Digitalisierung der Arbeit Lernt was Ordentliches! Aber was?

Wer etwas Ordentliches gelernt hat verdient auch ordentlich? Früher war das so. Doch die goldenen Zeiten garantierten Wohlstands sind vorbei. Der Digitalisierung dafür die Schuld zu geben, ist zu kurz gedacht.

Ein junger Mann vor einem Schild der Arbeitsagentur
DPA

Ein junger Mann vor einem Schild der Arbeitsagentur

Eine Kolumne von


Der CDU-Generalsekretär hat etwas getwittert: "Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs." Unabhängig davon, dass das an einen rechtsradikalen Nutzer gerichtet war und sich Tauber inzwischen entschuldigt hat, offenbart der Tweet ein, vielleicht sogar das grundlegende Problem dieses Landes:

Hinter der vordergründigen Herablassung in Taubers Tweet steht der parteiübergreifende Glaube, dass eine gute Ausbildung den wirtschaftlichen Aufstieg garantiert.

Das war nie falscher als heute. Meiner Ansicht nach gibt es dafür zwei Gründe. Der eine liegt in der Zukunft, der Digitalisierung. Der andere in der Vergangenheit. Die Bundesrepublik ist mit ihrem Gründungsmythos Wirtschaftswunder aufgebaut worden, es galt das ökonomische Aufstiegsversprechen für alle. Die Metapher von den "blühenden Landschaften" trug nach dem Ende der DDR maßgeblich zur Wiedervereinigung bei.

Die Essenz dieses Aufstiegsversprechens ist den Worten Taubers ähnlich: Bildung ergibt Wohlstand. Mehr Bildung ergibt mehr Wohlstand. Bildung wird zwischenzeitlich als Universalantwort auf alle gesellschaftlichen Fragen gehandelt, weil sie so schön widerspruchsarm ist. Wer ist schon gegen Bildung?

Jeden Monat ein neuer Käfer

Soziale Ungerechtigkeit lässt sich im Jahr 2017 zum Beispiel daran erkennen, wie schlecht systemrelevante und kräftezehrende Ausbildungsberufe in der Pflege bezahlt werden. Oder daran, dass rund 40 Prozent der Alleinerziehenden Hartz IV beziehen. Oder daran, dass viele Menschen mit ihrer Arbeit so wenig verdienen, dass der Staat sie bezuschussen muss. Mehr als die Hälfte jener, deren Gehälter derart aufgestockt werden müssen, sind Fachkräfte. Ein klarer Hinweis auf einen Abschied von der Formel "Bildung gleich Wohlstand".

Wie dysfunktional diese Formel, dieses tauberhafte Versprechen des Nachkriegsdeutschland geworden ist, erkennt man ironischerweise am Bildungssystem selbst. Dort müsste sich das Versprechen anhand der Bildungsleistung längst erfüllt haben, am Professor beziehungsweise der Habilitation, dem höchsten regulären Bildungstitel. Natürlich sind Professoren in Deutschland nicht arm. Aber im Kontrast zum politischen Bildungsmantra lässt sich ein verstörender, symbolkräftiger wirtschaftlicher Sinkflug erkennen, den der Ökonometrie-Forscher Alexander Silbersdorff analysiert hat.

Ein westdeutscher Juraprofessor verdiente 1963 im Schnitt 45.900 Mark brutto pro Jahr. Heute entspräche das 94.235 Euro. Doch stattdessen verdienten Professoren mit der Besoldungsstufe W2 in 2011 brutto zwischen 58.692 Euro (Brandenburg) und 68.712 Euro (Hessen) im Jahr. Zwar können leistungsbezogene und andere, verhandelbare Zuschläge hinzukommen - aber die Tendenz ist eindeutig. Sie wird noch eindrücklicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass 1962 ein VW Käfer 4.200 DM kostete. Der durchschnittliche Jura-Professor verdiente im Wirtschaftswunder fast jeden Monat einen fabrikneuen VW Käfer.

