Digitaler Nachlass: Was nach dem Tod mit dem Facebook-Profil passiert

Von Carolin Neumann

Zwei amerikanische Start-ups haben Websites gegründet, die Zugangsdaten und Passwörter Verstorbener verwalten. Ganz schön makaber, könnte man meinen - aber in der vernetzten Welt von heute eine Marktlücke.

Jeremy Toemans Großmutter war stolze 94 Jahre alt, als sie starb, ihren Nachlass hatte sie geregelt. Um Kontakt mit den zahlreichen E-Mail-Freunden der technikbegeisterten Verstorbenen aufzunehmen, wollte die Familie in ihr Postfach - ohne Passwort nichts zu machen. Nach diesem Erlebnis gründete Jeremy Toeman seinen Dienst Legacy Locker, der eine sichere Verwaltung von E-Mail-Passwörtern und Community-Zugangsdaten über den Tod hinaus verspricht. Der Nutzer bestimmt Begünstige, die im Fall seines Ablebens ein vorher zusammengestelltes Datenpaket erhalten.

Web-Angebot "Legacy Locker": Digitale Nachlassverwalter

Web-Angebot "Legacy Locker": Digitale Nachlassverwalter

Legacy Locker soll im April starten, ein ähnliches Angebot, VitalLock, im Juli. Die Dienste erschließen damit eine Marktlücke, denn trotz zunehmender Vernetzung machen sich die wenigsten Menschen Gedanken darüber, was nach dem Tod mit ihrem Online-Hab-und-Gut passiert: Passwörter für E-Mail-Accounts, das Facebook-Profil, die MySpace-Seite oder den Zugang zu den bei Flickr gespeicherten Fotos.

Um festzustellen, ob der Besitzer eines virtuellen Schließfachs tatsächlich gestorben ist, nutzen die beiden Dienste ein ähnliches mehrstufiges System: Wenn jemand den Tod eines Nutzers meldet, versucht der Dienst zunächst Kontakt aufzunehmen. Bleibt dies mehrere Male erfolglos, müssen vorher bestimmte Angehörige den Tod bestätigen und schließlich eine beglaubigte Kopie der Sterbeurkunde vorlegen.

Legacy Locker, mit bis zu 300 Dollar ganz schön kostspielig für die Sammlung von ein paar Passwörtern, wendet sich eher an professionelle Nachlassverwalter, der andere Dienst vor allem an Privatpersonen. Die Services sind zwar zunächst für US-Bürger gedacht, zumindest VitalLock will aber auf lange Sicht in anderen Sprachen und unter den rechtlichen Bedingungen anderer Länder zugänglich sein.

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE haben die Verantwortlichen beider Dienste versichert, dass es keinen Anlass für Sicherheitsbedenken seitens der Nutzer gebe. Bei VitalLock werden Informationen zweifach verschlüsselt. "Wir haben zu keiner Zeit Zugang zu unverschlüsselten Daten", verspricht VitalLock-Gründer Bob Stewart, in der Browser-Titelleiste der Website schmückt sich das Unternehmen mit der Bezeichnung "The Swiss Bank of Personal Data". Auch Jeremy Toeman vergleicht sein Angebot Legacy Locker mit einem Hochsicherheitstresor.

Marktlücke in der vernetzten Gesellschaft

Legacy Locker und VitalLock bieten zwar im Grunde nur eine Erweiterung bereits vorhandener Passwort-Speicher-Dienste, reagieren damit aber auf den Bedarf der digitalisierten Gesellschaft. In den vergangenen Jahren wurden in den USA einige Fälle bekannt, in denen den Angehörigen der Zugriff auf das Profil oder in das Postfach des Verstorbenen verwehrt wurde. So öffnete Yahoo zum Beispiel erst auf gerichtliche Anordnung den E-Mail-Account für die Familie eines verstorbenen jungen Mannes.

Der Konflikt zeigt, wie schwierig der Umgang mit Internet-Daten im Todesfall ist: Sollen Angehörige Zugang zu privaten E-Mails bekommen, obwohl sich nicht feststellen lässt, ob dies im Interesse des Verstorbenen ist? Gilt der Schutz der Privatsphäre, die dem Nutzer einst zugesichert wurden, über dessen Tod hinaus? Letztlich geht es auch um die Frage, ob E-Mails oder Nachrichten in sozialen Netzwerken einen anderen Status genießen sollen als Briefe, die Angehörige eventuell in der Wohnung eines Verstorbenen finden.

Deutsche Telekommunikationsunternehmen gehen unterschiedlich an das Thema heran. "Wenn der Inhaber eines E-Mail-Accounts verstirbt, können die Erbberechtigten gegen Vorlage des Erbscheins Zugriff auf das Postfach erhalten", erklärt Nadja Elias, Pressesprecherin der GMX GmbH auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Auch das Netzwerk Wer-kennt-wen und der E-Mail-Anbieter Web.de gewähren den Erben Zugriff auf das Profil. Die Portale StudiVZ, SchülerVZ und MeinVZ klären laut Pressesprecher Dirk Hensen im Einzelfall mit den Angehörigen, ob das Profil eines Verstorbenen gesperrt wird oder ob sich Freunde und Bekannte auf diesem Weg verabschieden können.

Yahoo Deutschland geht vorsichtiger mit der Privatsphäre seiner Nutzer um: "Ein Account wird auf Wunsch der Angehörigen und nach Vorlage der Sterbeurkunde gelöscht, aber es wird kein Zugriff gewährt", sagt eine Sprecherin auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Facebook belässt Profile von Verstorbenen für eine gewisse Zeit online. "So können sich Familienmitglieder und Freunde in ihrer Trauer austauschen. Auf Wunsch können die Angehörigen das Profil bestehen oder löschen lassen", so eine Sprecherin des Unternehmens.

Post von einem Toten

Das Konzept hinter Legacy Locker und VitalLock mag makaber wirken, ist letztlich jedoch nur die logische Weiterentwicklung altgedienter Berufszweige. Bestattungsunternehmen, Blumenhändler, Zeitungen, die Todesanzeigen abdrucken: Sie alle leben - die einen mehr, die anderen weniger - vom Geschäft mit den Angehörigen Verstorbener. Jetzt, da sich ein immer größerer Teil des Lebens im Internet abspielt, wird es immer wichtiger, sich rechtzeitig damit auseinanderzusetzen, was mit all den Accounts - ob aktiv oder nicht - nach dem Ableben passiert.

Legacy Locker und VitalLock kümmern sich übrigens nicht nur um den digitalen Nachlass, sondern ermöglichen es dem Nutzer auch, Botschaften für Angehörige zu hinterlassen, die dann im Fall des Todes übermittelt werden. Mit dem gleichen Ziel hat ein britisches Unternehmen vor einigen Wochen Last Post ins Leben gerufen. Anstatt nur E-Mails sammelt Last Post traditionelle Briefe, die man an seine Angehörigen schreibt, und leitet sie im Fall des Todes zu einem gewünschten Zeitpunkt weiter. Damit die letzten Sendungen auch sicher sind, werden sie anonym gelagert - angeblich in 1000 Kilogramm schweren feuersicheren Safes.

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