erst aufkam. Versöhnlich wirkt da Kalbitzers Rat zum Schluss: Nur nicht verrückt machen lassen.

Zusammengefasst: Der Psychiater Jan Kalbitzer analysiert in seinem Buch "Digitale Paranoia" unser Verhältnis zum Internet und versucht, berechtigte Sorgen von irrationalen Ängsten zu trennen. Er hat sich dabei vom Vorgehen eines Psychiaters bei einem Patienten inspirieren lassen. Seine zwölf Experimente animieren zur kritischen Selbstbeobachtung, taugen aber nicht für jede Lebenslage.


"Digitale Paranoia - Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren" von Jan Kalbitzer, C. H. Beck, München, 208 Seiten, 16,95 Euro.

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hello_again 19.09.2016
1. Gesichtsbuchabstinenz
Habe meinen Gesichtsbuch- Account vor 7 Tagen für 7 Tage gesperrt. Bisher gab es eine Rückmeldung, was denn los sei. Gefehlt hat mir nix. Werde trotzdem mal wieder reinschauen
Mara Zimmer 19.09.2016
2. Willkommen in der realen Welt
Facebook, Twitter, Youtube und co. habe ich erfolgreich umschifft, denn ich hatte keine Lust zu liken, zu clicken oder irgendeinen Senf von mir zu geben, wie " Hab heute mittag Spaghetti gegessen - mmh, lecker". Aber um im Gespräch zu bleiben, bei vermeintlichen Freunden oder auch Feinden, muss man wohl versuchen, minütlich auf dem Laufenden zu bleiben in der digitalen Scheinwelt, wo jeder versucht, den anderen entweder zu beeindrucken oder zu mobben. Nein Danke, ich bleibe ICH - bestimmt und bleibe Mensch, der mit Menschen spricht.
rainerwäscher 19.09.2016
3. Das Internet ist nicht böse
Es geht doch gar nicht ums Internet -warum soll ich hier nicht Zeitung lesen und Filme schauen, sondern um die sogenannten social media. Und wer da mitmacht, dem ist nicht mehr zu helfen. Aber Doofe gab es früher auch genug. Die haben halt die Bildzeitung gelesen und RTL2 geschaut.
Newspeak 19.09.2016
4. ...
Die Internetdiskussion ist eine Fernsehdiskussion 2.0. Was wurde früher nicht alles über dieses Medium behauptet. Daß es Menschen dumm macht. Und das war früher, als das Programm noch deutlich besser war! Es ist aber so, wie man damals schon feststellte: Ein Massenmedium macht Dumme dümmer und Intelligente intelligenter, weil Erstere alles so nehmen, wie es kommt, unkritisch und angepasst, während Letztere alles eher hinterfragen und kritisch beleuchten und zu einem eigenen Urteil fähig sind, sich also das heraussuchen, was ihnen nutzt. Manfred Spitzer ist ja ganz nett, aber auch etwas verlogen. Der Mann will seine Bücher verkaufen, deshalb nutzt er selbst doch dieselben Massenmedien, die er anprangert.
MisterD 19.09.2016
5.
Um Social Media kommt man nicht mwhr vollständig herum. Versuchen Sie mal Karriere zu machen, ohne einen guten Auftritt bei Xing oder ähnlichen Jobportalen. Das ist in vielen Branchen heute unmöglich. Auch ohne Facebook-Account wirken Sie schnell so, als hätten Sie etwad zu verbergeb bzw. wären ein wunderlicher Einzelkämpfer. Sich komplett zu entziehen, ist keine Lösung.
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