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Digitale Währung: Gewinner und Verlierer im Bitcoin-Casino

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Bitcoin (Symbolbild): Manchen winkt plötzlicher Reichtum Zur Großansicht
AP/dpa

Bitcoin (Symbolbild): Manchen winkt plötzlicher Reichtum

Die Digitalwährung Bitcoin erlebt einen beispiellosen Boom. Doch nicht alle Nutzer profitieren davon, viele haben ihr Guthaben zu früh verkauft, zu eilig ausgegeben, verschludert oder vergessen. Ein Blick in die Statistik zeigt zudem: Das Vermögen ist extrem ungleich verteilt.

Hamburg - Ab und an hört man an diesen grauen Novembertagen in der Netzwelt-Redaktion ein Seufzen. Ein Seufzen über verpassten Reichtum. Kollege D. beklagt, dass er längst ein Leben in Saus und Braus führen könnte, wenn er damals richtig eingestiegen wäre in die Spekulation mit digitalem Hackergeld. Als SPIEGEL ONLINE im Mai 2011 erstmals ausführlich über die digitale Währung berichtete, über einen Mann mit einer Geldmaschine auf dem Balkon, einen digitalen Goldrausch, war eine Bitcoin noch fünf bis sechs Euro wert. Die Redaktion tätigte damals einen Testkauf für 10 Euro in bar. Gegenwert am Donnerstagabend: Etwa 1500 Euro. Spitzenrendite, aber leider kein Reichtum.

Derzeit ist eine Bitcoin weit mehr als 1000 Dollar wert, und der Kurs steigt immer weiter. Auf einer deutschen Handelsplattform bekam man am Donnerstagabend 830 Euro für eine der virtuellen Münzen. Die einst von vielen belächelte Nerd- und Hacker-Währung könnte in diesen Wochen viele Menschen reich machen - aber die meisten eben nicht. Ein Trost für Kollege D. dürfte es sein, dass er nicht allein ist: Vielerorts schlagen sich Menschen an den Kopf, weil sie ihre Bitcoins zu früh verkauft, zu eilig ausgegeben, verschludert oder vergessen haben.

Millionen, metertief im Müll vergraben

Ein Mann aus Wales zum Beispiel hat vor Monaten erst eine Festplatte weggeworfen, darauf gespeichert war seine digitale Geldbörse mit 7500 Bitcoin. Laut "Guardian" hat er den Betrag im Jahr 2009 "fast kostenlos" hergestellt - Bitcoins kann man nämlich am Computer herbeirechnen. Im Sommer dieses Jahres wurde dann beim Aufräumen die Festlatte ausgemistet, schon da war der Datenträger mit Inhalt 500.000 britische Pfund wert. Jetzt sind es Millionen, die metertief verschüttet auf einer Müllkippe schlummern.

Manche dürften es besser getroffen haben, die Aktivisten von WikiLeaks zum Beispiel, die Spenden in Form von Bitcoins gesammelt haben, oder Edward Snowden, für dessen Unterstützer-Fonds dasselbe gilt. Viele aber dürften von ihrem plötzlichen Reichtum gar nichts wissen.

So wie bis vor kurzem noch der norwegische Student Kristoffer Koch, der vor fünf Jahren als Student 27 Dollar in Bitcoin umgetauscht hat und sie dann vergaß. Schon im Oktober waren seine 5000 Bitcoin plötzlich mehr als 880.000 Dollar wert. Er tauschte ein Fünftel des Guthabens ein und kaufte sich eine schicke Eigentumswohnung in Oslo. Der Rest wäre nach aktuellem Stand Millionen Euro wert.

Was sich abgesehen von spektakulären Einzelfällen über den Bitcoin-Boom sagen lässt und wie sich der plötzliche Reichtum statistisch auf alle Bitcoin-Besitzer verteilt, zeigen unsere Infografiken:

1. Die Menge der Bitcoin-Adressen versechsfacht sich

In den zehn Monaten seit Februar 2013 hat sich die Anzahl aller Bitcoin-Adressen überhaupt auf gut 186.000 versechsfacht - der Boom befeuert auch die Zahl der Bitcoin-Adressen. Wer Bitcoin empfangen oder senden will, muss so eine Adresse erzeugen. Allerdings sagt die Menge der Adressen nichts über die absolute Nutzerzahl - jeder Bitcoin-Besitzer kann jederzeit beliebig viele neue anlegen. Viele Nutzer haben schon diverse erzeugt. Und sei es, um ihr wahres Digitalgeldvermögen zu verschleiern.

2. Die Bitcoin-Menge wächst stetig

Die Summe aller Bitcoins ist durch das grundlegende Protokoll beschränkt: Es wird mit wachsender Geldmenge immer schwieriger, neue Bitcoins zu errechnen. Daher explodiert die Geldmenge nicht, obwohl die Computer immer leistungsfähiger werden - und obwohl die sogenannten Miner viel Geld für schnelle Rechner ausgeben.

3. Der Bitcoin-Wechselkurs explodiert

Das Angebot an Bitcoins wächst langsamer als die Nachfrage - erheblich langsamer als beispielsweise die Menge neuer Bitcoin-Adressen. Deshalb steigt der Preis. Für eine Bitcoin wurden im Februar 2013 beispielsweise etwa 22 Dollar gezahlt, Ende November lag der Preis zeitweise bei mehr als 1000 Dollar.