Es gibt keine Ausbildung mit lebenslanger Jobgarantie mehr

Aber der wichtigste Begriff in Taubers hingeworfenem Tweet ist "was Ordentliches gelernt". Hier beginnt das Zukunftsdrama. Denn es ist mit der Digitalisierung völlig unklar, was "etwas Ordentliches" sein soll, wenn man es nur nach dem ökonomischen Erfolg bewertet. Dass noch vor 20 Jahren eine Banklehre als Jobgarantie gehandelt wurde, die inzwischen genau das nicht mehr ist, ist ein Allgemeinplatz, aber nur der Anfang. Ich behaupte: Durch die Digitalisierung lässt sich derzeit eigentlich keine Ausbildung mit lebenslanger Garantie zum gut bezahlten Job absehen.

"Programmiererin!" rufen Leute, die nicht erkennen, dass dieser Beruf ungefähr so vielfältig ist wie "im Krankenhaus arbeiten", wo es hochbezahlte Spezialisten gibt, deren Aussichten anders zu bewerten sind als die der Hilfskräfte. Die Digitalzeitschrift "Wired" erklärte Programmieren sogar zum "next big blue-collar job", Programmierer seien die neuen Fabrikarbeiter. In jedem Fall verändert sich Programmierung in den nächsten Jahren stark, etwa durch künstliche Intelligenz.

Das deutet auf das neue Bildungsversprechen hin: Wenn Du Dich ohne Unterlass weiterbildest, hast Du in zehn Jahren noch einen Job. Vielleicht. "Lifelong Learning" als Mischung aus Selbstverständlichkeit und Drohung, weil sich so viele Arbeitsprozesse so schnell verändern oder ganz automatisieren. Aus 100 Fernfahrern werden mit selbstfahrenden Lkw fünf Software-Ingenieure und fünf Leute, die im Callcenter Supportanfragen abwimmeln. Eine andere Folge ist weniger offensichtlich, sie betrifft das Ausbildungsherz des Landes: Facharbeiter.

Ausgerechnet an einem edlen und unterstützenswerten Projekt der führenden, deutschen Robotik-Firma Kuka lässt sich ein künftiges Sorgenfeld erahnen. Bei der Lebenshilfe Limburg GmbH stehen Werkstattroboter für geistig behinderte Menschen. Sie stellen sich auf das unterschiedliche Leistungsvermögen der jeweiligen Mitarbeiter ein und ermöglichen so Teilhabe durch einen echten Job. Diese Roboter zeigen aber auch die Ambivalenz. Immer größere Teile der Ausbildungsintelligenz wandern in die Maschinen.

Das Versprechen Bildung gleich guter Job gleich Wohlstand ist defekt

In der kapitalistischen Verwertungslogik bedeutet das: Wenn die Maschine intelligenter wird, kann sie auch von einer weniger gut ausgebildeten Person bedient werden. Die wiederum wird schlechter bezahlt. Marx' Mehrwert mutiert vom Menschen weg in die Maschine. Aus 100 Facharbeitern werden zehn Software-Ingenieure, zehn Wartungskräfte und 80 ungelernte Maschinenbegleiter. Oder 70 oder 20 oder gar keine.

Mit der Digitalisierung muss erst mal davon ausgegangen werden, dass sich früher oder später fast alles automatisieren lässt. Der Kampf um dieses "fast" markiert die Beziehung zwischen Bildung, Arbeit und Wohlstand. Ich glaube nicht an eine Ersetzung aller Arbeitskräfte durch Technologie - sondern an eine massive Verschiebung.

Das macht Ausbildungen nicht sinnlos, aber ökonomisch unsicherer. Und damit zum Handlungsfeld der Politik, schon weil man sich in diesen Zeiten nicht vorstellen möchte, wie Deutschland mit 20 Millionen Arbeitslosen aussähe. Fortschritt durch Digitalisierung ist schon toll, aber eben nicht automatisch für alle.

Kurz vor der Bundestagswahl haben die großen Volksparteien für dieses Problem Antworten. "Unser Ziel ist klar: Am Ende des Transformationsprozesses soll es in Deutschland mehr Arbeitsplätze geben als heute", schreibt die CDU. Bezogen auf das Bildungswohlstandsversprechen irritiert, dass da nur "mehr Arbeitsplätze" steht und nicht "bessere" oder "gut bezahlte".

