Digitaler Filmvertrieb: Warner verteilt Filme per BitTorrent

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Es war nur eine Frage der Zeit: Zu groß sind die Vorteile der rasend schnellen P2P-Software BitTorrent, um nicht auch die Filmbranche selbst zu reizen. Warner Bros. lassen sich nun als erste auf den legalen P2P-Vertrieb ein - ein Pakt mit dem Teufel?

Man stelle sich vor, es gäbe eine P2P-Software, die umso schneller wird, je mehr Menschen sich an einer Datei bedienen. Die den eigentlichen Server, von dem der Film ins Internet eingespeist wird, nicht über alle Maßen belastet, weil jeder Downloader zeitgleich zum Weiterverteiler des Filmes wird. Die so verbreitet ist, dass es sogar schon Browser gibt, in die die P2P-Software fest eingebaut ist. Die zudem einen Macher hat, der eifrig nach legalen Kooperationen und Geschäften mit der Entertainment-Industrie sucht.

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Man stelle sich vor, es gibt diese Software längst: sie heißt BitTorrent. Bereits 2001 entwickelte der Programmierer Bram Cohen Programm und Protokoll im Alleingang, doch damals beherrschten noch Morpheus und KaZaA die Schlagzeilen wie die P2P-Szene. Dafür sprangen schnell diverse Linux-Distributoren auf den Torrent-Zug auf, denn anders als die meisten anderen P2P-Programme eignet sich BitTorrent ganz besonders gut für den Vertrieb wirklich großer Datenpakete.

Entsprechend ambivalent entwickelte sich das Verhältnis der Industrie zum zunehmend erfolgreichen BitTorrent, das sich den Thron der meistgenutzten P2P-Software seit mehr als zwei Jahren nur zeitweilig durch die "Esel"-Programme wie eDonkey oder eMule streitig machen lässt. Einerseits fürchtet sie die Datendurchsätze der Torrent-Netze, andererseits schielt sie so neidisch wie begehrlich auf das Potenzial der Software, durch kleine Infrastrukturen kräftig sparen zu können. Dass ein paar normale PCs reichen, die weltweite Fangemeinde mit Videos in guter Qualität zu versorgen, führte Peter Jackson mit seinem per BitTorrent verbreiteten Produktionstagebuch zu "King Kong" erfolgreich vor. Die BBC übt derweil in Modellversuchen den kostengünstigen digitalen Vertrieb von TV-Sendungen per Torrent.

Und jetzt kommen die Warner Bros., die sich als erste große Hollywood-Firma auf einen Film- und TV-Show-Vertrieb per Torrent einlassen wollen. Bereits im Laufe des Sommers soll es losgehen.

Bram Cohen hatte sich seit einiger Zeit bemüht, mit den großen Unterhaltungsunternehmen ins Geschäft zu kommen. Obwohl selbst von der P2P-Szene zu einer ihrer Helden erkoren, hat sich Cohen selbst nie für den nicht legalen "Tausch" von Musik oder Filmen über das Netz stark gemacht. Darauf verwies nun auch Ashwin Navin, der Chef von BitTorrent, als er den "Deal" der Presse bekannt gab. Wie genau der Handel aussieht, hat das Unternehmen nicht verraten, aber Gelder werden wohl fließen.

Das Problem DRM

Denn natürlich wird Warner nicht einfach auf die bestehende BitTorrent-Software aufsetzen: Das Unternehmen will seine Inhalte nicht nur verteilen, sondern verkaufen. Die Preise sollen dabei Szene-freundlich klein gehalten werden, TV-Shows eventuell für rund einen Dollar zu haben sein, verriet Navin. Damit setzt Warner auf das Prinzip Discount: Verkaufe billig, aber viel, sehr viel - Aldi lässt grüßen.

Wie Warner das Problem des Digital Rights Management lösen will, ist dagegen nur andeutungsweise bekannt. Es ist nicht vorstellbar, dass der Filmvertrieb ohne Kopierschutz läuft. BitTorrent beruht aber auf dem Prinzip, dass jede heruntergeladene Datei noch während des Downloads häppchenweise weiter verteilt wird. Genau das macht BitTorrent so schnell und so reizvoll für die Industrie: Es sind die Weiterverteiler, die das Gros der Ladelast vom ursprünglichen Server nehmen.

Möglich, dass das DRM auf einer Art digitalem Schlüssel beruht. Da BitTorrent durch seine "Swarming" genannte Technik Dateien nicht nur verteilt, sondern permanent vervielfältigt, müsste der Kopierschutz wohl durch eine Form von "Entschlüsselung" oder Freischaltung der herunter geladenen Datei geregelt sein. In diesem Augenblick ließen sich auch alle herkömmlichen BitTorrent-Programme für den Vertrieb nutzen, mit offensichtlichen Vorteilen.

Wie die Datei, die man sich dann für kleines Geld freikaufen könnte, aussehen würde, verriet Navin dagegen schon: Die Dateien könne man "mieten" - ein klarer Hinweis auf ein eingebautes Verfallsdatum - oder aber als permanente Digitalkopie erstehen. Bei den DVDs setzt Warner künftig auf einen Kopierschutz, der zwar eine Sicherheitskopie erlaubt, aber auch nur das Abspielen auf dem Gerät, auf dem sie kopiert wurde. Denkbar, dass die per BitTorrent vertriebenen Datei über einen ähnlichen Mechanismus verfügen.

Wie auch immer Warner den Teufel P2P zu reiten gedenkt, die Firma wird ein straffes Zaumzeug brauchen - aber das gilt ja auch für all die legalen Musik-Downloadshops, die erfolgreich vorgemacht haben, dass man auch in Zeiten des "kostenlosen" Warenvertriebs durchaus Geschäfte machen kann. Auf die hofft auch Navin. Wenn Warner auch nur fünf, zehn oder 15 Prozent der P2P-User dazu bringen könnte, hätte das "das Potenzial eines riesigen Effektes auf unsere Umsätze".

Da hat er recht, und ganz nebenbei würde die Industrie damit die bisher immer nur theoretischen Umsatzausfälle durch Waren, die "weggefunden" und "getauscht" statt gekauft wurden, in echte Umsätze verwandeln. Für die Kunden ist es nicht weniger reizvoll. Die Kombination von BitTorrent mit einem für die P2P-Szene unüblich groß dimensionierten Uploadserver verspricht laut Warner - eine Breitbandverbindung vorausgesetzt - Film-Downloads in nicht viel mehr als zehn Minuten. Keine guten Zeiten, eine Videothek zu betreiben.

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