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Digitaler Musikverkauf: Verzichtet Emi auf Kopierschutz?

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Die einst zerstrittenen Konzerne Apple und Emi haben für Mittag eine gemeinsame Pressekonferenz in London angesetzt. Nur warum: Geht es um die Beatles - oder um Musikverkauf ohne Kopierschutz?

Die Wetten stehen fifty-fifty, je nachdem, wohin man sieht: Seit langem hat keine bloße Ankündigung einer Pressekonferenz so viel Aufmerksamkeit erregt wie die gemeinsame von Apple und Emi, die für den Mittag in London angesetzt ist. Jetzt überschlägt sich die Gerüchteküche, worum es denn da gehen könnte - denn eine Kooperation zwischen den Firmen gibt es seit langem. Natürlich ist das Gros der Musiktitel im Emi-Katalog über Apples iTunes-Store zu erhalten.

Pilzkopf-Schallplatte mit iPod: Sollte das Beatles-Label nun den Weg in die digitale Neuzeit suchen?
AP

Pilzkopf-Schallplatte mit iPod: Sollte das Beatles-Label nun den Weg in die digitale Neuzeit suchen?

Mit einer prominenten Ausnahme: Bis vor wenigen Wochen stritten sich Emi, das Beatles-Label Apple Records und Apple Inc. darüber, ob sich Apple Inc. überhaupt unter diesem Namen auf dem Musikmarkt engagieren dürfe. Denn da gab es eine alte Vereinbarung aus den Achtzigern, die Steve Jobs Unternehmen genau das verbot: Nach einem Clash um Namensrechte zwischen den Unternehmen war es zu einer Art Konkurrenzausschluss-Garantie gekommen. Apple Computers hatte damals nicht absehen können, dass es sich jemals im Musikgeschäft engagieren würde.

Heute ist Apple Computers - am 9. Januar 2007 höchst symbolträchtig in Apple Inc. umbenannt - der größte Musikhändler der Welt. Ihren Streit legten Plattenlabel und Elektronikunternehmen Anfang Februar 2007 bei, und seitdem gerüchtelt es so beständig wie heftig, bald schon würden auch die bisher vom Online-Vertrieb ausgenommenen Lieder der Beatles über Apples iTunes erhältlich sein. Mit dem Repertoire der Beatles im Angebot könnte Apple nicht nur auf den wohl vollständigsten Popmusik-Katalog im Online-Vertrieb verweisen, es wäre auch ein höchst symbolträchtiger Vorgang: Der lang schwelende Streit Apple gegen Apple steht synonym für die Widerstände der alten "analogen" Musikindustrie gegen die digitale Zeitenwende.

Was ist wirklich wichtig?

Wirtschaftlich wäre all das dagegen weniger relevant - ganz im Gegensatz zum zweiten heißen Kandidaten in der Gerüchteküche. Emi gilt in der Branche unter den großen Labels seit Jahren als das wohl experimentierfreudigste überhaupt. Das Londoner Unternehmen entwickelte bereits Mitte der neunziger Jahre Online-Distributionsformen, scheute dann aber vor deren Einsatz zurück. Als das nächste logische und überfällige große Wagnis gilt es nun, den Online-Vertrieb unter Verzicht auf das bei den Kunden verhasste Digital Rights Management (DRM) zu versuchen.

Denn längst gilt der Kopierschutz als wohl größtes Handelshemmnis im Online-Verkauf. Er sorgt nicht nur dafür, dass die Weiterverbreitung gekaufter Musik unterbleibt, sondern vor allem auch für massenweise Inkompatibilitäten: Da läuft auf einem MP3-Stick nicht, was bei Shop A gekauft wurde, während der andere MP3-Player grundsätzlich WMA-Dateien ablehnt.

Während Shop A das Brennen einmal erlaubt, geht das bei Shop B dreimal, bei Shop C dagegen gar nicht. Da kodieren die einen so, die anderen so und im Extremfall kann sich der frustrierte Kunde die Firmware zum MP3-Player neu aufspielen, weil das ach so tolle DRM die Software des Players zerschossen hat. Im Auto-CD-Player läuft die legal gekaufte Ware (egal, ob Online-Musikshop oder CD) vorsichtshalber gar nicht. All das summiert sich zu mehr als nur einem Ärgernis - es bremst die Kaufwilligkeit.

Denn natürlich will der gemeine Kunde grundsätzlich das Gefühl haben, dass ihm das, was er legal erwirbt, auch wirklich gehört: Wer lässt sich schon gern diktieren, wo und wie oft er welches Musikstück auf welchem Gerät hören darf? Die Erklärungen der Musikindustrie, mit Musikdatei oder CD erwerbe man keinesfalls die Musik selbst, sondern nur ein definiertes Nutzungsrecht daran, das man auch einschränken könne, werden als nicht nachvollziehbar empfunden.

Auch innerhalb der Musikindustrie rumort es deshalb seit längerem. Viele Indie-Labels verzichten seit langem auf DRM und machen damit keine schlechten Erfahrungen. Sollte nun also Emi vorpreschen und den ersten Versuch wagen?

Das "Wall Street Journal" vertritt am Montagmorgen diese These, und wirklich wäre alles andere wohl kaum weltbewegend. So ist das in digitalen Zeiten: Nachrichten über Entscheidungen in Sachen Technik wären weit wichtiger, als die, nun endlich eine berühmte Oldie-Kapelle in der Neuzeit ankommen zu sehen. Gegen Mittag sind wir alle schlauer und wissen, ob heute eine neue Phase in der Geschichte des digitalen Entertainments anbricht oder nicht.

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