Leider steht die SPD nur wenig besser da, obwohl sie schon länger an der Zukunftsvision der Arbeit arbeitet: "Arbeiten 4.0 heißt für uns: Gesetzliche Rahmenbedingungen, tarifvertragliche Regelungen und betriebliche Ausgestaltung müssen ineinandergreifen, um die Chancen zu nutzen." Die SPD legt mehr Wert auf gut bezahlte Arbeit - aber die genannten Begriffe lassen erahnen, dass vor allem mit den starren Instrumenten des 20. Jahrhunderts operiert werden soll. Nach der Bewertung des digitalen Wandels in Verbindung mit dem bisherigen Oeuvre der Partei glaube ich nicht, dass das ausreicht.

Denn das Versprechen Bildung gleich guter Job gleich Wohlstand ist defekt. Schon eine ganze Weile. Die unausweichliche Digitalisierung ist daran nicht schuld, aber sie verstärkt den Effekt. Und dafür brauchen wir eine gesellschaftliche Lösung. Schnell.

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Outdated 05.07.2017
1. Leider
Ist die vom Autor bescheriebene Lebenswirklichkeit in der Politik noch nicht angekommen, das liegt auch am Altersdurchschnitt des Wahlfolkes. Ich will damit nicht Unhöflich sein, aber ich sehe bei jedem Gespräch mit meiner Mutter (Ü60) das sie die Welt wie sie heute ist überhaupt nicht mehr versteht, schlichtweg weil eben die Erfahrungen die sie in ihrem Leben gesammelt hat keine Gültigkeit mehr hat. Eine interessante Studie aus den USA zu dem Thema besagte: wer nach 1980 geboren wurde hat nur eine 5% Chance mehr zu verdienen als seine Eltern und das trotz durchschnittlich deutlich besserer Ausbildung.
slowboarder 05.07.2017
2.
Es gibt in unserer Gesellschaft immer noch genügend Jobs, die gemacht werden müssen und die keine Ausbildung benötigen. Wir müssen endlich begreifen, dass wir auch diese Jobs angemessen bezahlen müssen. Jeder, der arbeitet, muss von seiner Arbeit leben können und zwar besser, als jemand der nicht arbeitet. ein betriebswirtschaftlich sinnvoller Mindestlohn ist dann gegeben, wenn sich ein Vollzeitbeschäftigter im Mindestlohn eine Familie mit zwei Kindern leisten kann. (Nach dem Prinzip: Mindestlohn = Mindestpreis für die Ware Arbeitskraft und der Mindestpreis einer Ware richtet sich nach den Herstellkosten)
fusselsieb 05.07.2017
3.
Bildung schützt nicht alleine vor Minijob. Man muß auch die richtige Bildung haben. Leider werden sozial veranlagte Personen ausgenutzt. Leider verhindert die grenzüberschreitende digitale Technik ein vernünftige Bezahlung von z.B. Programmierern oder Supportern. Indien ist Out, Vietnam sind billiger. Und es liegt auch an den Einstellungen der Menschen. Viele haben einfach keine Lust auf Arbeiten. Viele sind nur noch Poser. 9-10 Jahre King auf der Schule und anschließend Hartz4. Wenn man Ausnahmen in die eine Richtung immer wieder als Standard festmacht, dann darf man das auch für die RTL und Pro7 Verblödungsmaschineriegucker machen.
olli0816 05.07.2017
4. Durchaus richtig
Wo ich zustimme: Industrie 4.0 wird die Arbeitswelt stark verändern. Die Crux dabei: Keiner weiß heute, wie schnell die Veränderungen eintreten und wie genau sich das auf die Arbeitsplätze auswirkt. Ich bin in einem zukunftsorientierten Bereich tätig und sehe auch, dass sehr viel über künstliche Intelligenz, IoT, Robotik und einige andere schöne Dinge gesprochen wird. Was ich Stand heute nicht sehe: Die flächendeckende schnelle Abschaffung vieler qualifizierter Jobs. Die Jobs, die der Autor beschreibt, sind für Menschen anstrengend. Pfleger benötigt neben körperlicher Robustheit menschliches Einfühlungsvermögen. Ich bin heute 50 und gespannt, ob ich einen Roboter erlebe, der dieses menschliche Einfühlungsvermögen überzeugend rüberbringen kann. Beim autonomen Fahren sieht man eine weitere interessante Entwicklung. Es