Netzwelt

Digitalisierung der Arbeit

Lernt was Ordentliches! Aber was?

Wer etwas Ordentliches gelernt hat verdient auch ordentlich? Früher war das so. Doch die goldenen Zeiten garantierten Wohlstands sind vorbei. Der Digitalisierung dafür die Schuld zu geben, ist zu kurz gedacht.

Eine Kolumne von

DPA

Ein junger Mann vor einem Schild der Arbeitsagentur

Mittwoch, 05.07.2017   16:26 Uhr

Der CDU-Generalsekretär hat etwas getwittert: "Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs." Unabhängig davon, dass das an einen rechtsradikalen Nutzer gerichtet war und sich Tauber inzwischen entschuldigt hat, offenbart der Tweet ein, vielleicht sogar das grundlegende Problem dieses Landes:

Hinter der vordergründigen Herablassung in Taubers Tweet steht der parteiübergreifende Glaube, dass eine gute Ausbildung den wirtschaftlichen Aufstieg garantiert.

Das war nie falscher als heute. Meiner Ansicht nach gibt es dafür zwei Gründe. Der eine liegt in der Zukunft, der Digitalisierung. Der andere in der Vergangenheit. Die Bundesrepublik ist mit ihrem Gründungsmythos Wirtschaftswunder aufgebaut worden, es galt das ökonomische Aufstiegsversprechen für alle. Die Metapher von den "blühenden Landschaften" trug nach dem Ende der DDR maßgeblich zur Wiedervereinigung bei.

Die Essenz dieses Aufstiegsversprechens ist den Worten Taubers ähnlich: Bildung ergibt Wohlstand. Mehr Bildung ergibt mehr Wohlstand. Bildung wird zwischenzeitlich als Universalantwort auf alle gesellschaftlichen Fragen gehandelt, weil sie so schön widerspruchsarm ist. Wer ist schon gegen Bildung?

Jeden Monat ein neuer Käfer

Soziale Ungerechtigkeit lässt sich im Jahr 2017 zum Beispiel daran erkennen, wie schlecht systemrelevante und kräftezehrende Ausbildungsberufe in der Pflege bezahlt werden. Oder daran, dass rund 40 Prozent der Alleinerziehenden Hartz IV beziehen. Oder daran, dass viele Menschen mit ihrer Arbeit so wenig verdienen, dass der Staat sie bezuschussen muss. Mehr als die Hälfte jener, deren Gehälter derart aufgestockt werden müssen, sind Fachkräfte. Ein klarer Hinweis auf einen Abschied von der Formel "Bildung gleich Wohlstand".

Wie dysfunktional diese Formel, dieses tauberhafte Versprechen des Nachkriegsdeutschland geworden ist, erkennt man ironischerweise am Bildungssystem selbst. Dort müsste sich das Versprechen anhand der Bildungsleistung längst erfüllt haben, am Professor beziehungsweise der Habilitation, dem höchsten regulären Bildungstitel. Natürlich sind Professoren in Deutschland nicht arm. Aber im Kontrast zum politischen Bildungsmantra lässt sich ein verstörender, symbolkräftiger wirtschaftlicher Sinkflug erkennen, den der Ökonometrie-Forscher Alexander Silbersdorff analysiert hat.

Ein westdeutscher Juraprofessor verdiente 1963 im Schnitt 45.900 Mark brutto pro Jahr. Heute entspräche das 94.235 Euro. Doch stattdessen verdienten Professoren mit der Besoldungsstufe W2 in 2011 brutto zwischen 58.692 Euro (Brandenburg) und 68.712 Euro (Hessen) im Jahr. Zwar können leistungsbezogene und andere, verhandelbare Zuschläge hinzukommen - aber die Tendenz ist eindeutig. Sie wird noch eindrücklicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass 1962 ein VW Käfer 4.200 DM kostete. Der durchschnittliche Jura-Professor verdiente im Wirtschaftswunder fast jeden Monat einen fabrikneuen VW Käfer.

Es gibt keine Ausbildung mit lebenslanger Jobgarantie mehr

Aber der wichtigste Begriff in Taubers hingeworfenem Tweet ist "was Ordentliches gelernt". Hier beginnt das Zukunftsdrama. Denn es ist mit der Digitalisierung völlig unklar, was "etwas Ordentliches" sein soll, wenn man es nur nach dem ökonomischen Erfolg bewertet. Dass noch vor 20 Jahren eine Banklehre als Jobgarantie gehandelt wurde, die inzwischen genau das nicht mehr ist, ist ein Allgemeinplatz, aber nur der Anfang. Ich behaupte: Durch die Digitalisierung lässt sich derzeit eigentlich keine Ausbildung mit lebenslanger Garantie zum gut bezahlten Job absehen.