4. 1000 Konten besitzen fast die Hälfte aller Bitcoin

Das Bitcoin-Vermögen ist extrem ungleich verteilt: Bei 1000 Adressen (etwa 0,5 Prozent aller Bitcoin-Adressen überhaupt) liegen etwa 45 Prozent des Bitcoin-Vermögens. Die Mehrheit dieser Konten dürfte Menschen gehören, die in den Anfangstagen Bitcoin errechneten - Hackern, Zockern und libertären Computerfreunden. Die allermeisten Bitcoin-Adressen halten fast kein Vermögen: Auf die ärmsten 94,76 Prozent der Adressen entfallen gemeinsam gerade einmal 37 Bitcoin.

5. Vermögensverteilung in Deutschland

Das Bitcoin-Gesamtvermögen ist ungleicher verteilt als das Reinvermögen in Deutschland. Gut die Hälfte des Vermögens deutscher Privathaushalte (nach Abzug von Schulden) liegt bei den oberen zehn Prozent der Hauhalte - bei Bitcoins liegt knapp die Hälfte beim oberen halben Prozent der Bitcoin-Adressen. Und es erscheint plausibel, dass hinter 1000 Konten weniger als 1000 Besitzer stehen.

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1.
citizengun 28.11.2013
Das der Bitcoin-Kurs so rasant steigt hängt einfach damit zusammen, dass die Zentralbanken den Markt mit Geld geflutet haben und sich dieses nun nach Investitionen umsieht. Wer zuviel hat, investiert es dort aber da die Gesamtmenge des konventionellen Geldes die Bitcoin-Währungsmenge übersteigt, kann dies natürlich auch sofort zum Absturz führen wenn Bitcoins nur von einigen wenigen gehalten werden. Ausserdem muss man bedenken, dass der Bitcoin Algorithmus so trivial ist, dass parallel dazu unzählige weitere virtuelle Währungen nach dem selben Schema denkbar sind und in der Praxis gibt es diese auch schon. Es ist also verzeihlich nicht investiert zu haben, denn mit den richtigen Massnahmen kann der Bitcoin-Kurs ganz schnell ins Bodenlose stürzen - völlig legal.
2.
Steuerzahler0815 28.11.2013
Warum schreibt eig keiner für welche dunklen Machenschaften Bitcoins verwendet werden? Drogenhandel... Geldwäsche Ich weiß dass Verbote schwer sind bei Digitalen Währungen aber wenn der Besitz ähnlich wie bei Kinderpornografie verboten wird wäre das ein erster Schritt
3. So ist das eben....
fernandooo2012 28.11.2013
....wenn man mit Geld nicht umgehen kann dann ist es weg ! Was ich allerdings nicht verstehe, werden die BITCOIN Konten nich Online geführt ? Wie kann es angehen das mit dem Verlust der Festplatte auch das Guthaben weg ist !?!?!? Da haben die Autoren was falsch abgeschrieben !
4. .
TS_Alien 28.11.2013
Zieht man so eine Masche offline ab, spricht man von einem Pyramidensystem. Die letzten Bitcoin-Besitzer und -Späteinsteiger werden sich noch wundern, was ihre Bitcoins wirklich wert sind. Zieht man so eine Masche online ab (d.h. mit sehr viel mehr Opfern auf der ganzen Welt) und garniert das ganze mit einer "schönen" Geschichte, wird es ein Hype. Die Technik hinter Bitcoins ist völlig nebensächlich. Es geht um die nicht vorhandene Wertbegrenzung von Bitcoins, den potentiellen Nachfragemarkt am Anfang und um den damit verbundenen zwangsläufigen Wertanstieg. Das ist typisch für ein Pyramidensystem.
5.
Satoshi Nakamoto 28.11.2013
Liebe Spiegelredaktion, zunächst einmal begrüße ich sehr, dass sie vermehrt über Bitcoin berichten. Doch warum berichten sie so stark negativ darüber? Allein der Begriff "Hackerwährung" zeigt doch schon ihre Voreingenommenheit und Rückwärtsgewandheit. Viele Kommentare unter ihren Bitcoin-Artikeln spiegeln eine ebensolche Einstellung wieder. Kritik ist wichtig, gerade bei neuartigen Technologien. Doch wäre es zuviel verlangt, wenn sie den Lesern dieser Seite einen Artikel zukommen lassen, der diese vielleicht nicht bloß über "witzige" Geschichten und große Panorama würdige Erflogsgeschichten informiert? Bitcoin stellt eine der innovativsten und aussichtsreichsten Erfindungen der Neuzeit dar, doch nur einige wenige haben bisher hinter die medial erstellte Maske der "dubiosen Hackerwährung" geschaut. Nehmen sie sich ein Herz und informieren sie die Leser über die Technologie dahinter steht. Denn auch aufrichtige und informative Berichterstattung verkauft sich. Bitte lassen sie die Spiegel.de-Leserschaft nicht im Dunkeln. Vielleicht kann ihre Redaktion sogar eine Vorreiterrolle einnehmen? Oder braucht es erst globale Adoption in Twitter- und Facebook-Ausmaßen, damit sie objektive oder sogar positive Facetten einer neuen Technologie beleuchten? MFG, ein besorgter Leser
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