gibt immer mehr Leute, die über fliegende Drohnen sprechen und die als Alternative zu den autonomen Autos einsetzen möchten. Diese Idee hat natürlich Charme, weil man nur in der Luft auf andere Verkehrsteilnhemer achten müßte. Nachteil ist, dass sie abstürzen können. Der überlegenswerteste Punkt wäre: Kann man denn anfangs, wenn man die ersten arbeitstechnischen Auswirkungen sieht, nicht damit anfangen, für jeden erstmal die Arbeitszeit zu kürzen bei entsprechendem Lohnausgleich. Jetzt werden manche aufjaulen: Wer soll das bezahlen? Aber durch die Automatisierung wird die Wertschöpfung erhöht. Was wäe so schlimm, wenn die Leute z.B. 2025 oder 2030, wenn erste massive Verbesserungen durch Automatisierung eintreten, eine Vollzeitstelle nur noch 4 Tage/Woche wäre? Das wäre für die Mehrheit ein starker Qualitätsgewinn. Was ich an vielen Artikeln - wie auch diesem hier - stark vermisse ist der Gedanke, wie wir mit dem Vorteil der Maschinenarbeit unser Leben lebenswerter machen können. Nicht Vollbeschäftigung bei möglichst viel Arbeit ist Lebensqualität. Auch wenn es einige Leute gibt, die sich über den Beruf identifizieren, so ist das bei der Masse nicht der Fall. Das heißt, wir sollten uns mit dem Fortschritt der Technik überlegen, wie wir unsere Gesellschaft verbessern und lebenswerter für jeden von uns gestalten können. Da vermisse ich die Vorreiter. Ein autonomes Auto ist sicher eine tolle Sache, wird aber nur ein kleiner Bestandteil - wenn überhaupt - unserer zukünftigen technologischen Möglichkeiten sein. Wir können das negativ einsetzen aber auch positiv wie jede Technologie, die im einzelnen entwickelt wird. Aber wir sollten mal anfangen, wie wir das in Zukunft einsetzen möchten und was unsere Gesellschaft insgesamt sich wünscht. Das wären Felder für die Politik und Wissenschaft. Nur wo sind sie, unsere Visionäre? In der Politik sind sie nicht da und unser Volk ist auch noch so doof, den ständigen Stillstand/Rückwärtsgewandheit der SPD und CDU/CSU zu folgen. Man muß aber auch fair sein: keine Partei deckt diesen Fragenkomplex ab. Bei der Wissenschaft schauts schon zaghaft anders aus. Nur die hat keinen direkten Einfluß, außer sie bringt über ein Unternehmen konkret z.B. die fliegende Drohne für Menschen oder was auch immer heraus. Also Lobo, denk mal drüber nach, was Du dir wünschtst und schreibe einen Kommentar.
cokommentator 05.07.2017
5. Zu spät!
Es ist für einen gesellschaftlichen Wandel bereits zu spät. Zu lange haben alle zugesehen, wie einerseits die Menge Menschen nicht mehr kontrollierbar zunimmt und gleichzeitig alles getan wird, dass diese Menschen arbeitslos werden. Alles zum Wohle der Arbeitgebenden. Denn die verdienen am Einsatz jeden Roboters (jeder Maschine) doppelt und dreifach. Weil der Roboter präziser arbeitet, weil er mehr arbeitet, weil er kaum bis gar nicht krank ist, weil er für jeden Job einsetzbar ist, weil er in keine Rentenkasse einzahlt und weil er sogar noch vom Staat direkt oder indirekt bezuschußt wird. Aus welchem Grund sollten da Arbeitgeber auf den verstärkten Einsatz von "Robotern" verzichten? Etwa weil der Roboter Menschen arbeitslos macht? Nein. Das kostet den Arbeitgeber kein Geld. Weil immer mehr Menschen immer weniger lebenswerte Jobs bekommen? Nein. Das spart dem Arbeitgeber Kosten. Weil der Arbeitgeber keine Menschen mehr findet, die seine Produkte kaufen können? Das wäre der einzige Denkansatz, der bei Arbeitgebern eine Aussicht auf Beachtung finden könnte. Aber halt erst, wenn es zu spät ist und die Menschheit sich gegenseitig umbringt. Wir haben ja schon erste Ansätze dazu. Auch wenn sie noch als Kampf der Kulturen umschrieben werden.
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