"Programmiererin!" rufen Leute, die nicht erkennen, dass dieser Beruf ungefähr so vielfältig ist wie "im Krankenhaus arbeiten", wo es hochbezahlte Spezialisten gibt, deren Aussichten anders zu bewerten sind als die der Hilfskräfte. Die Digitalzeitschrift "Wired" erklärte Programmieren sogar zum "next big blue-collar job", Programmierer seien die neuen Fabrikarbeiter. In jedem Fall verändert sich Programmierung in den nächsten Jahren stark, etwa durch künstliche Intelligenz.

Das deutet auf das neue Bildungsversprechen hin: Wenn Du Dich ohne Unterlass weiterbildest, hast Du in zehn Jahren noch einen Job. Vielleicht. "Lifelong Learning" als Mischung aus Selbstverständlichkeit und Drohung, weil sich so viele Arbeitsprozesse so schnell verändern oder ganz automatisieren. Aus 100 Fernfahrern werden mit selbstfahrenden Lkw fünf Software-Ingenieure und fünf Leute, die im Callcenter Supportanfragen abwimmeln. Eine andere Folge ist weniger offensichtlich, sie betrifft das Ausbildungsherz des Landes: Facharbeiter.

Ausgerechnet an einem edlen und unterstützenswerten Projekt der führenden, deutschen Robotik-Firma Kuka lässt sich ein künftiges Sorgenfeld erahnen. Bei der Lebenshilfe Limburg GmbH stehen Werkstattroboter für geistig behinderte Menschen. Sie stellen sich auf das unterschiedliche Leistungsvermögen der jeweiligen Mitarbeiter ein und ermöglichen so Teilhabe durch einen echten Job. Diese Roboter zeigen aber auch die Ambivalenz. Immer größere Teile der Ausbildungsintelligenz wandern in die Maschinen.

Das Versprechen Bildung gleich guter Job gleich Wohlstand ist defekt

In der kapitalistischen Verwertungslogik bedeutet das: Wenn die Maschine intelligenter wird, kann sie auch von einer weniger gut ausgebildeten Person bedient werden. Die wiederum wird schlechter bezahlt. Marx' Mehrwert mutiert vom Menschen weg in die Maschine. Aus 100 Facharbeitern werden zehn Software-Ingenieure, zehn Wartungskräfte und 80 ungelernte Maschinenbegleiter. Oder 70 oder 20 oder gar keine.

Mit der Digitalisierung muss erst mal davon ausgegangen werden, dass sich früher oder später fast alles automatisieren lässt. Der Kampf um dieses "fast" markiert die Beziehung zwischen Bildung, Arbeit und Wohlstand. Ich glaube nicht an eine Ersetzung aller Arbeitskräfte durch Technologie - sondern an eine massive Verschiebung.

Das macht Ausbildungen nicht sinnlos, aber ökonomisch unsicherer. Und damit zum Handlungsfeld der Politik, schon weil man sich in diesen Zeiten nicht vorstellen möchte, wie Deutschland mit 20 Millionen Arbeitslosen aussähe. Fortschritt durch Digitalisierung ist schon toll, aber eben nicht automatisch für alle.

Kurz vor der Bundestagswahl haben die großen Volksparteien für dieses Problem Antworten. "Unser Ziel ist klar: Am Ende des Transformationsprozesses soll es in Deutschland mehr Arbeitsplätze geben als heute", schreibt die CDU. Bezogen auf das Bildungswohlstandsversprechen irritiert, dass da nur "mehr Arbeitsplätze" steht und nicht "bessere" oder "gut bezahlte".

Leider steht die SPD nur wenig besser da, obwohl sie schon länger an der Zukunftsvision der Arbeit arbeitet: "Arbeiten 4.0 heißt für uns: Gesetzliche Rahmenbedingungen, tarifvertragliche Regelungen und betriebliche Ausgestaltung müssen ineinandergreifen, um die Chancen zu nutzen." Die SPD legt mehr Wert auf gut bezahlte Arbeit - aber die genannten Begriffe lassen erahnen, dass vor allem mit den starren Instrumenten des 20. Jahrhunderts operiert werden soll. Nach der Bewertung des digitalen Wandels in Verbindung mit dem bisherigen Oeuvre der Partei glaube ich nicht, dass das ausreicht.

Denn das Versprechen Bildung gleich guter Job gleich Wohlstand ist defekt. Schon eine ganze Weile. Die unausweichliche Digitalisierung ist daran nicht schuld, aber sie verstärkt den Effekt. Und dafür brauchen wir eine gesellschaftliche Lösung. Schnell.

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